26.09.2020 23:00 |

SCHLAGFERTIG

Martin Grubinger: „Es ist Zeit, sich zu wehren“

„Wir haben sehr lange geschwiegen, aber jetzt ist es an der Zeit, aufzustehen und sich zu wehren.“

Ich wohne in Neukirchen an der Vöckla. Einer wunderbaren Ortschaft im oberösterreichischen Hausruck. Wir haben im Dorf den Luxus, mehrere kulinarisch exzellente Gasthäuser zu haben. Immer wenn mich Musikerkollegen besuchen, machen wir einen Abstecher in diese Gasthöfe. Während andere Ortschaften mittlerweile ohne Wirtshäuser auskommen müssen, haben wir die bestmögliche Auswahl.

Das Wirtshaus im Ort hat eine besondere Bedeutung. Hier kommt man zusammen, trifft Nachbarn und Freunde, hört die Einschätzung des Wirten zu aktuellen Themen, bespricht die neuesten Fußball-Entwicklungen, tanzt, lernt spannende Menschen kennen oder feiert in entspannter Atmosphäre. Hier kehren Musikanten nach der Blasmusik-Probe ein, genießen die Kicker aus dem örtlichen Verein das wohlverdiente Bier nach dem Spiel, führen die traditionellen Stammtischrunden die ungeschminkten Diskussionen zu Politik und Gesellschaft.

Wie schwierig und verzweifelt die Lage vieler Wirte ist, zeigt ein Facebook-Eintrag, den ich vom Wirt vom Gasthof „Frodlhof“ aus der Ortschaft gelesen habe. Mit dem Zitat eingangs dieser Kolumne eröffnet er seinen Hilferuf an die Politik: Wie sollen die Wirte in diesem Land wirtschaftlich überleben, wenn im Wochenrhythmus neue Regeln und Einschränkungen verordnet werden?

Gewiss, die Politik ist aufgeschreckt, zurecht wegen der Vorgänge an den Ausgeh-Hotspots in den Städten alarmiert. Am Salzburger Rudolfskai oder auf der Wiener Donauinsel haben Feierwütige jegliche Regeln über Bord geworfen und einen gesamten Wirtschaftszweig in Verruf gebracht. Warum aber müssen nun alle dafür büßen?

Warum müssen die Wirte, die sich seit Ausbruch der Pandemie gewissenhaft an sämtliche Regeln gehalten haben, um ihr wirtschaftliches Überleben bangen? Man kann nicht die gesamte Branche in einen Topf werfen und alle dafür bluten lassen, weil man den Sommer politisch verschlafen hat und jetzt um den so wichtigen Wintertourismus bangt. Viele Gaststätten brauchen jetzt Umsatz und eine belastbare Aussicht, auf alles, was da komme.

Allein in dieser Woche wurde die Besucherzahl drastisch reduziert, in Wien die Registrierpflicht eingeführt, in den drei westlichen Bundesländern die Sperrstunde auf 22 Uhr vorgezogen und neue Regeln für den Konsum der Getränke und Speisen erlassen. In einer Woche!

Die Wirte verlieren Besucher von Busausflügen, Hochzeiten, Firmenfeiern, Geburtstage, Vereinsfeste, Bälle und Schülergruppen. Wer will seine geplante Feier im örtlichen Wirtshaus noch durchführen?

Auch die Auswirkungen auf die Psyche der Gäste wird unterschätzt. In diesem Fleckenteppich an Regeln und Verordnungen verliert der Gast die Orientierung und Lust. Völlig zermürbt von den täglichen Nachrichten bleibt man einfach lieber daheim.

Da geht’s den Wirten nicht anders als uns Künstlern. Obwohl Konzertbesuche möglich wären, bleibt das Publikum oft aus - zu groß ist die Unsicherheit und das Chaos. 120 Gäste in einem Veranstaltungssaal sind nicht mehr erlaubt, schon aber zwölf Tische mit jeweils zehn Personen in derselben Örtlichkeit.

Man kann den Zorn darüber tatsächlich gut verstehen. Wir alle haben in dieser Krise schon viel mitgemacht. Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Lockdown, Schulschließungen, Einschränkungen der Reisefreiheit etc. Manche Länder in Europa führen mit viel ruhigerer Hand ihre Volkswirtschaften durch diese Krise und offenbar kommen diese Länder auch wirtschaftlich besser durch diese Zeit.

Bei uns regiert der wöchentliche Aktionismus zum Schaden aller. Am Ende unser Wirt aus Neukirchen: „Sie zerstören kleine und mittelständische Unternehmen mit diesen Maßnahmen. Wachen Sie auf!“

Ihr Martin Grubinger

 Salzburg-Krone
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