11.08.2019 11:53 |

Ganz persönlich

Kanzlerin Bierlein mit Herz, Hirn und viel Humor

Österreichs erste Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein (70) gilt als extrem medienscheu und meidet große Interviews. Nun lud sie die „Krone“ zum persönlichen Treffen und überraschte ungewohnt offen und sehr sympathisch mit Schilderungen zu ihrer Ernennung, dem Rat ihres Partners und ihren Plänen.

Aus der Ecke winkt eine goldene Glückskatze aus Japan. Ein Geschenk des neuen Außenministers Alexander Schallenberg (50). Neben dem Computer am Schreibtisch steht eine kleine Justitia als Erinnerung an ihre große Karriere als Spitzenjuristin, dahinter an der Wand ein Gemälde des Innsbrucker Künstlers Markus Prachensky. Ihre geliebten rot-orangen Mikl-Leihgaben aus der Albertina möchte Brigitte Bierlein (70), die in jungen Jahren eigentlich Architektur oder Kunst hätte studieren wollen, so bald wie möglich aus ihrem alten Büro übersiedeln und zeigt den Platz an der Wand, wo sie dann hängen sollen.

Stets etwas extravagant gekleidet und perfekt frisiert
Unsere neue Kanzlerin empfängt uns in ihrem Büro im Kanzleramt. Sie hat das Metternichzimmer bezogen, in dem zuletzt Gernot Blümel und Christian Kern residierten. Ein modern eingerichtetes, sehr helles und freundliches Büro. Sie selbst passt in ihrem pastellfarbenen Spitzenkleid und ihren modischen High Heels irgendwie perfekt hinein: eine extrem zierliche, elegante Erscheinung, stets etwas extravagant gekleidet und perfekt frisiert.

Vergessen Sie das Bild, das Sie möglicherweise aus dem Fernsehen von ihr haben. So ist sie im persönlichen Umgang eigentlich nicht: kontrolliert, konzentriert und zurückhaltend zwar, wenn sie über Inhaltliches spricht, aber humorvoll und überaus herzlich sowie von sprühender Ironie und Intelligenz im persönlichen Gespräch. Besonders wenn sie von sich selbst erzählt, von Männern im Allgemeinen und ihrem im Besonderen oder von den Begegnungen mit Van der Bellens Bello in der Präsidentschaftskanzlei und dabei amüsiert lachen kann. Doch dazu später. Zuerst der Reihe nach:

SMS mit dem Ibiza-Video: „Das ist eine Bombe“
Es ist Freitagabend am 17. Mai, die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs sitzt gemütlich mit Freunden beim Heurigen, als sie von einer befreundeten Journalistin ein SMS erhält: „Das ist eine Bombe“, beigefügt der Link zum Video, das kurz darauf die Republik erschüttern sollte. Was sie sieht, verschlägt ihr die Sprache. Noch ahnt sie nicht, welche Auswirkungen das Gesehene haben wird. Auch auf ihre eigene Karriere. Nach zack, zack, zack geht es nämlich ruck-zuck. Erst wird Innenminister Herbert Kickl aus dem Amt gehoben, dann gleich die ganze Regierung.

Es sind bewegende Tage, die die Republik erlebt, denn die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen überschlagen. Am Tag vor Christi Himmelfahrt beginnt ihre Mission Kanzleramt. Tausende nehmen ab dem frühen Morgen bei strömendem Regen im Stephansdom Abschied von Niki Lauda, der in der Zwischenzeit seinem Leiden erlegen ist. Brigitte Bierlein sitzt in ihrem Büro, als die Sekretärin fragt, ob sie dem Bundespräsidenten ihre Handynummer geben dürfe. Drei Minuten später läutet schon das Telefon. Es sei dringend, ob sie kommen könne.

