23.04.2020 13:40 |

Millionen fehlen

Schulbuchverleger warnen vor „digitalem Fiasko“

E-Learning ist das Gebot der Stunde. Die Coronavirus-Krise hat im Bildungsbereich die ohnehin von Experten dringend eingeforderte digitale Entwicklung rasant beschleunigt. Doch auch wenn sich die Regierung jetzt ihrer Digitalisierungsinitiativen rühmt und nicht müde wird, die besondere Bedeutung von digitalem Lernen zu unterstreichen: Für Schulbücher, insbesondere für vollwertige interaktive und multimediale Angebote, würde weiterhin viel zu wenig Geld in die Hand genommen, schlagen Schulbuchverleger jetzt gegenüber krone.at Alarm. Verlierer wären am Ende nicht nur die finanziell allein gelassenen Unternehmer, sondern auch die Schüler und Eltern des Landes.

Seit vielen Jahren reichen die Mittel der Schulbuchaktion nicht einmal mehr annähernd aus, um den Mindestbedarf der Schüler abzudecken, so die Kritik der Verleger. Weil die Kosten für die Schulbuchaktion gedeckelt sind, die Herstellungskosten aber jährlich steigen, würden derzeit allein für Print-Bücher der Schulbuchaktion 20 bis 30 Millionen Euro fehlen, wird beklagt.

„Untragbare Situation rund um die Schulbuchaktion“
Wichtige Teile wie Wörterbücher, Lesebücher, Sachunterrichtsbücher, Atlanten, Übungsteile seien längst nicht mehr leistbar, heißt es im Schreiben eines betroffenen Verlegers an die zuständige Ministerin Christine Aschbacher (ÖVP), das krone.at vorliegt.
Der Geschäftsführer des Bildungsverlags Lemberger, Dr. Michael Lemberger, spricht darin von einer „untragbaren Situation rund um die Schulbuchaktion“.

Lembergers ernüchterndes Fazit: „In den Schulen betreiben wir seit Jahren nur noch Mängelverwaltung; die Lage ist längst katastrophal.“ Immer mehr Eltern müssten die Bücher privat bezahlen, so die Kritik. „Schaffen sie das finanziell nicht, dann werden deren Kids benachteiligt. Insbesondere Kids bildungsferner Schichten sind davon betroffen“, warnt der Verleger.

Besonders dramatisch wird diese negative Entwicklung nun vor allem im digitalen Bereich - also genau jenem Bereich, dem angesichts der Coronavirus-Krise eine immer größere Bedeutung in Sachen Lernen zugeschrieben wird. So hatte auch die Politik bis hinauf zu Kanzler Sebastian Kurz zu Beginn der Corona-Maßnahmen den mehr als 1,1 Millionen Schülern und deren Eltern die Nutzung digitaler Kanäle nahegelegt - damit möglichst kein Schüler beim Lernen zu Hause zurückbleibt.

Hunderte digitale Schulbücher während Krise kostenlos verfügbar
Das nahmen sich die Schulbuchverleger zu Herzen: Sie schalteten die E-Book-Varianten Hunderter Schulbücher komplett digital frei, um in der Krise allen Betroffenen rasch zu helfen. Hinzu kommt Support von Zehntausenden Usern, Eltern und Lehrern bei der Nutzung der digitalen Inhalte, und nicht zuletzt die Entwicklungskosten - denn im digitalen Bereich könne nur bestehen, wer sich laufend weiterentwickelt, wie Dr. Lemberger auch in dem Brief an Ministerin Aschbacher betont.

Wobei schon vor der Coronavirus-Krise im Bildungsbereich sämtliche digitale Entwicklungen „von den Verlagen auf Risiko finanziert“ wurden, wie Dr. Gerhard Hauke ergänzt. Er betreibt die auf Lernplattformen spezialisierte Chocolate Management und Verlag GmbH. Auf seiner digitalen Lernplattform „Mathe-Trainer“ werden täglich rund 150.000 Mathematikbeispiele gerechnet, eine Zahl, die angesichts der Schulschließungen zuletzt noch einmal deutlich gestiegen ist.

Allein in den ersten beiden Corona-Wochen im März wurden rund zwei Millionen Beispiele auf der Plattform gerechnet. Das alles geschieht online, interaktiv und multimedial in 2D und 3D, wie Dr. Hauke gegenüber krone.at betont. Sein Team arbeitet derzeit sieben Tage die Woche im Schichtbetrieb, um das einwandfreie Funktionieren des „Mathe-Trainer“ zu gewährleisten - „sehr motiviert“, dank dem zahlreichen dankbaren Feedback per Telefon und E-Mail. Doch Lob allein reicht nicht zum Überleben - und die finanzielle Lage der Digitalverleger wie Chocolate ist alles anderes als rosig.

