19.03.2020 22:54 |

Lost in Isolation

„Und wo gehen wir heute hin, Mama?“

„Mama, was machen wir jetzt?“ „Wo gehen wir hin?“ „Wer kommt zu uns?“ Diese Sätze, gestellt von sechs- und vierjährigen Kindermündern und untermalt von erwartungsvollen großen Augen stellen einen schon in alltäglichen Zeiten vor eine kleine Herausforderung. 

Man möchte dem Nachwuchs ja Unterhaltung bieten, obwohl man sich nach einem harten Tag im Job am liebsten auf die Couch werfen und bis zum Klingeln des Lieferservices nicht mehr von dort wegbewegen möchte. „Nichts, nirgends und niemand“, untermalt mit einem leicht sakrastischen, leicht provozierenden oder etwas genervten Unterton ob der Häufigkeit, mit der diese Fragen auf einen einprasseln, ist übrigens so gut wie nie die Antwort, die die abenteuerlustigen Kleinen hören wollen - für Sie mit allen Folgen getestet.

Jetzt, in einer solchen Ausnahmesituation, stellt einen aber allein die Frage nach dem „Was machen wir jetzt bzw. morgen?“ vor eine noch größere Herausforderung. „Ich weiß es nicht“, wäre die ehrliche Antwort, aber für Erwachsene und Kinder gleichermaßen unbefriedigend. „Wir werden uns unseren neuen Alltag gemeinsam erarbeiten“, ist da wohl zutreffender - sowohl im Großen (die Regierung, das Land, die Systemerhalter) als auch im Kleinen (die Familie, die zwar in den meisten Fällen bereits Job und Kinderbetreuung unter einen Hut bringen musste, aber selten auf einem so begrenzten Raum wie der eigenen Wohnung).

Zwar haben jene, die nun vom Wohnzimmer aus arbeiten, einen großen Vorteil jenen gegenüber, die ihren Beruf nicht (in Jogginghose) vor dem Rechner ausüben können/sollen/dürfen, denn sie müssen sich keine Sorgen darüber machen, wer ihre Kinder betreut, wenn sie ihren Job vor Ort ausüben müssen. Aber auch das stellt vor eine Herausforderung: Plötzlich soll man für zwei 40-Stunden-Jobs und 24 Stunden am Tag anwesende Sprösslinge gleichermaßen befriedigend agieren - vom Haushalt ganz zu schweigen.

In meinem Fall ist es noch einfach - ich habe meine Arbeitszeit einfach zum Großteil auf den späten Abend verschoben oder in die Zeit, in der die Familie noch schläft, damit der Mann untertags für seine Firma erreichbar sein kann und immer jemand auf die Hunderten Anfragen des Nachwuchses reagieren kann. Wie oft Kinder so am Tag Hunger haben oder behaupten, es zu tun, wird einem ja auch erst wieder richtig bewusst, wenn die Kleinen nicht in Kindergarten, Schule oder Hort mit einem dreigängigen Menü und Extra-Jause verköstigt werden.

Am ersten Tag des vorerst neuen Lebens musste der Nachwuchs in vielen Haushalten ordentlich zurückstecken, weil wir, die Erwachsenen, auch erst einmal in die neue Situation hineinfinden mussten. So auch bei uns. Da war der Mann, der von in der Früh bis zum späten Nachmittag am Handy war, um als IT-Leiter sicherzustellen, dass alle seine Kollegen möglichst problemlos per Teleworking oder doch noch vor Ort arbeiten können. Da war ich, die den Dienstplan der Kollegen dahin gehend umgestellt hat, dass möglichst wenige Redakteure vor Ort sind und dies zudem möglichst mit denselben Leuten, um eine Ausfallsquote möglichst gering zu halten.

Da bin aber auch ich, die bereits am frühen Vormittag Bilder von befreundeten Eltern bekommt, auf denen zu sehen ist, dass die schulpflichtigen Sprösslinge bereits brav an den Übungsmaterialien sitzen, während ich soeben online Druckerpatronen bestellt habe, weil das Gerät, das vorgestern noch tadellos funktioniert hat, heute nur noch die Hälfte der Seiten beschreibt, die aus seinem verächtlich grinsenden Maul zu kommen scheinen. Es wäre zwar möglich, die Seiten persönlich in der Schule abzuholen, aber wir haben beschlossen, auch auf diesen Weg zu verzichten. Das Schulkind kann in der hoffentlich nicht allzu langen Zwischenzeit einige der Aufgaben auch in seinen Büchern und Heften erledigen, die Übungszettel werden wir einfach am Ende der Woche nacharbeiten.

