25.04.2020 14:00 |

Erster Mitterer-Roman

Wie ein eiskalter Hauch aus Richtung Vergangenheit

Angelehnt an das unglaubliche Leben des Wiener Hofmohren Angelo Soliman erzählt Felix Mitterer in seinem historischen Roman „Keiner von Euch“ von einem Thema mit dringlicher Brisanz. In einer rassistischen Gesellschaft, die in ihm ein Symbol der Aufklärung sieht und ihn als Fetischobjekt missbraucht, muss sich der ehemalige Sklave im Wien des 18. Jahrhunderts mehr als behaupten.

Seit den 1990er Jahren wurde der 1796 durch einen Schlaganfall verstorbene Angelo Soliman zu einem steten Begleiter von Felix Mitterer. Wer aber war dieser Angelo Soliman, dessen Leben so viel Bewegung in sich trug und ein Ende über den Tod hinaus erfuhr, das so entsetzlich ist, dass man es eigentlich viel lieber im Reich der Märchen und Sagen sehen würde?

Mitterer hat mit seinem ersten Roman, der den Titel „Keiner von Euch“ trägt, durch akribische und tiefe historische Recherchen, das Leben dieses damals achtjährigen afrikanischen Buben, der um 1729 nach Messina verkauft wurde, in ein spannendes und leicht lesbares Werk mit tiefem humanistischem Inhalt verpackt. Durch dieses Buch werden die dunklen Seiten der teilweise sehr idealisierten Epoche der Aufklärung und des Maria Theresianischen Zeitalters am Beispiel eines Einzelschicksals plakativ und zeitgemäß lebendig.

Soliman stammte wahrscheinlich aus dem nördlichen Zentralafrika und geriet als Kind in die Hände von Sklavenhändlern. Er wurde nach Italien gebracht und von einer sizilianischen Adelsfamilie, welche ihm den Taufnamen Angelo Soliman gab, gekauft. Als Jugendlicher kam er als „Geschenk“ an den Hof des Fürsten Lobkowitz, um schließlich ab etwa 1753 leitender Kammerdiener bei Fürst Wenzel von Liechtenstein zu werden. Er war eine mehr als bekannte Persönlichkeit, eigentlich einer der „Stars“ am Wiener Hof. Freimaurer- und Logenbruder von Wolfgang Amadeus Mozart und tarockierte angeblich sogar mit dem Kaiser. Bekanntheit erlangte dieser „Hofmohr“ vor allem aber leider auch deshalb, da nach seinem Tod seine Leiche auf das Perverseste geschändet wurde.

Es wurde ihr zuerst die Haut abgezogen und diese dann als Stopfpräparat im kaiserlichen Naturalienkabinett ausgestellt. Seine Tochter Josephine, der Mitterer im Roman eine gewichtige Rolle gibt, protestierte vergeblich gegen diese schamlose Zurschaustellung. Doch dieses Ansinnen war vergeblich, die ausgestopfte Figur blieb bis 1806 an dem ihr zugewiesenen Standort.

Glücklicherweise wurde sie 1848 beim Brand der Hofburg vernichtet. „Es ist eine unglaubliche Geschichte, ein hochgebildeter, zehn Sprachen beherrschender Mensch, der ausgestopft im Naturalienkabinett endet. Diesen Wahnsinn unserer Geschichte musste ich einfach schreiben“, lauten die Worte von Felix Mitterer im Telefongespräch mit der „Krone“. Der mehr als lesenswerte historische Roman von Österreichs beliebtestem und meistgespieltem Dramatiker erscheint im kommenden Monat im Haymon Verlag in Innsbruck.

Hubert Berger, Kronen Zeitung

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