„Ich war total perplex und hab gesagt: Wie soll das gehen?“
Um unnötiges Aufsehen zu vermeiden, treppelt sie unter einem großen Regenschirm zum Hintereingang der Hofburg, statt mit der Dienstlimousine vorzufahren. Sie hat eine leise Vorahnung, was auf sie zukommen könnte: das Justizministerium möglicherweise - als Schlusspunkt einer fulminanten Karriere. Damit denkt die Spitzenjuristin aber zu bescheiden. Denn Kanzlerin soll sie gleich werden! Im Gespräch mit der „Krone“ blickt sie auf den Moment zurück: „Die Frage kam sehr plötzlich. Ich war total perplex und hab gesagt: ,Das ehrt mich sehr, aber wie soll das gehen? Ich bin ja keine Politikerin.‘“

Doch VdB lässt sich nicht abschütteln und bleibt hartnäckig. Die Republik brauche sie. Na gut, dann wolle sie halt nachdenken, verspricht sie. Eine Nacht zumindest. Am nächsten Tag sagt sie zu. Ihr Lebensgefährte (sie ist mit Ernest Maurer liiert, einem früheren Richter) soll geraten haben: „Es ist dein Leben, du musst wissen, was du tust. Ich würde es nicht machen. Aber wenn ich Nein sage, dann tust du es eh erst recht.“ Sie lacht: „Womit er recht hatte.“

„Ich war so oft da, dass sich der Hund zu mir auf den Schoß gesetzt hat“
In den nächsten Tagen muss unter Hochdruck eine neue Regierung gebildet werden. Aufreibende Abstimmungsgespräche mit allen Beteiligten und deren Befindlichkeiten. Unzählige Male flitzt sie zwischen Verfassungsgerichtshof und Hofburg hin und her: „Ich war so oft da, dass mich der Hund des Herrn Bundespräsidenten dann schon schwanzwedelnd begrüßt und sich zu mir auf den Schoß gesetzt hat.“ Wieder so eine nette Schilderung, die man nicht von ihr erwarten würde, wenn man ihre sonst so kontrollierten Auftritte verfolgt.

Warum die extreme Eile, wollte die neue Kanzlerin vom konsequent auf die Tube drückenden Präsidenten wissen, und bekommt am Tag nach der Angelobung die Antwort, als das Staatsoberhaupt in seiner Rede bei einer Ehrung im heimatlichen Kaunertal feststellt: „Ich hab mich extra beeilt, dass ich heute rechtzeitig hier sein kann!“ Schützen, Musikkapelle, Fahnenabordnungen, Tusch.

Seit etwas mehr als zwei Monaten ist Brigitte Bierlein nun erste Bundeskanzlerin der Republik und wirkt überzeugend, wenn sie meint: „Es ist, wie es ist. Angestrebt habe ich es nicht.“

Mit ihrer Expertenregierung ist die Neue extrem beliebt. Armin Wolf zitierte in der „ZiB 2“ eine Umfrage, nach der 80% der Österreicher meinen, sie leiste „sehr gute“ oder gute“ Arbeit. Warum dies so sei, fragen wir sie – wo sie doch nur „verwalten und nicht gestalten“ wolle – und bekommen als Antwort: „Vielleicht weil wir keine Politiker sind und nicht streiten. Weil wir mit Ruhe und Sachlichkeit agieren und um keine Stimmen kämpfen müssen?“ Um noch einen kleinen Ordnungsruf an die Wahlkampf-Streithanseln anzuhängen: „Etwas mehr Kultur wäre nicht schlecht.“

Erste Präsidentin des Verfassungsgerichtshof
Erste zu sein, ist für die disziplinierte Wienerin nichts Neues: Das Studium beendete sie in Mindestzeit, mit nur 25 Jahren legt sie die Richteramtsprüfung ab, mit 28 wird sie schon Staatsanwältin, mit 40 erste Generalanwältin, danach erste Vizepräsidentin des Verfassungsgerichtshofs, 2018 dessen erste Präsidentin. Sie erinnert sich an ihre Anfänge: sie als einzige Frau unter vornehmlich älteren arrivierteren Herren in dunklen Nadelstreif-Dreiteilern: „Die haben sicher gedacht: Was will diese junge Frau? Ich hab mich deswegen extrem anstrengen müssen.“ Um die Dienstbesprechungen etwas aufzulockern, führt sie Kaffeerunden ein: „Da stand ich dann mit zwei Kaffeekannen, eine in der linken und eine in der rechten Hand. Ein bisschen Humor hilft immer.“

