11.04.2019 05:53 |

Das große Interview

Ist die „Krone“ Ihr Leben, Herr Dichand?

Als Nachfolger von Hans Dichand († 2010) führt er die „Krone“ nun schon seit 18 Jahren durch schwierige Zeiten. Im großen Interview spricht Christoph Dichand über Macht und Politik, Vermächtnis und Verantwortung und die Seele dieser Zeitung.

Pressehaus, 16. Stock: Im Büro unseres verstorbenen Herausgebers und Chefredakteurs ist alles noch so, wie es immer war. Der Arbeitsplatz mit Blick auf Kahlenberg und Donaukanal, die Bilder an den Wänden, der schwarze Ledertisch, an dem Hans Dichand Zeitungen und Magazine aus aller Welt las und seine Besucher empfing. Dort sitzt an diesem Morgen sein Sohn und Nachfolger, um über das journalistische Erbe, die Erfolgsgeschichte der „Krone“ und seine Vision für ihre Zukunft in einer veränderten, digitalen Welt zu sprechen.

„Krone“: Ein einziges Fähnchen weht noch im Gemeindebau des Bildes von Franz Zadrazil hinter Ihnen. Wie würden Sie seine Symbolik beschreiben?
Christoph Dichand: Als Warnung an die Sozialdemokratie. Das Gebäude ist schon etwas renovierungsbedürftig, die Jalousie am Fenster hängt, und auch das Geschäft im Erdgeschoß ist schon ausgezogen. Der Künstler ahnte vielleicht den Niedergang der SPÖ voraus. Ich mag das Bild, weil es mein Vater hierher gehängt hat. Es erzeugt sehr gekonnt eine graue, düstere Stimmung.

Was fällt Ihnen spontan ein, wenn Sie an Ihren Vater denken?
Dass er uns Kinder immer sehr stark einbezogen hat in das, was ihm wichtig war. Er war zwar oft abwesend, weil er auch am Wochenende gearbeitet hat, aber die Zeit, die er mit uns verbracht hat, war sehr intensiv. Er hat mich auch manchmal in die „Krone“ mitgenommen, sein Büro war damals im 11. Stock. Ein Kindheitsfoto zeigt ihn und mich als Achtjährigen auf dem Stephansplatz. Da war eine Umwelt-Demonstration, ich erinnere mich, dass Teilnehmer in Schlafsäcken auf dem Boden gesessen sind.

Was wollten Sie als Kind werden?
Architekt.

60 Jahre „Kronen Zeitung“. Schon drei Jahre nach der Gründung 1959 hat die Zeitung unter Hans Dichand eine Million Schilling Gewinn abgeworfen und später den „Kurier“ überholt, um - bis heute - auflagenstärkstes Blatt der Republik zu werden. Wie schwer ist dieses Erbe?
Das war insofern nicht so schwer, als ich eigentlich immer in alles involviert war. Mir waren die Grundprinzipien dieser Zeitung und auch ihre wichtigsten Mitarbeiter von klein auf vertraut, das war immer alles sehr gegenwärtig. Als ich die Nachfolge meines Vaters angetreten habe, hat man mir ja nicht sehr viel zugetraut. Der Gegenwind unserer Partner war von Anfang an sehr heftig, was von anderen Medien immer dankbar aufgegriffen wurde. Insofern war der Start leicht, denn diese Erwartungshaltung war relativ leicht zu übertreffen. - Lacht.

Hatten Sie auch Zweifel?
Eine gewisse Demut war immer da, und auch ein bisschen Angst vor dieser doch sehr großen Verantwortung. Aber das ist hoffentlich verständlich.

Wie fühlen sich die großen Fußstapfen Ihres Vaters an?
Mein Vater hat zwar alles aufgebaut und mir ein großartiges Team hinterlassen. Aber ich musste mir dieses Vertrauen der Mitarbeiter erst erarbeiten, insofern bin ich einen anderen Weg gegangen als er.

Wie lange hat es gedauert, bis das Vertrauen hergestellt war?
Das ist schnell gegangen. Weil die Redaktion rasch erkannt hat, dass ich die Unabhängigkeit, die mein Vater immer großgehalten hat, gegen Einflüsse von außen verteidige. Diese Unabhängigkeit ist im Laufe der Geschichte der „Kronen Zeitung“ immer wieder infrage gestellt worden. Alle Versuche, diese zu zerstören, sind bislang gescheitert.

Wie sehen Sie die Pläne des Immobilieninvestors René Benko, an 50 Prozent der „Krone“ heranzukommen?
Wer die „Kronen Zeitung“ kaufen will, kann das jeden Tag machen, er braucht nur in die Trafik zu gehen. Noch lieber ist es uns, wenn er ein Abo bestellt. Nein, im Ernst: Wer mehr will, der wird sich mit der Unabhängigkeit, mit dieser Kraft, die wir haben, mit unserem Mut, auch unpopuläre Maßnahmen zu unterstützen, mit unserer Haltung, auch wenn es den Mächtigen nicht gefällt, mit unserer Bodenständigkeit und der Verpflichtung unseren Lesern gegenüber auseinandersetzen müssen.

