28.06.2020 14:50 |

Das große Interview

Ist das Leben ein Witz, Herr Oberrabbiner?

33 Jahre lang führte er die jüdische Gemeinde mit seinem exzentrischen Charme, diese Woche wurde er 70. Mit Conny Bischofberger spricht Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg über Gott und die Welt, seinen Corona-Test und die Insel Ibiza.

Ein Interview mit dem Rabbi ist ein Ereignis, schon allein deshalb, weil er Fragen eigentlich kaum beantwortet. Paul Chaim Eisenberg (70) erzählt lieber drauflos, er scherzt und mahnt und droht. Mich nennt er „Bischofstochter“, „und Du kannst Servus, grüß Dich, Herr Rabbiner zu mir sagen!“ Widerspruch ist sowieso zwecklos.

Den „Krone“-Fotografen schickt er vergnügt durch seine weitläufige Altstadtwohnung im ersten Wiener Gemeindebezirk. „Die Bibliothek kannst du aufnehmen!“, ruft er, hier wird er am 28. Juni ein jüdisches Kulturzentrum mit Lese- und Musikraum eröffnen, „es ist jeder willkommen! Juden, Christen, Moslems und Hindus!“

Normalerweise ruft er „Dessa! Drei Kaffee!“ durch die Gänge, aber Dessa ist in Serbien, also rührt er in der Küche selber Nescafé in Häferl mit kochendem Wasser und lobt sich selber dafür.

Dann ist „Oberpauli“, wie ihn Freunde nennen dürfen, bereit. Vor sich hat der langjährige Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien die Thora, eine Bibel und den Koran arrangiert. Daneben sein neuestes Buch und sich selbst als vergilbte Marzipan-Figur, die in einem Glas steckt. „Das stammt noch von der Geburtstagstorte zu meinem Sechziger“, lacht Eisenberg, „nur meine Marzipan-Brille hat mit den Jahren einen Knacks bekommen.“ Am anderen Ende des langen Tisches ein halb fertiges biblisches Puzzle, Shabbat-Kerzen, Shabbat-Becher, an der Wand eine Shabbat-Uhr. „Die geht am Freitagabend um 19 Uhr an und nach drei Stunden geht sie aus, dann müssen meine Gäste gehen.“

„Das Interview kriege ich geschickt“, stellt er mit erhobenem Zeigefinger klar, bevor wir beginnen, „und wenn ein Blödsinn drinsteht, streiche ich wie verrückt!“ Am Donnerstag nach unserem Gespräch ist eine Nachricht von ihm auf der Mailbox: „Achtung, hier spricht die Polizei! Wenn das Interview ohne mein Okay erscheint, dann wanderst du in den Knast!“

„Krone“: 70 Jahre, wie klingt das für Sie?
Paul Chaim Eisenberg: Im Judentum ist 70 die Anzahl der UNO-Mitglieder, das Symbol für alle Völker. Und wir haben am Sukkot-Fest 70 Opfer für die 70 Völker gebracht. Nach jüdischer Tradition ist man mit 70 weise.

Was bedeutet das?
Ein Weiser ist jemand, der jeden Tag etwas dazulernt, und das ist auch mein Motto. Es ist gut für Körper und Geist, denn wer lebenslang lernt, kann die aufkommende Senilität, die bei mir auch schon anklopft, ein bisschen verlangsamen. 

Macht sich das Alter schon bemerkbar?
Ich habe manchmal Probleme, mir Namen zu merken. Und ich gehe jetzt nur noch 12.000 Schritte am Tag, nicht mehr 20 Kilometer, und schlafe nur noch sechs Stunden statt neun. Darf der Rabbiner auch lügen? - Lacht. - Nein, im Ernst, ich bin heute viel schlanker als vor 30 Jahren.

Hat man sich mit 70 schon ein bisschen mit dem Tod angefreundet?
Die meisten Menschen wollen sehr alt werden. Daraus ergibt sich aber manchmal eine schlechte Lebensqualität. Im Augenblick, wo meine Lebensqualität verloren geht, würde ich mich nicht umbringen, denn das ist verboten. Aber ich würde dem lieben Gott sagen: „Entweder du heilst mich jetzt sofort oder du nimmst mich zu dir.“

So stellen Sie sich das Sterben vor?
Pass auf! Es gibt eine schöne Geschichte über zwei Babys, die sich in der Gebärmutter wohlfühlen und eigentlich gar nicht auf die Welt kommen wollen, weil sie durch die Nabelschnur eh alles bekommen, was sie brauchen. Auf Hebräisch stammt das Wort „Barmherzigkeit“ übrigens vom selben Wortstamm wie „Gebärmutter“. Und plötzlich, nach neun Monaten, müssen sie durch einen engen Kanal und sie rufen: „Wir sterben! Wir sterben!“ Bald danach hält eine Frau sie in ihren warmen Händen und sie sterben nicht, sie leben. So ähnlich wird das sein, wenn wir wirklich sterben. Aber vorher will ich noch viele Sachen machen. - Lacht wieder.

