23.01.2020 04:12 |

Superfettes Diesel-SUV

Audi SQ8: Rauchverbot in der Inkarnation des Bösen

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der Audi SQ8 TDI wohl eines der größten Übel der automobilen Welt: ein SUV, noch dazu ein SUV-Coupé, mit einem Vierliter-V8-Dieselmotor, der dampfhammerartige 900 Nm generiert und mit 435 PS sportwagenartige Fahrleistungen ermöglicht. Wir haben trotzdem eine Testfahrt gewagt und das elegante Trumm mit Vollgas über deutsche Autobahnen gescheucht. Ganz ungeniert. Moment - nein, eigentlich nicht. So unbeschwert wie früher fühlt sich so etwas nicht mehr an.

Es ist alles relativ. Im Vergleich zu einem ähnlich leistungsstarken Benziner (oder auch zum seligen V12-TDI) ist der SQ8 immens sparsam, im Vergleich zu Audis früherem Performance-TDI geht er als downgesizet durch (weil er auf ein Drittel der Zylinder verzichtet) und er erfüllt bereits die Abgasnorm Euro 6d, die für ihn erst in einem Jahr gelten würde. Damit ist er auf alle Fälle kein Stinker.

Ein Qualmer schon gar nicht. Klar, man kennt das: Wenn der Fahrer eines (älteren) starken Diesel aufs Gas steigt, raucht es aus dem Auspuff wie bei einem alten Frachtschiff aus dem Schornstein. Nicht so beim SQ8, da kommt im Wesentlichen heiße Luft hinten raus. Ein echter Nichtraucher.

Kommt zur Sache. Sofort.
An all das denkt man aber nicht wirklich, wenn man auf dem Fahrersitz Platz genommen hat, umfangen vom eleganten, relativ nüchternen Innenraum. Da will man fahren. Oder noch besser: reisen, schnell reisen, denn dafür ist der Audi SQ8 wie geschaffen. Du gibst Gas und das Triebwerk schiebt augenblicklich an. Nichts zu spüren von einer gut zweisekündigen Verzögerung, die wir noch beim Dreiliter-Sechszylinder-TDI, sogar im Audi S6 bemängelt haben. Aus dem Stand, geschmeidig, und auch akustisch nicht aufdringlich, sondern höchst angenehm. Dezent sportlich. Der Sound je nach Fahrmodus wohldosiert. Auch die Achtgangautomatik ist auf Zack.

Segeln für das gute Gewissen - elektrisch unterstützt
Man merkt schon, dieser Diesel ist einer der modernsten seiner Art. Und es lohnt sich zu hinterfragen, warum das so ist. Zu seinen zwei Turboladern gesellt sich noch ein elektrischer Lader, der schon für eine Portion Power sorgt, wenn seine beiden abgasbetriebenen Kollegen noch in der Ruhe vor dem Sturm chillen. Betrieben wird er über das 48-Volt-Bordnetz, das an einer 0,5-kWh-Batterie hängt, die wiederum über einen riemengetriebenen Startergenerator via Rekuperation versorgt wird. Dank dieses Mildhybrid-Systems kann der SQ8 ohne Motor und ausgekuppelt bis zu 40 Sekunden lang „segeln“, wenn der Fahrer vom Gas geht. Das funktioniert im Geschwindigkeitsbereich zwischen 55 und 160 km/h. Beim Heranrollen an eine rote Ampel schaltet sich das Triebwerk schon bei 22 km/h ab und startet, wenn es wieder gebraucht wird, verzögerungsfrei. Audi spricht von einem Verbrauchsvorteil von 0,5 l/100 km, den die Anlage bietet.

Sei‘s drum. Wenn man den Fuß auf das Gaspedal niederlässt, wird es auf der Landstraße bereits nach 4,8 Sekunden teuer. Bei 250 km/h wird abgeregelt. Man sollte das optionale Head-up-Display gut im Auge behalten, denn man spürt die Geschwindigkeit kaum, so leise geht es hinter dem Akustikglas (auch bei hohem Tempo) zu und so sanft gleitet der Ingolstädter mit seinem Luftfahrwerk über den Asphalt.

Wenn man den Q fliegen lässt ...
Ja, es ist auch das hohe Tempo, das dem Audi SQ8 einen Sinn gibt. Er zischt über die linke Spur, dass man nur grinsen möchte. Dabei ist es nicht einmal lästig, wenn man zwischen durch vom Gas gehen muss, weil er anschließend sofort wieder heftig anschiebt. Allerdings sollte man bereit sein, sehr fest auf die Bremse zu treten, wenn ein anderer die Überholspur zu nutzen im Begriff ist (also, wenn einer rauszieht) - die laut Zulassungsschein 2524 kg des Testwagens wollen erst einmal zusammengebremst werden. Vor allem wenn die optionalen Carbon-Keramikbremsen aufgrund günstiger Verkehrslage dauerkalt sind.

