23.04.2020 00:00 |

Vor allem an der Ampel

Volkssport im Auto: So viele bohren in der Nase

Niemand bohrt in der Nase. Nein, natürlich nicht! Zumindest nicht, wenn jemand zusieht. Wer sich unbeobachtet fühlt, hat hingegen den Finger so schnell im Riechkolben, so schnell kann man gar nicht schauen. Das weiß jeder, der einmal im Auto an der Ampel gesessen ist und ins Auto daneben geschaut hat. Nasenbohren ist der Autofahrersport Nummer eins. Und das wird heute gefeiert - am „Internationalen Tag des Nasenbohrens“! In Zeiten des grassierenden Coronavirus ist das Ganze allerdings weniger lustig ...

Wer sich drüber wundert, dass sich der andere in seinem Auto so unbeobachtet fühlt, dass er ungeniert im Zinken schürft, braucht sich gar nicht für was Besseres zu halten. An der nächsten Ampel geht er wahrscheinlich selber auf Erkundungstour. Weil dass wir nicht Einwegspiegel, sondern durchsichtige Scheiben haben, verdrängt unser Hirn offensichtlich. Im Auto fühlen wir uns „so geschützt wie in unseren eigenen vier Wänden und glaubten irrtümlicherweise, dass wir nicht gesehen werden“, erklärt Sören Al-Roubaie vom Berufsverband Deutscher Psychologen.

Und dann? Wohin mit dem Nugget? Erst mal mit den Fingern formen, vielleicht die Beute betrachten, wenn dir Rotphase der Ampel lang genug ist. Und dann? Irgendwo hinschmieren ist widerlich. Also? Was wirklich niemand zugibt, ist, dass die meisten Auto-Nasenbohrer Kolbenfresser sind: Sie kratzen sich das Schürfgut aus dem Riechkolben mit den Zähnen vom Finger. Das darf aber nun wirklich niemand sehen, sonst geniert man sich. Also am besten starr nach vorn schauen, weil wenn man als Nasenbohrer den Typen im Auto nebenan nicht sieht, sieht der einen auch nicht. Ganz sicher.

Mehr Männer als Frauen tun es
Wer es tut, befindet sich in bester Gesellschaft, wenn man dem deutschen Autor Christoph Drösser Glauben schenkt. Er hat für sein Buch „Wie wir Deutschen ticken“ diverse Umfragen ausgewertet. Demnach bohren 62 Prozent der Männer und 51 Prozent der Frauen heimlich in der Nase, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Gehen wir davon aus, dass sich die Lage in Österreich nicht grundlegend unterscheidet.

Wegen Coronavirus: Finger weg von der Nase!
Zurzeit hat das Thema Nasenbohren auch eine sehr ernsthafte, epidemiologische Komponente: Wir sollten alle vermeiden, uns mit den Fingern ins Gesicht zu fassen. Besonders die Nase ist sehr gefährdet. Der Hauptverbreitungsweg von Covid-19 läuft über die Hände ins Gesicht: Man bekommt irgendwo die Viren an die Hände, wo sie eigentlich keinen Schaden anrichten - erst wenn sie über die Atemwege eindringen, kann es zur Infektion kommen. Andersherum: Jemand, der (vielleicht sogar unbemerkt) erkrankt oder Träger des Virus ist, transportiert es beim Nasenbohren von der Nase auf die Finger, von wo er es weiterverbreiten kann. Und der Kreislauf geht weiter. Wenn man sich dabei ertappt hat: unbedingt gründlich Hände waschen oder desinfizieren!

Wer die Finger partout nicht aus dem Gesicht lassen kann, der könnte sich überlegen, dauerhaft eine Maske zu tragen, wie er sie beim Einkaufen sowieso anlegen muss. 

Jenseits von Corona: Schadet es? 
Dem höchst privaten Vorgang haben „Die Ärzte“ schon vor einem Vierteljahrhundert ihren Song „Nazareth“ gewidmet und das „Nasenkotelett“ angepriesen. Echte Ärzte hingegen sind geteilter Meinung über den Gesichtserkerputz.

Als „absolutes No-Go“ bezeichnet Michael Deeg vom Deutschen Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte die Angewohnheit. Wer zu oft und zu lange bohrt, verursache Verletzungen an den Schleimhäuten. Diese offenen Wunden schließen sich und es entstehen Krusten. Dermatologin Utta Petzold spricht von einem Kreislauf, in dem sich Betroffene befinden. Mitunter sei dann das Verlangen stark, mit dem Finger in die Nase zu gehen und „die neu entstandenen Krusten auch wieder zu entfernen“.

Wer weiter bohrt, kann aus der Nase bluten. Denn die Gefäße im Organ verlaufen sehr nah an der Oberfläche. Zudem ist die Nasenscheidewand empfindlich. In ihr kann durch ausgiebiges Bohren gar ein Loch entstehen.

Neben den mechanischen Schäden können schmutzige Finger - nicht nur in Zeiten des Coronavirus - Keime oder Bakterien in die angeschlagene Schleimhaut transportieren. Die Nase entzündet sich.

Stärkung des Immunsystems
Einige Forscher haben herausgefunden, dass das Essen des getrockneten Nasensekrets das Immunsystem stärken kann. Es enthalte Bakterien, die vor schädlichen Zahnerkrankungen wie Karies schützen und sich positiv auf den Magen- und Darmtrakt auswirken sollen. Die Ergebnisse veröffentlichten die Forscher der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology in der Fachzeitschrift „Applied and Environmental Microbiology“.

Wirklich ungesund kann der Verzehr ohnehin zumindest nicht grundsätzlich sein: Grundsätzlich nehme der Mensch den ganzen Tag sein Nasensekret zu sich, weil Nase und Mund miteinander verbunden seien, erklärt Allgemeinmedizinerin Sabine Gehrke-Beck von der Berliner Charite.

Längere Fahrten sind allerdings ein Problem, denn irgendwann ist in der Nase nichts mehr zu holen. Dann bleibt nur noch das Handy ...

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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