Fahrt in den Tod

Lenker: „Warum durfte nicht auch ich sterben?“

Zwei junge Menschen fanden am vergangenen Sonntag in Oberösterreich bei einem Horrorunfall den Tod (Video oben: der Bericht zu der Tragödie aus dem „Krone“-News-Studio). Der Lenker des Autos hat überlebt. Nun spricht er in der „Krone“ - über das Drama und über sein Jetzt.

Er wirkt fahrig, sein ganzer Körper scheint zu beben, unaufhörlich laufen Tränen aus seinen Augen. „Ich weiß nichts“, schluchzt Maurice M., „ich weiß gar nichts mehr.“ Ob sein Jetzt Realität oder bloß ein fürchterlicher Albtraum ist: „Aber dann müsste ich doch endlich daraus aufwachen ...“

Kein Zurück
Nein, es gibt kein Entrinnen, kein Zurück. Denn der grauenhafte Verkehrsunfall, bei dem zwei junge Menschen - Isabelle S. (15) und Pascal M. (20) - sterben mussten, ist tatsächlich geschehen. Am vergangenen Sonntag, um 4 Uhr am Morgen, auf einer Landstraße in Adlwang, Oberösterreich.

„Nein, wirklich - ich war nicht betrunken ...“ „Warum“, fragt der 19-Jährige - er hatte den Wagen gelenkt - immer wieder, „bin nicht auch ich tot?“ Laut - vorläufiger - Rekonstruktion der Behörden dürfte der Kfz-Mechaniker mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs gewesen sein, sein VW-Golf sei in der Folge auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern gekommen und letztlich gegen einen Baum geprallt.

Ein Anrainer, der kurz danach am Ort des Dramas war, hat mittlerweile der Polizei zu Protokoll gegeben: „Ein Bursch stand vor dem Wrack. Ich sah ein Mädchen, eingeklemmt zwischen den Vordersitzen, und einen jungen Mann - er lag auf der Wiese. Beide bewegten sich nicht mehr.“ „Der Bub“ hätte „das alles“ - so der Zeuge - „nicht wahrhaben“ wollen: „,Das darf nicht sein‘, schrie er und versuchte, das Mädel zu reanimieren, er küsste es und er wimmerte: ,Bleib bei mir. Ich hab‘ dich doch so lieb.‘“ Maurice M. kann sich an diese Szenen nicht erinnern.

Fahrt in den Tod
Was erzählt er über das Davor der Tragödie, was über das Danach? Isabelle, „sie und ich sind ein Paar gewesen“, und sein bester Freund Pascal, „mein engster Vertrauter, von frühester Jugend an“ - hatten den Abend des 19. April „bei meinem Cousin verbracht. Wir schauten fern, hörten Musik, plauderten und lachten miteinander.“

Wurde bei der Party Alkohol konsumiert? „Wenig, und wirklich, ich war völlig klar im Kopf, als wir irgendwann spätnachts beschlossen heimzufahren.“ Über diese Strecke, „die ich ja so gut kannte“. Mit 100, maximal 105 Stundenkilometern will er unterwegs gewesen sein: „Ich war nie ein Raser, weil ich ja schon viele schreckliche Unfälle gesehen hatte“, als Mitglied der freiwilligen Feuerwehr: „Ich bin oft dabei gewesen, wenn Schwerverletzte aus Autos geschnitten wurden.“

Maurice, warum haben Sie die Kontrolle über Ihren Wagen verloren? „Pascal hatte plötzlich - keine Ahnung, warum - laut ,Hey‘ geschrien. Ich schaute zu ihm zurück, dabei muss ich das Lenkrad verrissen haben. Ich merkte noch, wie mein Auto zu trudeln begann ...“

Und dann? „Wurde es schwarz um mich.“ Sein Gedächtnis setzte erst wieder ein, „als ich im Aufzug des Krankenhauses war und mir ein Arzt erklärte, dass ich ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma hätte: ,Ich fragte ihn: Wo sind Isabelle und Pascal? Wie geht es ihnen?‘“

Entsetzliche Wahrheit
Erst Stunden später erfuhr der 19-Jährige die entsetzliche Wahrheit. „Ich kann damit nicht umgehen, ich will sie nicht akzeptieren. Und ich wünsche mir nichts mehr, als dass ich gestorben wäre - und die beiden noch leben dürften.“ „Wie“, schluchzt Maurice, „soll ich weitermachen? Für mich ergibt doch nichts mehr einen Sinn.“ Er hat Briefe an die Eltern der Opfer geschrieben, „aber ich traue mich nicht, sie an sie zu schicken. Denn sie hassen mich sicherlich. Und das verstehe ich.“

Isabelle S. und Pascal M. wurden bereits in ihren Heimatgemeinden bestattet. „Das Schlimmste ist, wenn man einen geliebten Menschen zum letzten Mal sieht und das nicht weiß“, ist auf dem Partezettel des Mädchens zu lesen - und auf dem des jungen Mannes: „Ganz still und leise, ohne ein Wort, gingst du von deinen Lieben fort. Es ist so schwer, es zu verstehen - dass wir dich niemals wiedersehen.“

Zitat Icon

„Das Schlimmste ist, wenn man einen geliebten Menschen zum letzten Mal sieht und das nicht weiß.“

Aus dem Partezettel des Mädchens

Maurice M. wird weiterhin von Psychologen des Kriseninterventionsteams betreut, er gilt als selbstmordgefährdet. Ihm droht nun ein Verfahren wegen fahrlässiger Tötung - möglicherweise sogar unter besonders gefährlichen Umständen. Und damit eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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