Serienmäßig an Bord ist die Luftfederung, welche die Bodenfreiheit je nach gewähltem Fahrmodus auf dem gewünschten Maß hält, die Bandbreite beträgt dabei neun Zentimeter. Der Gipfel ist bei 25,4 Zentimeter erreicht.

Das übrige Erstrebenswerte sollte man mitbestellen, vor allem das Fahrwerkspaket advanced mit Sperrdifferenzial, Allradlenkung und der aufwendigen elektromechanischen aktiven Wankstabilisierung: An jeder Achse befindet sich zwischen den beiden Hälften des Stabilisators jeweils ein kompakter Elektromotor, der bis zu 3 kW Leistung aufbringt und Seitenneigung der Karosserie so gut wie unterbindet.

Das alles funktioniert sehr gut und macht die mächtige Masse des Audi vergessen. Auch die Lenkung vermittelt ein recht gutes Gefühl, jedenfalls im Dynamikmodus, der die Lenkung schärft und das Fahrwerk absenkt. Lediglich bei sehr hohem Tempo, also auf die Endgeschwindigkeit zu, wirkt sie etwas unpräzise um die Mittellage.

Und dann geht‘s an die Tankstelle
An der Tankstelle bekommt man für die Raserei natürlich die Rechnung präsentiert, allerdings keine exorbitant hohe. Okay, vom Normverbrauch von 7,8 Litern brauchen wir nicht träumen, aber 13,5 Liter im Schnitt auf einer Fahrt von Wien nach Landsberg am Lech mit wirklich hohem Vollgasanteil ist respektabel. Insgesamt sind wir im Verlauf von rund 1500 km Testfahrt auf 11,5 l/100 km gekommen. Ein grundsätzlicher Durchschnittsverbrauch von 10,5 l/100 km ist realistisch, wer sparsam fährt, kommt unter zehn Liter.

Die großen Beträge bekommt also nicht der Tankwart, sondern Hersteller und Fiskus. Der Basispreis für den Audi SQ8 in Österreich, also der Preis vor Betrachtung der Aufpreisliste, liegt bei 127.509 Euro. Der Testwagen kostet sage und schreibe 183.294,65 Euro. Aber gut, da sind halt auch so essentielle Dinge drin wie das Fahrwerkspaket um achteinhalbtausend, die 22-Zöller um fünftausend, die (leider meist verschmutzten) Umgebungskameras um 1000, die Fünf-Jahres-Garantie um 1900 oder der schwarze Alcantara-Dachhimmel um 2200 Euro. Ja, der Audi SQ8 ist ein elitäres Fahrzeug.

Aber kein unsinniges, je nach Einsatzbereich. Wer viel im engen Gasslwerk einer Stadt unterwegs ist, wird mit fünf Meter Länge und zwei Meter Breite bei nicht sehr entgegenkommender Übersichtlichkeit nicht sonderlich glücklich werden. Wer Platz braucht, um sich repräsentativ kutschieren zu lassen oder groß gewachsene Geschäftspartner einzuladen, schon. Denn trotz der flachen Dachlinie herrschen auf den Rücksitzen opulente Platzverhältnisse. Und wer sich in eleganten Lederschuhen durchs Gelände graben will, um sein Chalet zu erreichen, kann auch das standesgemäß tun.

Unterm Strich
Man muss Greta Thunberg (diese junge Frau, die uns auf eine Lage aufmerksam macht, die es auch ohne sie gäbe, die uns aber nicht bewusst wäre) nicht hassen, um sich dieses Auto zu kaufen. Aber man sollte sich dessen bewusst sein, was man kauft und was man damit für ein Zeichen setzt. Ein 2,5-Tonnen-SUV ist nicht umweltfreundlich, egal ob es von einem Verbrenner- oder einem Elektromotor angetrieben wird. Vorteil am Diesel: Wien-Landsberg geht sich ohne Tanken aus.

Warum?
Sahniger Power-Diesel
Relativ guter Verbrauch

Warum nicht?
Zum Schnell-Fahren sind andere Fahrzeugformen sinnvoller

Oder vielleicht …
BMW X6 M50d

Stephan Schätzl
Stephan Schätzl
Kommentare
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