Warum sollte ein Einstieg von Benko die Unabhängigkeit bedrohen?
Weil Unabhängigkeit - journalistische, politische und wirtschaftliche Unabhängigkeit - ein Wert ist, den man nicht wie Kaufhäuser oder das Chrysler Building einfach erwerben kann. Wenn finanzielle Interessen im Vordergrund stehen, wie es bei Konzernen der Fall ist, dann ist die Unabhängigkeit in Gefahr. Als Nummer eins in Österreich werden wir die Pressefreiheit mit aller Kraft verteidigen, als Herausgeber trage ich Verantwortung für mehr als 1500 Arbeitsplätze. Einen Job-Kahlschlag durch Finanzinvestoren werde ich nicht zulassen.

Der Streit mit den deutschen Miteigentümern, die Schiedsgerichte in Zürich und jetzt die aktuellen Anschuldigungen: Zermürbt Sie das nicht sehr?
Einerseits ist das natürlich nicht sehr produktiv, weil es das Unternehmen nicht voranbringt. Andererseits muss ich mich damit auseinandersetzen. Es gibt Dinge, denen man sich stellen muss, das sehe ich ganz pragmatisch.

Käme ein Verkauf der „Krone“ für Sie je infrage?
Nein, natürlich nicht! Als Familienunternehmen fühlen wir uns Tausenden anderen Familienunternehmen und unserer großen „Krone“-Familie stark verbunden. Jederzeit würden wir aber Anteile dazukaufen.

Sie haben sich nie gedacht: „Jetzt verzichte ich auf alles und genieße mein Leben?“
Nein. Außerdem entscheide ich das nicht alleine. Wir sind eine Familie und entscheiden das gemeinsam.

Hans Dichand hat auf die Frage nach der Macht einmal gesagt: „Lieber streichle ich meinen Hund daheim.“ Wie ist das bei Ihnen?
Genauso! Ich habe auch einen Hund zu Hause. „Mister Cupcake“. Ich bin auch lieber daheim und streichle den Hund. Mein Vater hat ja noch etwas anderes gesagt. Zeitungen befinden sich im Vorhof der Macht. Die Frage der Macht ist also eine relative. Und zweifellos ist es so, dass sich die Macht in dem Augenblick, in dem man sie nicht für die Leser einsetzt, denen man verpflichtet ist, noch mehr relativiert.

Hat die Macht der „Krone“ abgenommen?
Da müsste man definieren, wie stark die Macht war. Der Umstand, dass sehr viele Politiker und auch mächtige Institutionen immer noch die Nähe zur „Krone“ suchen, zeigt, dass sie nicht abgenommen hat. Man hat noch immer sehr viel Zutrauen in ihren Einfluss.

Wie schwierig ist es, sich von der Politik nicht vereinnahmen zu lassen?
Journalisten leben ja in einer Symbiose mit der Politik. Beide sind aufeinander angewiesen. Die einen brauchen die Information, und die anderen wollen, dass Information verbreitet wird. Und insofern ist das eine Art Zusammenarbeit, die wichtig ist. Diese Kontakte sind auch hochinteressant, weil man als Journalist neue Entwicklungen sehr oft von Anfang an begleiten und beobachten kann.

Gibt es Kontakte zu allen Parteien?
Ja. Bei uns ist die Tür immer offen. Wichtig ist, trotz der Nähe immer auch Distanz zu bewahren.

In die Blattlinie der „Krone“ ist immer sehr viel hineingeheimnist worden. Wie würden Sie sie beschreiben?
So wie sie in unserem Redaktionsstatut beschrieben ist. Dort steht der schöne Satz: „Die Vielfalt der Meinungen der Herausgeber und Redakteure bestimmt die grundlegende Richtung der Zeitung.“ Und so lassen wir in der „Krone“ verschiedenste Meinungen zu. Wesentlich ist, dass das unbeeinflusst und unabhängig von außen passiert, und das ist auch das Vermächtnis, das Hans Dichand hinterlassen hat. Auf der ersten Ausgabe der „Neuen Kronen Zeitung“ stand: „Parteiunabhängiges Österreichisches Tagblatt“. Wir haben eine Stärke erreicht, die es uns möglich macht, diese Unabhängigkeit zu verteidigen und zu bewahren.

Über die Zukunft von Print wird viel diskutiert. Wie sehen Sie sie?
Natürlich stehen Tageszeitungen vor großen Herausforderungen, aber ich glaube nicht, dass Print aussterben wird. Es war auch in der Vergangenheit nicht so, dass ein Medium ein anderes verdrängt hat. Das Fernsehen hat nicht das Radio verdrängt, und es hat auch das Radio nicht die Zeitungen verdrängt. So wird auch das gedruckte Papier nicht durch den Computer- oder Handybildschirm verdrängt werden. Weil wir nicht Papier verkaufen wollen, sondern Geschichten. Und gerade in Zeiten, in denen viel über „Fake News“ geredet wird, in denen diese Diskussion, vor allem in den USA, bestimmten Tageszeitungen wie der „Washington Post“, aber auch der „New York Times“ hilft, die ihre Auflagen jetzt sogar steigern, besteht eine Berechtigung für gedruckte Zeitungen. Aber natürlich verändert sich ihre Rolle.

