13.06.2020 05:00 |

Entstigmatisierung

Jeder HIV-Patient kann heutzutage behandelt werden

Es gibt definitiv keinen Grund mehr, sich vor HIV-positiven Menschen zu fürchten oder sie auszugrenzen. Wird die Viruslast unter die Nachweisgrenze gebracht, besteht keine Ansteckungsgerfahr mehr. Ein Facharzt klärt auf.

Keine Diskussion mehr: Bei adäquater Behandlung mit den derzeit zur Verfügung stehenden Medikamenten kann die Viruslast bei nahezu allen positiv Getesteten unter die Nachweisgrenze gebracht werden. Die „HIV-Therapie 2.0“ gilt als etabliert, gut verträglich und als wirksam belegt. Besonders beeindruckend sind die Ergebnisse der PARTNER Studie, die im Mai des Vorjahres im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurden. 75 Studienzentren in 14 europäischen Ländern nahmen daran teil und erhoben 135.000 kondomlose Sexualkontakte von 1671 Paaren - im ersten Zeitraum bis 2018 hetero- und homosexuelle, im zweiten Teil nur gleichgeschlechtliche männliche Paare -, bei denen ein Partner positiv war und unter Therapie stand. Es kam zu keiner einzigen HIV-Infektion! Die Formel: Nicht nachweisbar = nicht übertragbar (undetectable = untransmittable, U = U,) wurde damit einzementiert.

Doch leider ist das im Alltag noch nicht angekommen. Dermatologe Dr. Gerold Felician Lang aus Wien behandelt Betroffene und plädiert für einen zeitgemäßen Umgang mit der Thematik: „Menschen mit HIV aus Angst in die Ecke zu stellen, ist irreal. Die Infektion ist zur chronischen Krankheit ohne Einschränkungen geworden, man stirbt heute nicht mehr an HIV, sondern mit HIV. Die Lebenserwartung entspricht weitgehend jener der Durchschnittsbevölkerung. Auch AIDS gibt es bei uns nur mehr bei Personen, die sich jahrelang nicht testen ließen.“ Plakativ drückt es der Facharzt so aus: „Wenn ich als Patient zwischen Fortschreiten einer Atherosklerose, insulinpflichtigem Diabetes oder HIV wählen müsste, würde ich Letzteres wählen.“ Früher Einsatz der Medikamente ist wichtig. Doch vor der Testung schrecken viele zurück. Dr. Lang: „Wir haben in der Ordination innerhalb von Minuten ein Ergebnis, qualvolle Wartezeiten entfallen. Dann wird sofort beraten und eine Therapieoption besprochen. Es gilt das Prinzip ,test & treat‘ in einem Vorgang. So fühlen sich die Patienten nicht allein gelassen, sehen eine Option für die Zukunft und ihre Lebensführung.“

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Man muss heute nicht mehr lange auf Testergebnisse warten. Es kann sofort mit der Therapie begonnen werden.

Dr. Gerold Felician Lang, Dermatologe aus Wien

Verdränger finden sich häufig in der Altersgruppe 40plus. Doch auch, wenn eine Ansteckung länger zurückliegt, ist die Therapie sinnvoll und gut wirksam. Allerdings kann die Immunsituation oft nicht immer auf jene von vorher gebracht werden, wie bei raschem Therapiebeginn. Die Prä-Expositions-Prophylaxe, Kurz PREP, bezeichnet eine medikamentöse Methode, sich vor HIV-Ansteckung zu schützen. Dafür nehmen negativ getestete Personen HIV-Arzneien ein. Dieses Vorgehen muss jedoch mit einem Arzt besprochen werden! Im Gegensatz zum Kondom besteht hier kein Schutz vor sexuell übertragbaren Erkrankungen wie Syphilis, Gonorrhoe oder auch Chlamydien, die übrigens im Vormarsch sind. Jeder (!) sexuell aktive Mensch sollte dies regelmäßig abklären lassen.

HIV und Corona
Die gute Nachticht: Es gibt keine Hiweise darauf, dass eine HIV-Infektion eine Ansteckung mit SARS-CoV-2 begünstigt oder eine Covid-19-Erkrankung dadurch schwerer verläuft als bei der Allgemeinbevölkerung. Allerdings liegen oft Risikofaktoren wie Vorerkrankungen, Rauchen oder höheres Lebensalter (dank moderner Therapien) vor. Dann sollten Betroffene ganz besonders achtsam sein und die Schutzmaßnahmen einhalten.

Informationen dazu wurden in einem Online-Talk von Experten vermittelt.

Weiterführende Informationen: www.aids.at (mit Corona-Update) und www.hivheute.at

Karin Podolak, Kronen Zeitung

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