Nicht als kinderlose Karrieristin angesprochen gefühlt
Das Private blieb bei all dem Einsatz auf der Strecke, Bierlein hat keine Kinder und muss sich wie viele Frauen in ähnlicher Position die Frage danach gefallen lassen. Genau wie flotte Sprüche, wie von der 30 Jahre jüngeren NEOS-Chefin Beate Meinl-Reisinger (41), einer dreifachen Mutter, die eigentlich in Anspielung auf den ebenfalls kinderlosen Ex-Kanzler Kurz meinte, sie wolle „nicht nur von kinderlosen Karrieristen regiert werden“. Die 70-Jährige streicht sich eine rebellische Haarsträhne aus dem Gesicht und lächelt milde: „Also, ehrlich, da habe ich mich nicht angesprochen gefühlt. Ich war in jungen Jahren einfach viel zu beschäftigt, meinen Job gut zu machen. Und ich hätte es mir auch nicht zugetraut, so wie Ursula von der Leyen, neben dem Beruf sieben Kinder zu bekommen. Das ist schon sehr beachtlich, selbst wenn man es sich finanziell leisten kann.“ Und schließlich habe es sich halt einfach nicht ergeben.

Ausgewiesene Feministin ist sie keine, wenngleich sie sowohl in ihrer Ministerriege als auch in ihrem engsten Team auf Ausgewogenheit achtet und Frauen fördert. Ob es sie deshalb gestört habe, einen älteren Mann statt einer jungen Frau als Österreichs Kommissar nach Brüssel geschickt zu haben? Sie überlegt und antwortet gewohnt sachlich: „Es hat sich leider für keine der infrage kommenden Frauen eine Mehrheit im Parlament finden lassen, und Johannes Hahn haben wir einstimmig verabschiedet. Im Endeffekt sprach die Erfahrung für ihn.“

„Ich kann leider nirgends mehr unerkannt hingehen“
Langsam gewöhnt sich Brigitte Bierlein an ihr neues und verändertes Leben. Den Personenschutz genauso wie die Prominenz: „Ich kann leider nirgends mehr unerkannt hingehen. Aber die Reaktionen der Menschen sind durchwegs freundlich und wertschätzend.“ Öffentliche Auftritte absolviert sie souverän, ohne ihren Partner als Begleitung.

Ihr Urlaub fällt amtsbedingt heuer aus: eine Woche Griechenland im Oktober wäre eigentlich geplant gewesen, aber sie winkt ab: „Ich bin ohnehin niemand, der Urlaub braucht.“ Gesegelt ist sie immer gern, da war sie „Springerin. Diejenige, die beim Anlegen mit der Leine vorausspringt.“ Wie im Leben.

„Irgendwann ist dann auch gut“
Kommenden Jänner wäre sie als Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs in in Pension gegangen. Ob sie sich vorstellen könnte, einer neuen Regierung mit ihrer Erfahrung zur Verfügung zu stehen? Dann vielleicht als Justizministerin? „Bitte nein! Ich hab so viel erreichen dürfen in meinem Leben. Irgendwann ist es dann auch gut. Und ich hab so viele Interessen und Ehrenämter, dass mir sicher nicht langweilig wird.“

Die Glückskatze winkt noch immer. Die Batterie hält laut Schallenberg ein halbes Jahr. Für Brigitte Bierlein genau die Frist, in der sie ihr Amt wieder übergeben haben möchte. Das wäre Ende November. Wahrscheinlich wird die Katze dann doch noch eine neue Batterie brauchen?

Edda Graf, Kronen Zeitung

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