Sie schreiben Bücher, treten als „Rockin‘ Rabbi“ auf der Bühne auf, erzählen für Ihr Leben gern weise Geschichten und lustige Witze …
Aber ich bin kein Komiker. 

Komödiant mit Tiefgang?
Ich war immer Rabbiner. Sagen wir also lieber: Rabbiner mit Leichtgang. Im Talmud steht, jeden ernsten Vortrag muss man mit einer lustigen Anekdote beginnen, damit die Leute zuhören. Aber nachher darf man ihnen mit der Wahrheit kommen.

Ist das Leben ein Witz?
Das Leben ist urernst, deswegen muss man es locker nehmen, weil besser wird es nicht. Mit Humor gelingt das besser. Aber Witze bergen auch eine Gefahr. Witze dürfen weder blonde Frauen noch schwarze Männer, weder Moslems noch Christen beleidigen. Höchstens Nazis und Terroristen, da darf man ein bisschen schärfer sein. Vielleicht auch manchmal bei Trump.

Kennen Sie einen Nazi-Witz?
Sicher. 1938, ein Jude fährt in der Straßenbahn und liest den „Stürmer“. Kommt ein anderer Jude zu ihm und sagt: „Bist du verrückt? Du liest den Stürmer und nicht die jüdischen Zeitungen?“ Sagt der Jude:  „Hör zu, wenn ich die jüdischen Zeitungen lese, dann lese ich, wir werden verfolgt, wir werden deportiert, wir werden ermordet. Das will ich nicht lesen. Wenn ich den Stürmer lese, dann steht dort: Die Juden sind mächtig, die Juden sind reich, den Juden gehört die ganze Welt. Das lese ich lieber.“

Das ist aber kein Nazi-Witz.
Gut. Dann dieser: Kommt ein SS-Mann im KZ zu einem Juden und sagt: „Wenn du mir sagst, welches meiner beiden Augen ein Glasauge ist, kriegst du eine Doppelration Brot oder noch mehr.“ Sagt der Jude: „Das rechte.“ Sagt der SS-Mann: „Wieso weißt du das?“ Darauf der Jude: „Es schaut so barmherzig!“

Macht Ihnen der steigende Antisemitismus Sorgen?
Ja. Und zwar sowohl von rechtsextremer Seite als auch manchmal von linksextremer Seite, bei denen geht es meist um übertriebenes Israel-Bashing. Und es gibt natürlich auch den Antisemitismus von Islamisten. Aber wir alle glauben an einen Gott. „Allahu akbar“, „Gott ist mächtig“, „Vater unser, der du bist im Himmel“, oder „Höre Israel - Der Ewige ist einzig“, das hat alles eine Wurzel. „Allahu akbar“ in der Moschee gesagt oder auf einem Gebetsteppich ist okay. Als Einleitung zu einem Terroranschlag allerdings ist „Allahu akbar“ ein Missbrauch der Religion, auch ein Terrorakt gegen den Islam.

Wann ist Kritik an Israel Antisemitismus?
Zunächst einmal muss man die Existenz Israels anerkennen und auch den Wunsch, dass die Menschen dort in sicheren Grenzen leben wollen. Ich sage absichtlich nicht, in welchen. Dann darf man gewisse Dinge kritisieren, und es grenzt nur dann an Antisemitismus, wenn man nur die „Fehler“ Israels kritisiert und nicht die „Fehler“, die von der anderen Seite gemacht werden. Obwohl ich nicht dort lebe, bin ich mit beiden Seiten nicht immer happy, weil sie längst am Verhandlungstisch sitzen müssten, um Rabins Träume zu verwirklichen. Ich sage, wie du siehst, nichts Politisches!

Wenn Sie sagen, Sie kritisieren beide Seiten, haben Sie dann auch Empathie für die Palästinenser?
Hundert Prozent. Beide Seiten berichten die gleichen Dinge, aus ihrer Sicht. Die Gründung des Staates Israel war für uns Juden auf der ganzen Welt ein Grund zum Feiern und für die Palästinenser ein trauriger Tag, dem sie den Namen „Nakba“ - Katastrophe - gegeben haben. Mein Lieblingswort ist Narrativ, das heißt, wenn zwei Gruppen dasselbe Ereignis verschieden interpretieren!

Wie froh sind Sie, dass Strache und die FPÖ nicht mehr an der Macht sind?
Ich nehme seinen Namen nicht in den Mund und was er im Nachhinein gesagt hat, dass er sich nicht wiedererkennt in dem Video, dass man ihm Drogen gegeben hat, das ist peinlich. Zwei Mal in meinem Leben habe ich diesem Politiker, wie gesagt Hochachtung gezollt! Einmal als er bei diesem peinlichen Ball gegen Antisemitismus geredet hat, da wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Und zum zweiten Mal, als er zurückgetreten ist. Aber dann hat er seinem früheren Parteiführer den Spruch „Ich bin weg, ich bin wieder da“ abgekupfert. Ich war nie auf Ibiza, aber ich danke Gott, dass es diese Insel gibt.