Wohin geht die „Krone“?
Wir haben mit krone.at das am stärksten wachsende Nachrichtenportal in Österreich und befinden uns mit den User-Zahlen unter den Top 3. Das werden wir weiter ausbauen, vor allem in Richtung Bewegtbild und noch genauer zugeschnitten auf den Anspruch, den Konsumenten haben, die Nachrichten über ihre Mobiltelefone konsumieren.

Sind Sie stolz, dass krone.at den „Standard“ überholt hat?
Ja, das bin ich. Und wir werden auch den ORF noch schaffen.

In welchem Zeitraum?
Wir geben uns dafür ausreichend Zeit. - Lacht.

Ihre Vision von der „Krone“ 2030?
Die „Krone“ wird als Marke immer noch die Strahlkraft haben, die sie heute hat, und zu diesem Zeitpunkt auch in allen anderen Bereichen - Bewegtbild, Digital - noch deutlich stärker an Bedeutung gewonnen haben.

Auf welche Storys der „Krone“ in den vergangenen Jahrzehnten sind Sie besonders stolz?
Hainburg, Zwentendorf, Gentechnik-Volksbegehren, TTIP, Plastik. Alles Umweltthemen. Seit jeher ein extrem wichtiges Segment der „Krone“.

Herr Dr. Dichand, was ist es eigentlich, das Sie im Innersten antreibt?
Ich denke, es ist letztlich Verantwortung. Ich habe eine Aufgabe übertragen bekommen, in die ich hineingewachsen bin, und ich werde diese Aufgabe mit aller Kraft und nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen. Das heißt: Ich werde niemals den Einfluss aufgeben, den meine Familie gemeinsam mit der Redaktion dieser Zeitung wahrnimmt.

Würden Sie Ihren Vater manchmal noch gerne um Rat fragen?
Ja. Es hängt ja im Eingangsbereich des Pressehauses dieses Schwarz-Weiß-Porträt von ihm. Immer, wenn ich das Haus betrete, schaue ich zu ihm hinauf, und es ist, als würden wir einander grüßen.

Was war der Moment, in dem Sie wussten: Jetzt hat mir Hans Dichand sein Erfolgsgeheimnis klargemacht?
Nachdem er mich als seinen Nachfolger bestimmt hat, hat er eine Zeit lang jeden Tag für mich eine eigene Blattkritik gemacht. Er hat ja dieses unvergleichliche Gespür für Geschichten und Entwicklungen gehabt. Das konnte man schwer erklären. Es war einfach da. Er konnte manchmal nicht sagen, warum er dieses Foto genommen oder jenen Aufmacher gewählt hat. In diesen Sitzungen mit ihm allein an diesem schwarzen Ledertisch wurde mir auch klar, dass hinter seinen Entscheidungen immer die Leser gestanden sind, er hat sich als ihr Anwalt begriffen, und das ist auf mich übergegangen. Ich sage immer: Wer diese „Krone“-DNA nicht hat, ist bei uns fehl am Platz.

Sie sind ein sehr zurückhaltender Mensch. Sie gehen nicht in die „Pressestunde“, und man findet Sie auch nicht auf Twitter. Ist das Strategie?
Es ist vor allem eine Zeitfrage.

Was würden Sie als Ihre größte Stärke bezeichnen?
Durchhaltevermögen.

Und Ihre größte Schwäche?
Denkt kurz nach. - Vielleicht ist es doch mangelnde Streitlust.

Was ist das Beste an Ihrem Job?
Dass man jeden Tag etwas Neues erfährt.

Und was nervt manchmal?
Keinen geregelten Tagesablauf zu haben.

Was möchten Sie im nächsten Leben sein?
Kann ich auch ein Tier sein? - Lacht. - Ein Albatros!

Aber jetzt ist die „Krone“ Ihr Leben?
Da kann ich nicht widersprechen.

Würden Sie Ihren Kindern so ein Leben auch zumuten wollen?
Ich werde ihnen sicher alles beibringen, was auch mir beigebracht worden ist. Wenn sie dann das Gefühl haben, sie wollen das auch machen, dann werde ich alles daransetzen, dass das möglich ist.

Zur Person: Jurist und dreifacher Vater
Geboren am 6. März 1965 in Wien. Christoph Dichand studiert Jus und absolviert Volontariate bei der „AZ München“, RTL, „Daily News“ und „Washington Post“. Ab 1995 Chef der „Krone bunt“, seit 2001 Chefredakteur und Herausgeber der „Kronen Zeitung“. Verheiratet mit Eva Dichand, drei Kinder.

Conny Bischofberger, Kronen Zeitung

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