28.08.2020 06:00 |

Akt der Versöhnung

Ehemals vertriebene Juden bald wieder Österreicher

Es ist weit mehr als Symbolpolitik! Ab 1. September können aus Österreich vertriebene Juden, vor allem aber deren Nachfahren, um die rot-weiß-rote Staatsbürgerschaft ansuchen. Und zwar ohne auf ihre aktuelle verzichten zu müssen. Wie die „Krone“ aus Behördenkreisen erfuhr, dürfte das Interesse enorm sein.

Im dunkelsten Kapitel unserer Geschichte wurden 65.000 österreichische Juden von den Nazis ermordet, bis zu 100.000 vertrieben. Über den halben Planeten verstreut, mussten sie sich neue Existenzen aufbauen. Jetzt wird ein weiterer wichtiger Schritt zur Versöhnung mit der alten Heimat gesetzt!

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Die Vertreibung von so vielen Juden war ein großer Verlust für unser Land. Die Restitution der Staatsbürgerschaft ist ein Gewinn für Österreich.

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde

Einstimmiger Nationalratsbeschluss
Ursprünglich war es ein Überbleibsel des schwarz-blauen Regierungsprogramms, im Vorjahr fällte der Nationalrat dann unter der Kanzlerschaft von Brigitte Bierlein (einstimmig!) den Beschluss: Vertriebene und deren Nachfahren bekommen die durch den Holocaust verlorene Staatsbürgerschaft zurück, dürfen ihre aktuelle allerdings behalten.

„Klares Bekenntnis zur Förderung jüdischen Lebens in unserer Gesellschaft“
In Österreich sind Doppelstaatsbürgerschaften bekanntlich die Ausnahme, aber: „Die Republik nimmt hier ihre historische Verantwortung wahr und setzt mit dieser Regelung ein weiteres klares Bekenntnis zur Förderung jüdischen Lebens in unserer Gesellschaft“, erklärt Verfassungsministerin Karoline Edtstadler (ÖVP), die bereits als Staatssekretärin im Innenministerium das Gesetz vorangetrieben hatte.

Ab 1. September können Anträge gestellt werden
Ab 1. September können die entsprechenden Anträge gestellt werden. Vor allem in den USA und Großbritannien, aber auch Australien und natürlich Israel ist das Interesse enorm. Laut Schätzungen der Behörden wollen in einer ersten Phase 50.000 bis 70.000 Betroffene einen Antrag auf die rot-weiß-rote Staatsbürgerschaft stellen. In den jeweiligen Botschaften sowie in der zuständigen MA 35 in Wien wurde für die Prüfung der Dokumente Personal aufgestockt.

Deutsch: „Meilenstein mit historischer Dimension“
Oskar Deutsch, Präsident der jüdischen Gemeinden in Österreich, spricht von einem Meilenstein mit historischer Dimension: „Vor 30 Jahren beendete Bundeskanzler Vranitzky die Ära der Unaufrichtigkeit und erkannte die Mitschuld Österreichs an. Heute ist es Bundeskanzler Kurz, der den Prozess der Aufarbeitung in Zusammenarbeit mit SPÖ, Grünen und NEOS vorantreibt.“ Das Gesetz sei aber kein Geschenk, „sondern die formelle Beseitigung eines Unrechts“.

Oliver Papacek, Kronen Zeitung

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