05.02.2020 23:15 |

Perfekt in der Stadt

Honda e: Was ihn zum coolsten aller Stromer macht

Elektroautos schießen gerade überall fast wie die Schwammerln aus dem Boden. Manche sind klein und mittlerweile fast schon günstig, andere sind tonnenschwere Kolosse. Umweltfreundlich? Na ja. Die meisten von ihnen haben eines gemeinsam: Bei genauer Betrachtung wirken sie ziemlich konventionell. Ganz anders Hondas erstes Elektromobil: Der Honda e wird umso einzigartiger, je genauer man hinschaut.

Er fährt sich wie ein Gokart, nur komfortabler, hat trotz seiner geringen Länge von 3,90 Meter gar nicht mal so wenig Platz für vier (mehr als im Mini), aber nur wenig für Gepäck, ist der perfekte Stadtflitzer und gibt der Elektromobilität dadurch einen Sinn. Aber dazu später.

Design zum Verlieben
Die Einzigartigkeit fängt natürlich bereits beim Design an. Er ist ein Halsverdreher, ein Blickfang, ein Hinschauer, der knuddelige, kleine Japaner mit den runden Kulleraugen an Front und Heck. Die sitzen jeweils in einer konkaven, schwarz glänzenden Blende - wo vorne und hinten ist, erkennt man unter anderem an der ebenfalls schwarzen, gläsernen Ladeklappe auf der Front.

Die knuffige Karosserie hat Pausbacken an den Radausschnitten, schwarze Kontrastflächen - inklusive dem serienmäßigen Glaspanoramadach - unterstützen die Formen, alles strahlt Sympathie aus. Und Vertrautheit, der Honda e ist gewissermaßen die Kreuzung eines 80er-Jahre-Kompaktwagen mit einem iPhone. Und er hat, was vielen Autos fehlt: Charakter.

Total digital: Wie ein Besucher aus der Zukunft
An den Türen fallen zwei Dinge auf: Die Griffe sind bündig versenkt (und fahren elektrisch aus) und außerdem verzichtet der Honda e als erstes Fahrzeug überhaupt auf Außenspiegel und ersetzt sie serienmäßig durch wasserabweisend beschichtete Kameras, die ihr Signal auf zwei Sechs-Zoll-Displays im Innenraum übertragen. Das bringt einen günstigeren Luftwiderstand, aber vor allem entscheidende Zentimeter im engen Stadtverkehr. Die Bildschirme liegen links und rechts außen am Armaturenbrett und damit besser im Blickfeld als im Audi e-tron (wo das System 1800 Euro extra kostet). Gewöhnungsbedürftig ist das aber trotzdem, weil es schwieriger ist, Geschwindigkeiten und Abstände einzuschätzen.

Optional ist auch der Innenspiegel digital, lässt sich aber mit dem Abblendhebel zum normalen Spiegel umschalten (was vor allem mit Gleitsichtbrille die bessere Wahl ist).

Womit wir im Innenraum angekommen sind. Bzw. in der Wohlfühl-Lounge auf Rädern, denn man nimmt Platz wie in einem Wohnzimmer, auf bequemen Polstersesseln, vor einem superbreiten Flachbildschirm, der auf einer eleganten Holzkonsole thront. Das „Holz“ ist zwar Kunststoff, wirkt aber echter als manch lackierte Echtholzfläche in einigen Luxusautos. Die Fläche zwischen den Außenspiegel-Displays wird von drei weiteren Bildschirmen aufgefüllt. Ein 8,8 Zoll großer TFT-Screen liegt hinter dem Lenkrad, über zwei 12,3 Zoll große LCD-Touchscreens wird alles gesteuert, vom Navitainment über Sicherheitssysteme bis hin zu per USB, Bluetooth oder HDMI angeschlossenen Geräten (Apple CarPlay und Android Auto drahtlos).

Erstaunlich: Trotz des riesigen Bildschirms (denn die fünf Displays verschmelzen gefühlt zu einem) hat der Innenraum nichts Kaltes, Abweisendes, wie etwa in einem Tesla oder Byton, sondern lädt regelrecht zum Verweilen ein. Und das alles hinterlässt einen sehr hochwertigen Eindruck.

Das Einzige, was fehlt, ist ein Ablagefach, in dem man das Handy in Sichtweite platzieren kann. Dafür steht nur eine Einschubtasche unter dem Armaturenbrett zur Verfügung.

