30.09.2020 06:00 |

Album „Róisín Machine“

Róisín Murphy: Die Nachtclubs haben wieder offen

Pop-Gourmets wissen: Der Irin Róisín Murphy wurde nie der Ruhm zuteil, den sie verdient hätte. Die einstige Moloko-Hälfte meldet sich mit „Róisín Machine“ wieder eindrucksvoll zurück und lässt die Sheffield-Clubbing-Szene wieder aufleben. Im Interview spricht die 47-Jährige zudem über ihre unbändige Freiheitsliebe.

Zufriedenheit und Ausgeglichenheit sind seltene Charakteristika im Musikbusiness. Eine Branche, die seit jeher nur das „schneller und weiter“ kennt. Vor allem seit die Plattenindustrie dank der Download- und Streaming-Ära am Ende ist und die jetzt, als ob es nicht schon reichen würde, den Künstlern auch ihres letzten Lebensinhalts beraubt - der Live-Shows. Es gibt solche, die sich in Selbstmitleid suhlen und in keinem Interview darauf verzichten, auf ihre tragische Lage hinzuweisen und dann gibt es solche, die einfach weitermachen. Die mit ihrer Historie so im Reinen sind, dass ihnen weder ein Businessumbruch, noch eine gestandene Pandemie etwas anhaben können. Für Róisín Murphy ist das Glas immer halbvoll. „Ich könnte mich heute zu Tode sorgen, aber wem ist damit geholfen?“, erzählt sie im „Krone“-Interview, „ich mache einfach weiter. Neue Songs, neue Videos, neue Performance, neue Garderobe. Was bleibt mir denn sonst? Natürlich wäre es schön, in der Musikindustrie wieder mehr Geld verdienen zu können, aber die fetten Jahre sind vorbei und es bringt keinem etwas, wenn ich dem nostalgisch nachtrauere.“

See you later
Dazu muss man auch sagen - in einer gerechten Welt wäre Róisín Murphy ein Superstar. Vielleicht nicht in einer Liga mit Lady Gaga oder Katy Perry, aber maximal eine halbe Stufe darunter. Mit Mark Brydon gründete sie als später Teenager in den frühen 90er-Jahren Moloko. Zuerst teilte sie mit ihm die Bühne, dann auch das Bett, schlussendlich wieder nur die Bühne. Der Altersunterschied von fast zwei Dekaden führte zu einer fruchtbaren Kooperation, die sich in ausverkauften Hallen und hohen Chartplatzierungen niederschlug. Moloko prägten mit ihrer einzigartigen Mischung aus spätem Trip-Hop, experimenteller Elektronik, Indie-Disco und Dance-Pop gut ein Jahrzehnt die britische Musiklandschaft. 2004 zerschellte die Band kurios. „See you later“ sagten die beiden sich nach einer erfolgreichen Tour - und fanden nie wieder zusammen. Murphy betonte öfters, für eine Reunion offen zu sein, so richtig glaubt aber nach fast zwei Jahrzehnten keiner mehr daran. Zumal die großen Festivals für solche Ereignisse derzeit zwangspausieren müssen.

Murphy hat eine Rückkehr zu alten Pfaden aber auch nicht nötig. Schon mit ihrem ersten Solo-Output „Ruby Blue“ (2005) begeisterte sie ihre Fans und Kritiker, zwei Jahre später legte sie mit „Overpowered“ ihr Opus Magnum nach, das nicht nur aufgrund des Titeltracks noch bis heute heftig in qualitätsvollen Plattenspielern rotiert. Nachdem sie sich mit dem Majorlabel EMI zerstritt, veröffentlichte die Irin in den folgenden Jahren noch sporadisch Songs und Cover-Versionen, konzentrierte sich aber hauptsächlich auf ihre beiden 2009 und 2012 geborenen Kinder. „Meine Freiheit habe ich mir immer zugestanden“, betont sie im Interview, „seit ich 19 bin, habe ich mich immer vehement dagegen gewehrt, von sogenannten Entscheidungsträgern herumgestoßen zu werden. Unabhängigkeit war immer meine wichtigste Prämisse, daran hat sich bis heute nichts geändert und damit bin ich immer gut gefahren.“ Diese Unabhängigkeit hat sie sich glücklicherweise bewahrt, denn ansonsten würde ihr neues Album „Róisín Machine“, das erste seit vier Jahren, nicht so kompromisslos an allen Trends vorbeikurven.

