Skandal in Tirol

3-Jähriger stirbt an Behandlung, Ärzte weiter im Dienst

Österreich
06.10.2010 22:42
Weil ein Gutachten die behandelnden Ärzte des in der Innsbrucker Klinik gestorbenen dreijährigen Buben schwer belastet, fordert die Mutter des Kindes nun Konsequenzen. "Die zwei Ärzte sollen suspendiert werden", verlangte die Frau am Mittwoch bei einer Pressekonferenz. Derzeit versehen die Männer, deren Behandlung zum Tod des Kindes geführt hatte, jedoch weiter ihren Dienst.

"Mein Kind lag zwei Stunden in Krämpfen, hatte steife Beine und niemand ist gekommen", schilderte die Mutter. Sie habe mehrfach darauf hingewiesen, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimme, man hätte sie aber über zwei Stunden nicht ernst genommen: "Mein Kind wäre zu retten gewesen." Eine finanzielle Entschädigung kommt für die Mutter nicht in Betracht: "Ich fordere aber strafrechtliche Konsequenzen."

Suspendiert wurden die behandelnden Ärzte des toten Dreijährigen laut Andreas Steiner, Vorstand der Tiroler Landeskrankenanstalten (Tilak), aber nicht. Die einzige Konsequenz für die Mediziner nach den Erkenntnissen des Gutachtens: Sie dürfen vorerst nur mehr gemeinsam mit Kollegen arbeiten. Ihnen wird außerdem eine psychologische Betreuung ermöglicht.

Ärzte unterschätzten Vorerkrankung des Kindes
Das am Mittwoch vorgelegte Gutachten belastete die behandelnden Ärzte schwer. Laut der von der Tilak in Auftrag gegebenen Expertise stehe "der Tod des Patienten in direktem Zusammenhang mit der Behandlung", erklärte der stellvertretende ärztliche Direktor Alois Obwegeser am Mittwoch. Außerdem liege "eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vor".

Das an chronischer Niereninsuffizienz leidende Kind war im April nach einer fast überstandenen Scharlacherkrankung wegen Verstopfung behandelt worden und an einer Stoffwechselentgleisung gestorben. Bei dem Patienten hätten zwei Risikofaktoren bestanden: "Das Alter und die chronische Niereninsuffizienz", erläuterte der Direktor. Die Erkrankung sei den behandelnden Ärzten bekanntgewesen, gestand Obwegeser ein. Es seien insgesamt vier Einläufe aufgrund einer länger andauernden Verstopfung verabreicht worden. Bei dem Präparat habe es sich um ein Standardprodukt gehandelt, das rezeptfrei erhältlich und weltweit "täglich bei Tausenden von Kindern angewendet" werde.

Auf die Frage, warum trotz Verschlechterung des Gesundheitszustandes und Verlangen der Eltern zwei Stunden lang keine ärztliche Hilfe gekommen sei, antwortete der stellvertretende ärztliche Direktor: "Die Erkrankung wurde von den Ärzten unterschätzt". Es habe eine Abfolge von nicht korrekt bewerteten Dingen gegeben. "Wenn wir sofort gekommen wären, wäre die Chance größer gewesen", räumte Obwegeser ein.

Tilak einsichtig: "Gutachten spricht klare Sprache"
"Wir sind alle sehr betroffen. Es tut uns unsäglich leid, was hier passiert ist", betonte Tilak-Vorstand Andreas Steiner. Das Gutachten spreche eine "klare Sprache". Die Tilak werde alles dafür tun, "dass so etwas nie wieder passiert". Das Präparat werde ab sofort nicht mehr zur Behandlung von Risikopatienten verwendet, außerdem sei eine Checkliste erstellt worden, um Risikopatienten identifizieren zu können. Bei jedem unklaren Zustand eines Kindes werde künftig eine Blutuntersuchung durchgeführt.

Trotz der eindeutigen Schuldzuweisung lasse das Gutachten aber noch viele Fragen offen, betonte Birger Rudisch von der Patientenvertretung, die die Pressekonferenz der Mutter mitorganisiert hatte. Welche das konkret seien, ließ er vorerst unbeantwortet. Da er die Expertise erst am Dienstagabend erhalten habe, bedürfe es noch einer genaueren Absprache mit den Eltern. Es brauche in der Innsbrucker Kinderklinik jedenfalls einen "Systemwechsel". Die Strukturen müssten verbessert werden.

Patientenvertretung bemängelt "schleppende Aufklärung"
Die Patientenvertretung beklagte zudem die schleppende Aufklärung seitens der Tilak. Die Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit Juni diesen Jahres wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Verhältnissen.

"Wir haben bis heute nicht alle Unterlagen bekommen", kritisierte Birger Rudisch von der Patientenvertretung. Dabei sei es das Recht jedes Patienten, seinen Krankenakt ausgehändigt zu bekommen. Das am Mittwoch präsentierte Gutachten sei Informationen Rudischs zufolge "erst im August in Auftrag gegeben" worden. In derartigen Fällen müsse die Aufarbeitung schneller von statten gehen. "Es kann nicht sein, dass die Eltern des Kindes sechs Monate mit der Ungewissheit, was passiert ist, leben müssen", argumentierte er.

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