Superintelligentes Bedienkonzept
Sogar Gegner von Touchscreens im Auto (und zu denen zähle ich mich) können mit diesem Bedienkonzept ihre helle Freude haben. Unter anderem deshalb, weil die wichtigsten Schalter/Regler analog vorhanden sind: Die Klimaanlagenbedienung sitzt unterhalb der Lüftungsausströmer; in die Holzdekorkonsole eingelassen sind Ein/Aus-Schalter, Lautstärkeregler, ein Home-Button und sogar ein Kopf für die Helligkeitsregulierung. Zusätzlich die Taste für die Aktivierung des automatischen Parkpiloten.

Die Anordnung sieht nicht nur gut aus, sie ist auch ungemein praktisch: Sogar während der Fahrt lassen sich die Touchscreens fehlerfrei und problemlos bedienen, weil man die Hand auflegen kann.

Doch auch softwaremäßig ist Honda ein Meilenstein gelungen: So intelligent, so intuitiv zu bedienen ist wohl kein anderes System. Große Touchtasten sind nicht zu verfehlen, eine „Recent“-Taste blättert die letzten verwendeten Apps auf, per Fingerzeig lässt sich der Inhalt des einen Bildschirms auf den anderen verschieben. Wer nun sagt, das braucht man nicht, hat es noch nicht ausprobiert.

Okay, Honda: Einziger Sprachassistent mit Gesicht
Wie mittlerweile üblich, bringt auch der Honda e einen Sprachassistenten mit, der normal gesprochene Alltagssprache versteht. Er hört auf das Kommando „Okay, Honda“ und ist sogar in der Lage, mehrfach gefilterte Navigationsziele zu finden. Etwa ein italienisches Restaurant mit WLAN und kostenlosen Parkplätzen. Wirklich einzigartig ist aber nicht die Funktion, sondern dass man nicht in ein seelenloses Armaturenbrett hineinspricht, sondern dass auf dem Display ein Maxerl auftaucht, das wie handgezeichnet wirkt und dem Assistenten gewissermaßen Persönlichkeit verleiht.

Während des Ladens ein Kinosaal
Wie in einem echten Wohnzimmer kann man hier auch wunderbar fernsehen. Der Beifahrer während der Fahrt, der Fahrer kann sich die Wartezeit beim Laden versüßen. Zum Beispiel kann man per USB-Stick ein Video schauen oder man schließt per HDMI einen Streamingdienst wie Netflix oder Amazon Prime an. Der Sound hat vor allem im Honda e Advance Kino-Niveau, mit einem 376-Watt-Soundsystem, zu dem auch ein fetter Subwoofer unter der Rückbank sowie ein 45-Watt-Center-Lautsprecher gehört.

Alternativ lässt sich auch eine Spielekonsole anstecken, sodass die Ladezeit beim Zocken wie im Flug vergeht.

Auto fahren wie im Autodrom
Der Honda e hat grundsätzlich Heckantrieb, der Motor unter dem 171 Liter großen Kofferraum liefert 315 Nm und je nach Version 100 kW/136 PS (Basis) oder 113 kW/154 PS (Advance). Wir haben die stärkere Variante getestet, die zudem mit den optionalen 17-Zoll-Felgen und Pirelli-Supersport-4-Reifen ausgestattet war (vorn 205/45, hinten 225/45). Die kosten zwar ein paar Kilometer Reichweite, dürften aber nicht ganz unschuldig an dem Fahrspaß sein, den der Honda e bietet.

Da sich seine Batterie unter dem Fahrzeugboden befindet, liegt der Schwerpunkt tief (auf Honda-NSX-Niveau). Dazu kommt ein top abgestimmtes Fahrwerk mit Mc-Pherson-Federbeinen rundum. Das ist zwar knackig, aber ganz und gar nicht unkomfortabel. Einerseits verlieren Schlaglöcher und Temposchwellen auf der Straße ihren Schrecken, andererseits wuselt der kleine Japaner mit Freude und ohne größere Seitenneigung um engste Kurven. Dabei überraschen die Sofa-Sitze durchaus mit Seitenhalt. Die variabel übersetzte Lenkung erwies sich als extrem zielgenau und gefühlvoll, dabei nicht nervös. Einen leicht erhöhten Puls dürften sie höchstens bei MINI verzeichnen, wenn sie einen Honda e zu fahren bekommen.

Wendet fast auf der Stelle
Der Clou an der Lenkung ist aber etwas anderes: der Wendekreis. Der beträgt zwischen Randsteinen nur 8,6 Meter (zwischen Mauern 9,2 Meter). Dadurch ist der Honda e in der Stadt unfassbar wendig und easy einzuparken. Trotzdem kann die Advance-Version völlig selbsttätig einparken.

