25.03.2020 21:00 |

Lost in Isolation

Fehlendes Gebell, Kritiker und ein großer Wunsch

Nicht nur der Großteil der Österreicher, auch ein großer Teil der krone.at-Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und versucht - wie alle im Land - sich einen neuen Alltag zu erarbeiten. Ob sture Katzenkörper auf dringend gebrauchten Tastaturen oder Kinder, die, während man einen Artikel fertigkriegen will, lautstark Runde um Runde um den zum Arbeitsplatz umfunktionierten Küchentisch drehen - die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Die unterschiedlichen Facetten dieser vor Kurzem unvorstellbaren neuen Realität wollen wir unseren Lesern natürlich nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation.

Eigentlich dürfte ich für diese Serie gar nicht schreiben. Ich bin nämlich eine der wenigen, die noch „ganz normal“ vom krone.at-Newsroom aus arbeitet. Wirklich normal ist momentan aber leider so gar nichts.

So fahre ich jeden Tag frühmorgens mit dem Auto über die leer gefegten Straßen in die Redaktion. Und auch dort herrscht ungewohnte Leere. Im riesigen Newsroom, wo sonst zig Leute herumwuseln, wo telefoniert, getratscht und wie wild in die Tasten gehaut wird, ist es - zumindest die meiste Zeit über - seltsam still. Nur ganz wenige Redakteure sind hier im Dienst, der überwiegende Teil arbeitet von zu Hause aus.

Der Platz meiner Sitznachbarin, jene Kollegin mit der ich seit Jahren tagtäglich eng und liebend gern zusammenarbeite, ist somit leer. Auch andere Kollegen, mit denen mich weit mehr als nur die Arbeit verbindet, sind alle im Home-Office. Und am Arbeitsplatz hinter mir keift nicht einmal mehr unser Redaktionshund „Semmel“. Ach, wie ich sein Gebell, das mich schon oft so unendlich genervt hat, vermisse.

Nachmittags, nachdem mich der Spätdienst-Kollege abgelöst hat, fahre ich wieder nach Hause. Freizeitaktivitäten gehen mir nicht wirklich ab. Da durch die aktuelle Nachrichtenlage die Arbeitstage sehr intensiv sind, falle ich sowieso bald todmüde ins Bett. Und trotzdem fehlen mir meine Familie und Freunde. Videotelefonie funktioniert zwar super. Aber sind wir uns ehrlich: Das ist nicht dasselbe. Und das frustet - zumindest ein bisschen.

Und genau an dieser Stelle höre ich nun die Stimmen so mancher Mitbürger im Ohr: „Was jammert die so? Die ist doch eh nur so ein Schreiberling. Leute, die wirklich das System erhalten, sind arm. Ärzte, Krankenschwestern und Supermarktangestellte!

Und ja, liebe Kritiker, ich kann Ihnen damit nur recht geben. Ich weiß, es geht mir viel besser als so manch anderen. Ich habe weder meinen Job verloren, noch muss ich mit kleinen Kindern in Quarantäne ausharren. Ich muss nicht auf das Ergebnis eines Corona-Tests warten. Meine Familie ist gesund. Ich bin nicht alleine zu Hause. Ich darf spazieren gehen. Und darüber hinaus darf ich Sie da draußen zusammen mit meinen Kollegen täglich über die aktuellen Entwicklungen rund um das Coronavirus am Laufenden halten.

All das ist ein wahnsinniges Privileg, dessen ich mir voll und ganz bewusst bin. Und wofür ich wirklich sehr dankbar bin. Und dennoch habe ich einen Wunsch, der von Tag zu Tag größer wird. Ich wünsche mir Normalität zurück. Nicht für mich persönlich, sondern für uns alle.

Um diese Normalität - unseren vielleicht sogar manchmal eintönigen und jetzt doch schmerzlich vermissten Alltag - sobald wie möglich zurückzuerlangen, müssen wir weiter an einem Strang ziehen. Und wer weiß, vielleicht wissen wir dann - wenn das alles irgendwann vorbei ist - gewisse Dinge wirklich wieder mehr zu schätzen. Sei es der so oft verschobene Kaffeetratsch mit Freunden, das als nervig abgestempelte Sonntagsessen mit der Familie und in meinem Fall vielleicht sogar auch „Semmels“ Gebell.

Bisher erschienen im Rahmen der krone.at-„Lost in Isolation“-Serie:

Charlotte Sequard-Base
Charlotte Sequard-Base
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