Wie zufrieden sind Sie mit der türkis-grünen Regierung?
Ich bin weder ein Türkiser noch ein Roter noch ein Grüner, aber ich finde, dass es in jedem Land am besten eine Koalition mit einer Mitte-rechten und einer Mitte-linken Partei geben sollte. Das ergibt dann die Mitte. Dabei müssen die Grünen wahrscheinlich eher nachgeben als die Türkisen, weil sie kleiner sind, aber Kurz ist fair genug, sie nicht an die Wand rennen zu lassen, vielleicht auch weil er sie braucht. Mit Türkis-Grün ist eine ganz andere Qualität der Zusammenarbeit gekommen.

Herr Oberrabbiner, wir müssen jetzt ein persönliches Thema ansprechen, Ihre Scheidung.
Müssen wir nicht. Ich streiche es sowieso raus.

Warum?
Weil meine Frau noch immer einen großen Platz in meinem Herzen hat. Sie ist die beste Mutter meiner Kinder und war eine gute Ehefrau, weil sie mich drei Jahrzehnte geliebt und betreut hat. Meine Frau lebt jetzt in Jerusalem, wo sie mich kennengelernt hat und immer leben wollte und wo auch drei unserer Töchter leben.

Waren Sie ein guter Ehemann?
Das müsste man sie fragen. Manchmal. Sagen wir so: Ich war für sehr orthodoxe Menschen in Wien zu locker. Und da inkludiere ich auch meine Frau. Und gleichzeitig war ich für die Liberalen zu orthodox. Also war ich am richtigen Mittelweg.

Darf sich ein Oberrabbiner überhaupt scheiden lassen?
Nur im Notfall. Und so war es auch bei uns. Und sie wollte zurück nach Israel!

Ein Oberrabbiner hilft ja oft anderen bei ihren Eheproblemen. Waren Sie da ein gutes Beispiel?
Erstens hat meine Ehe 35 Jahre geklappt und danach lautete meine Eheberatung nur noch: „Mache es nicht so wie ich!“ Wenn es in einer Ehe Probleme gibt, müssen Freunde und Freundinnen mithelfen, die Ehe zu kitten, manchmal auch der Rabbiner - aber wirklich lösen können die Probleme nur die beiden.

Hätten Sie sich eigentlich gewünscht, dass einer Ihrer Söhne Ihr Nachfolger wird?
Ein Sohn von mir ist ein erfolgreicher Rabbiner in Manchester, und nachdem mein Nachfolger gegangen ist, war er tatsächlich im Gespräch. Er hat bis zu seinem 14. Lebensjahr in Wien gelebt und in den letzten Jahren schon in Wien Vorträge gehalten, er war „Guest Speaker“. Er ist ein besserer Rabbiner als ich. Er will aber aus familiären Gründen nicht aus Manchester wegziehen.

Wie haben Sie Corona erlebt?
Wir haben viel durch Corona gelernt. Wir wollen nicht zurück, dahin, wo wir vorher waren. Wir wollen nachher besser sein!

Hatten Sie Angst sich anzustecken?
Ich hatte einmal Kopf- und Halsschmerzen und ein bisschen Fieber, da habe ich die Panik bekommen und die Nummer 1450 gewählt. Und die waren sofort da und haben mir unangenehme Stäbchen in die Nase und in den Rachen gesteckt und dann ergab der Test Gott sei Dank, dass alles okay ist. Schon am nächsten Tag habe ich mich wieder gut gefühlt.

Wann haben Sie zuletzt Ihre sechs Kinder und 30 Enkel gesehen?
Ich hatte eigentlich vor, sie alle zu sponsern, damit sie zu meinem 70er nach Wien kommen, aber wegen Corona haben wir das dann doch nicht gemacht und so hab' ich mir viel Geld gespart. Bei der Hochzeit meines jüngsten Sohnes waren wir das letzte Mal alle zusammen. Ich fürchte, das nächste Mal kommen alle zu meinem Begräbnis. Aber das ist eh erst in 50 Jahren, wenn ich 120 bin.

Wünschen Sie sich noch mehr Enkelkinder?
Ich habe 30. Aber mein Traum wäre sechs mal sechs, also 36. Wenn ein Paar nur fünf schafft, dann muss halt ein anderes eben sieben machen! Aber das können sie natürlich selbst entscheiden ...

Sechsfacher Vater, 30-facher Opa
Geboren am 26. Juni 1950 in Wien. Er studiert Mathematik und absolviert dann das Rabbinatsstudium in Jerusalem. Das Amt des Oberrabbiners in Wien übernimmt er von seinem Vater Akiba Eisenberg und übt es ein Dritteljahrhundert lang - von 1983 bis 2016 - aus. Heute ist er Oberrabbiner der Jüdischen Gemeinden Österreichs. Sechs Kinder, 30 Enkel. Eisenberg schrieb mehrere Bestseller, u.a. „Das ABC vom Glück“, erschienen im Brandstätter Verlag.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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