Beharrlichkeit zahlt sich aus
„Für mich sind viele Tracks auf dem Werk Minimal-Tracks aus der alten Sheffield-Szene. Die Songs sind von meinem alten Freund und Partner DJ Parrot aka Crooked Man produziert. Es ist Club-Musik, die nicht zu sehr Richtung Techno geht.“ Eine echte House-Platte sollte das Album werden, und weil Murphy lange kein Label fand, dass es vermarkten wollte, hat sie eben den unpopuläreren, aber besseren Weg gewählt: die Songs nicht so umgeformt, dass sie gemocht werden, sondern einfach so lange gewartet, bis doch wer anbiss. Die BMG-Tochter Skint Records, keine unbedeutende Schmiede, wenn es um große Beats und clubbige Klänge geht, hat schlussendlich zugeschlagen und - man wusste es ja eh schon vorher - damit voll ins Schwarze getroffen. Wo sich große Popstars der Gegenwart am Erbe von Madonna reiben und dann doch immer kläglich scheitern, geht Murphy stilvoll in den Underground. Wie mutig, im achteinhalbminütigen Opener „Simulation“ die Stimme dezent in den Hintergrund zu legen und auf dem nachfolgenden „Kingdom Of Ends“ die Apokalypse mit sehr viel Funk heraufzubeschwören, die bis zur paralysierenden Transzendenz reicht. Hier ist kein Platz für halbe Sachen!

Murphy weigert sich beharrlich, sich an den Sicherheitsskalen des modernen Pop-Business entlang zu hanteln, sondern versteht ihre Musik als gefühlvolle Grenzerfahrung. Der Blick auf die Mainstream-Charts war ihr schon immer egal und daran hat sich nichts geändert. Nur so ist es möglich, dass man sich von oszillierenden Songs wie „Game Changer“ oder der 2019 bereits in Eisenstadt live vorgestellten Nummer „Incapable“ in einen Sog des imaginierten Nachtlebens ziehen lässt. „Róisín Machine“ ist der perfekte Soundtrack für schweißdurchtränkte Nächte im Stroboskop-Licht, die erst mit der aufgehenden Sonne enden - eben für alles, was uns derzeit aus mehr oder weniger verständlichen Gründen bis zur gefühlten Unendlichkeit verboten wird. Dass manche Songs oder Strukturen davon schon vor mehr als zehn Jahren verfasst wurden, macht überhaupt nix. House-Club-Musik ist schließlich zeitlos und doch auch aktuell - nur eben ohne sich zwanghaft anzubiedern und reißerisch Aufmerksamkeit einzufordern. Nicht zu verachten sind auch die dezenten, aber ungemein selbstkritischen autobiografischen Texte in Songs wie „Narcissus“ oder „Jealousy“.

Vorbildwirkung
Mit „Róisín Machine“ gelingt Murphy drei Jahre vor ihrem 50er tatsächlich eine möglichst breite Karriereretrospektive. Sie vermischt auf dem fast einstündigen Werk die Tanzbarkeit der alten Moloko-Tage mit der zeitgemäßen Electro-Pop-Ausrichtung ihrer künstlerisch wertvollen Soloplatten. Vielleicht liegt es auch an der langen Zeitspanne des Songwritings, dass die Platte an sich so allumfassend und inklusiv durch die Gehörgänge rauscht. Irgendwo zwischen Donna Summer und Studio 54 befindet sich auch das bewusst knallig inszenierte Cover-Artwork, das schon vor dem Reinhören keine Missverständnisse aufkommen lassen soll. Der Titel spricht hingegen auf die Beharrlichkeit der Künstlerin an. Die Maschine eben. Immer weiter, immer voran - egal, womit das Schicksal sie auch beuteln mag. Damit zeigt Murphy nicht nur Stärke, sondern hat auch Vorbildwirkung. Ist es eine Schande, dass sie niemals in den Mainstream rutschen wird oder sollen wir doch lieber froh darüber sein? Murphy selbst wird es herzlich egal sein.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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