Längsdynamisch beschleunigt der Honda aus dem Stand weg auch den Puls des Fahrers. Den Sprint von null auf 100 km/h absolviert der nach DIN 1445 kg schwere Honda e in 8,3 Sekunden (Basis: 9,0), bei 145 km/h wird abgeregelt (Tacho 150). Schaltet man in den Sportmodus, spricht der Motor fast schon giftig an. Gebremst wird einerseits klassisch per Bremspedal, wobei hier immer auch rekuperiert, also Energie in die Batterie zurückgespeist wird. Erst wenn die Bremskraft des E-Motors nicht ausreicht, kommen die Bremsbeläge zum Einsatz.

Andererseits kann man den Honda, wenn gewollt, auch über weite Strecken mit nur einem Pedal fahren. Über Paddles am Lenkrad sowie einen zusätzlichen Schalter zwischen den Sitzen kann man die Rekuperationsleistung einstellen, die abgerufen wird, wenn man den Fuß vom Fahrpedal nimmt. Sechs Stufen stehen insgesamt zur Verfügung, in den drei stärksten bremst er bis zum Stillstand und bleibt dann mit einem Ruck stehen. Ein Segelmodus ist nicht vorhanden.

Reichweite für den urbanen Bereich
Die Batterie des Honda e hat eine Kapazität von 35,5 kWh, was nach WLTP für eine Reichweite von 222 oder 210 Kilometer reicht (je nach Felgengröße). Das klingt nicht nach viel, ist aber für den angepeilten Einsatzbereich angemessen und ein guter Kompromiss zwischen Kapazität und Kosten bzw. Gewicht. Die Werte wirkten bei unseren Testfahrten plausibel, werden aber naturgemäß weit verfehlt, wenn man das Spaßpotential ausnutzt.

Im Idealfall dauert es 30 Minuten, bis leere Akkus wieder zu 80 Prozent voll sind. Das funktioniert an einer 100-kW-Ladesäule. An einer 50-kW-Säule dauert es nur eine Minute länger. Zu Hause hat man die Wahl zwischen dem Laden an einer 7,4-kW-Wallbox oder an der Haushaltssteckdose. Im einen Fall dauert eine 100-Prozent-Ladung 4,1 Stunden, im anderen Fall 18,8 Stunden.

Preise: Angesichts der Ausstattung günstig
Der Honda e wird in zwei Varianten angeboten. Die Basisversion kostet in Österreich 34.990 Euro und beinhaltet richtig viel Ausstattung. Angefangen bei LED-Lichtern über Sicherheitsassistenten, Navi, Connectivity, der kompletten Display-Landschaft samt Kamera-Rückspiegeln, Rückfahrkamera etc. Die Version Advance ab 37.990 Euro bringt zusätzlich Totwinkel-/Ausparkassistent, beheizbares Lenkrad, beheizbare Frontscheibe, Mehr-Winkel-Rückfahrkamera oder eine 230-Volt-Steckdose mit. Bestellen kann man bereits, ausgeliefert wird ab Juni.

Unterm Strich: Perfekt für die Stadt
So macht Elektromobilität Sinn: in der Stadt, wo lokal emissionsfreies Fahren eine direkte Auswirkung auf die Luftqualität hat. Mit Technologie, die intelligent ist und Spaß macht. Ohne den Ballast eines 800 kg schweren Akkus. In einem Auto, das für diesen Lebensraum geschaffen ist. Man kann sich nicht einmal einen Außenspiegel abfahren, weil die Kameras nicht breiter sind als die Karosserie. Wird man links zugeparkt, kann man auf der Beifahrerseite einsteigen und locker auf den Fahrersitz hinüberrutschen. Einziges Manko ist dass man die Rückbanklehne nur in einem Stück umklappen kann. Dann bekommt man immerhin einen 861 Liter (bis Fensterunterkante 571 Liter) großen Laderaum.

Der Honda e ist nicht einfach nur eines von vielen Elektromobilen, er hat Kultpotential. Im Design retro-angehaucht - aber technisch zu Hause in der Zukunft.

Warum?
Ein Gesamtkunstwerk
Tolles Fahrverhalten
Beeindruckendes Bediensystem

Warum nicht?
Für längere Strecken zu wenig Reichweite

Oder vielleicht …
… Mini Cooper SE, Renault Zoe, DS3 Crossback E-Tense, Kia e-Soul, Opel Corsa e, Peugeot e-208 - oder BMW i3

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
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