„Bekommen dafür (fast) keine Unterstützung“
„Wir bekommen dafür (fast) keine Unterstützung!“, klagt der Betreiber des „Mathe-Trainers“. Hintergrund: Die Schulbuchaktion zahlt pro Jahr derzeit rund 109 Millionen Euro für (Papier-)Bücher sowie über ein jährlich neu zu verhandelndes Sonderbudget netto 1,6 Millionen Euro für digitalen Content (Ebook Plus, also mit multimedialen, interaktiven Onlineanwendungen). Das sind jedoch lediglich rund ein Prozent des Budgets für die Schulbuchaktion.

Diese Budgetlücke ist angesichts der Tatsache, dass die Nachfrage für digitale Schulbücher in den letzten Jahren explodiert ist, umso schmerzlicher: Waren es im Schuljahr 2018/19 noch rund 100.000 digitale Schulbücher, die von den Schulen im Rahmen der Schulbuchaktion bestellt worden sind, so waren es für 2019/20 bereits rund 900.000. Also eine Verneunfachung - noch bevor der Bildungsbereich durch die Corona-Maßnahmen ordentlich durchgeschüttelt wurde. Abgegolten wurden die digitalen Schulbücher - hier werden einfach die 1,6 Millionen Euro durch die Anzahl der bestellten Ebook Plus dividiert - zuletzt mit lediglich rund 1,70 Euro. Eine bescheidene Summe im Vergleich zum Papierbuch: Hier wurde für Mathematik zuletzt rund das Zehnfache, also zwischen 14 und 18 Euro, bezahlt.

Es sei „höchst an der Zeit“, dass der Schulbuchvertrag, der erst unlängst neu verhandelt worden ist, an die Realität angepasst werde, fordern die Verleger. „Wie die Corona-Krise eindrucksvoll zeigt, müssen Digitalverleger genauso honoriert werden, wie im anderen Fall ‚analoge‘ Schulbuchverlage“, fordert etwa Dr. Hauke, der hier einen „Anachronismus“ ortet.

Auch weil digitale Schulbücher ausschließlich in Kombination mit Papierbüchern inklusive digitaler Inhalte im Rahmen der regulären Schulbuchaktion bestellt werden können - selbst dann, wenn der digitale Content approbiert ist, also das bewährte Genehmigungsverfahren durchlaufen hat. Die Approbation gewährleistet eine hohe Qualität des Inhalts und der Ausgestaltung und schützt zudem Eltern und Kinder in Zeiten der digitalen „Goldgräberstimmung“vor überteuertem, digitalen „Schrott“, wie auch Hauke betont.

Verleger fordern „sinnvolles Budget für die Schulbuchaktion“
„Ohne Leistungen des Staates wird es bedeutende österreichische digitale Tools nicht mehr geben können. Der Rückschritt Österreichs in der digitalen Bildung ist damit programmiert, einige internationale Multis werden dann über unsere Bildung entscheiden“, malt Verleger Lemberger ein düsteres Zukunftsbild. Er hat deshalb vom Bildungsministerium die Erstellung eines sinnvollen Budgets für die Schulbuchaktion im digitalen Bereich in der Höhe von rund 20 Millionen Euro gefordert sowie „einen nennenswerten Sonderbonus für jene Digitalanbieter, die im Rahmen der Schulbuchaktion der Republik Österreich in diesen schwierigen Zeiten digitale Bildung ermöglichen“.

Steht uns ein „digitales Fiasko“ im Bildungsbereich bevor?
Die ernüchternde Antwort des zuständigen Ministeriums für Arbeit, Familie und Jugend: „Auch wenn es uns ein großes Anliegen ist, die digitalen Schulbücher finanziell besser auszustatten, konnte dies für das kommende Schuljahr aufgrund des verspäteten Budgets leider nicht erfolgen.“ Angesichts der somit weiterhin im Budget klaffenden - und größer werdenden - Lücke in Millionenhöhe scheint die Angst vor einem „digitalen Fiasko“ im Bildungsbereich nach der Corona-Zeit durchaus begründet. Auch wenn seitens des Ministeriums von einem Konsens die Rede ist, „dass das digitale Schulbuch das Printprodukt nicht ersetzen, sondern ergänzen soll“ - es fehlt Geld für die Schulbücher an allen analogen Ecken und digitalen Enden.

„Die traurige Wahrheit ist, und ich kann nur für mein Unternehmen sprechen, dass, wenn sich diese Situation nicht rasch ändert und es für unseren digitalen Content keine faire und konkret kalkulierbare Abgeltung gibt, wir im kommenden Schuljahr unsere Produkte aus wirtschaftlichen Gründen den Schulen einfach nicht mehr zur Verfügung stellen können“, stellt sich Digitalverleger Dr. Hauke bereits auf harte Zeiten ein ...

Harald Dragan
Harald Dragan
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