„Einfach.“ Das ist gerade so gut wie nichts. Auch wenn wir es noch relativ einfach haben. Wir können zu Hause bleiben und müssen - außer die über-70-jährigen Schwiegereltern brauchen dringend etwas - vorerst nicht rausgehen. Wir haben einen Garten, der den größten Bewegungsdrang abfedert und zugegebenermaßen ohnehin schon längst nach einer mehrwöchigen Intensiv-Aufmerksamkeit schreit. Wir haben Kinder in einem Alter, für die dieser Garten noch eine kleine Welt ist. Wir müssen keiner 14-Jährigen erklären, warum sie ihre beste Freundin jetzt auf unbestimmte Zeit nicht mehr treffen darf. Wir müssen keinem 16-Jährigen verbieten, sich auf sein Moped zu schwingen, um zur nächsten Party zu düsen.

Wir backen Brot selbst, kochen ohnehin meistens so viel, dass es für mehrere Tage reicht, und der Mann trainiert seit Jahren auf eine Situation wie diese hin. Dass es ein Virus sein würde, das die Welt in die Knie zwingen sollte, hatte er „nicht am Schirm“, wie er zugibt. Aber dass sich seine ihm von den Großeltern „eingeimpften“ Vorsorgebemühungen irgendwann auszahlen würden, dessen war er sich sicher. Ob Blackout oder Zombie-Apokalypse, er hätte für so gut wie jede Situation die passende Ausrüstung parat.

Es gibt allerdings Vorkommnisse, die auch in der außergewöhnlichsten Lage überraschend profan daherkommen. Da verliert die Schulkind-Tochter doch tatsächlich am ersten Tag der geltenden Regelungen einen Wackelzahn und freut sich, dass jetzt die Zahnfee kommt. Aber kommt sie auch? Und - für das Kind wichtiger - hat sie was mit? Während ich in Gedanken durch den Inhalt der Geschenkekiste gehe, ob etwas Passendes dabei ist, schreibt eine Freundin in unserer WhatsApp-Gruppe: „Der Weg zur Arbeit ist von der Verordnung ausgenommen, soweit die Branche der Zahnfee der Aufrechterhaltung der kritischen Systeme dient.“ Ich mag meine Freunde.

Mit einem anderen Freundeskreis haben wir am Sonntagabend per Videokonferenz aus sechs Haushalten gemeinsam gekocht, gegessen und - ich gebe es zu - auch das eine oder andere Corona getrunken. Etwas Ironie in dieser Situation muss sein. Noch jedenfalls. Denn noch ist niemand erkrankt oder direkt betroffen, den ich persönlich kenne. Noch fühlt sich die ganze Situation surreal an, obwohl wir als Zeitung uns bereits seit Ende Dezember, als die ersten Fälle in China bekannt wurden, mit dieser neuartigen Lungenkrankheit beschäftigen.

Es fühlt sich fast noch wie ein selbst gewählter Urlaub an, in dem man lieber etwas im Garten machen möchte als zu verreisen. Nur dass man jetzt nicht schnell zum Baumarkt fahren kann, um Pflanzenerde oder Gerätschaften zu holen. Oder das Entrümpelte am Recyclingplatz auf Nimmerwiedersehen abliefern. Oder sich bei einem Gastgarten-Bierchen mit Freunden eine kleine Auszeit vom Familienalltag nehmen. Nun heißt es alles dafür tun, dass sich die Situation nicht noch weiter verschärft, dass sich die Ärzte und Krankenschwestern, denen nicht nur in Krisenzeiten meine absolute Hochachtung gilt, mit voller Konzentration um jene kümmern können, die ihre Hilfe jetzt am allerdringendsten benötigen.

Und im Kleinen gilt es, dem Nachwuchs trotz allem eine möglichst entspannte Zeit in dieser für alle spannenden Zeit zu bieten. Wir alle werden einen Weg finden müssen. Und diesmal die Frage von mir: Wie machen wir es morgen?

Lost in isolation: Der Großteil unserer Redaktion befindet sich derzeit zu Hause und muss sich - wie alle im Land - in einem völlig neuen Alltag zurechtfinden. Die Herausforderung, Job, Familie und Privatleben unter einen Hut zu bringen, hat eine neue Dimension erreicht. Unsere Erfahrungen und Gedanken zu dieser neuen Realität wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten: krone.at lost in isolation. Alle Artikel unserer Serie finden Sie hier!

Heike Reinthaller-Rindler
Heike Reinthaller-Rindler
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