Listerien-Quargel

Käse-Rückholaktion gingen sechs Todesfälle voraus

Österreich
16.02.2010 10:59
Die Käse-Rückrufaktion eines steirischen Herstellers hat Ende Jänner kurzzeitig für Aufregung in Österreich gesorgt. Man hatte sogenannte Listerien in Quargel-Sorten nachgewiesen, angeblich in "Mengen unter dem Grenzwert". Tatsächlich sind vor dem Rückruf insgesamt zwölf Menschen in Österreich an genau dem im Käse gefundenen Bakterien-Typus erkrankt. Vier dieser Betroffenen starben sogar, bestätigte das Gesundheitsministerium am Montag. In Deutschland gab es bei vier Erkrankungen zwei Todesfälle. Die Herstellerfirma will darüber nicht unterrichtet gewesen sein.

Das deutsche "dlz Agrarmagazin" berichtete am Montag, dass der Rückrufaktion, von der auch deutsche Supermärkte betroffen waren, insgesamt sechs Todesfälle vorausgegangen waren. Jene vier in Österreich und zwei in Deutschland. 

Das BZÖ kritisierte daraufhin in einer Aussendung, dass das Gesundheitsministerium die Bevölkerung nicht informiert habe und machte die Causa damit über die heimischen Informationskanäle publik. "(Gesundheitsminister Alois) Stöger hat sein Ressort einfach nicht im Griff. Vor lauter Panikmache bei der Schweinegrippe schafft er es nicht, die Menschen vor anderen wirklich schweren Erkrankungen zu warnen", ätzte der orange Gesundheitssprecher Wolfgang Spadiut.

Das "dlz Agrarmagazin" verweist in seiner Berichterstattung auf einen Artikel im Fachjournal "Eurosurveillance", der am 4. Februar mit dem Titel "Listerien-Ausbruch verursacht durch Sauermilchkäse Quargel, Österreich und Deutschland 2009" online gestellt wurde (siehe Infobox). Er enthält die volle Faktenlage, als Autoren werden u.a. die Österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) und steirische Gesundheitsbehörden anführt. Bei dem angeführten Autorennamen "A Stöger" handelt es sich allerdings um eine AGES-Mitarbeiterin.

Hersteller über Todesfälle "erschüttert"
Der oststeirische Käseproduzent Prolactal gab gegenüber dem Agrarmagazin an, über die Todesfälle nicht in Kenntnis gesetzt worden zu sein. Am Dienstag zeigte sich die Firma in einer Aussendung "erschüttert über die Krankheitsfälle, bei denen der Verdacht über einen Zusammenhang mit dem Verzehr des Sauermilchkäses besteht". 

Die Produktion im steirischen Hartberg bleibe solange eingestellt, bis die Ursachen restlos geklärt seien, hieß es. Prolactal wies darauf hin, dass man seit über 50 Jahren Sauermilchkäse produziere und in der Firmengeschichte "keinen auch nur ähnlich gelagerten Fall" kenne. 

AGES-Mitarbeiter deckte Zusammenhänge auf
Ulrich Herzog, Bereichsleiter Verbrauchergesundheit im Gesundheitsministerium, bestätigte am Montagabend die Fakten aus dem Argrarmagazin-Bericht. Offenbar war die gesamte Rückholaktion durch Nachforschungen eines engagierten Mitarbeiters der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit ins Rollen gekommen. Eine Nachlässigkeit seitens des Ministeriums wies der Bereichsleiter aber mit Nachdruck zurück.

Es gibt verschiedene Listerien-Arten: Insgesamt erkrankten im Jahr 2009 hierzulande 45 Menschen an einer Infektion ("Listeriose") mit diesen Bakterien, elf davon starben - das Verhältnis sei bei dieser Erkrankung üblich, meint Herzog. Zumal es im Fall von Listerien nur bei gesundheitlich angeschlagenen Personen, Schwangeren und Babys zu Erkrankungen (Hirnhautentzündung, Blutvergiftung, etc.) kommt. Von den 45 Erkrankungen konnten laut Ministerium zwölf dem im Käse gefundenen Listerien-Typus zugeordnet werden. Vier der zwölf Betroffenen erlagen der Infektion. Auch im heurigen Jahr konnten drei der bisher insgesamt elf dokumentierten Erkrankungen diesem Listerien-Typus zugeordnet werden. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 74,5 Jahren bei einer Altersspanne von 58 bis 88 Jahren. 

Infektionen mit Listerien sind meldepflichtig. Nachdem die Erkrankungen im Vorjahr auffällig wurden und festgestellt wurde, dass vielen Infektionen derselbe Listerien-Typus zugrunde lag, begab man sich im Jänner auf Quellensuche. Ein Mitarbeiter der AGES verglich dazu laut Herzog auch Kassenzettel kranker Menschen. Eine Ursachensuche gestaltete sich sehr schwierig - auch aufgrund der Inkubationszeit von 70 Tagen: "Ohne die Kassenzettel zu studieren, hätte man wohl bis heute noch nichts gefunden. Oder wissen Sie, was Sie vor 70 Tagen gegessen haben?", meinte der Bereichsleiter.

"Wovor hätten wir vor dem 23. Jänner warnen sollen?"
In den Tagen vor dem 23. Jänner 2010 - der Tag, an dem die Rückholaktion offiziell gemacht wurde - konnten schließlich verschiedene Käsesorten der oststeirischen Firma eindeutig als Quelle ausgemacht werden: "Der Unternehmer hat perfekt reagiert, die Vermarktung gestoppt und die Öffentlichkeit gewarnt", erklärte Bereichsleiter Herzog. Die Produkte wurden vom Markt genommen. 

Den Vorwurf des BZÖ, dass es vom Gesundheitsministerium keine Warnung gegeben habe, wies Herzog zurück: "Wovor hätten wir vor dem 23. Jänner warnen sollen, wenn die Ursache nicht bekannt ist?" Außerdem habe die Firma selbst gewarnt, somit sei dies nicht mehr Aufgabe des Gesundheitsministeriums.

Konzentration laut Ministeriumspapier über Grenzwert
Beim Rückruf hatte es vonseiten Prolactals geheißen, dass die Konzentration der Bakterien im Quargel "unter dem Grenzwert" sei. Im Artikel auf "Eurosurveillance" heißt es hingegen: "Eine Probe vom 13. Jänner wies eine Bakterien-Konzentration unterhalb (des Grenzwertes, Anm.) von 100 Koloniebildenden Einheiten auf. Proben vom 18. Jänner enthielten mehr als 100 Koloniebildende Einheiten. Das Produkt wurde am 23. Jänner freiwillig vom Markt genommen."

Im Fazit des Papiers auf "Eurosurveillance", das die bilaterale Kontrollzusammenarbeit zwischen Österreich und Deutschland lobt, steht: "Anhand der hohen Sterblichkeitsrate bei Listeriose sieht man, wie wichtig eine konstante Überwachung in Europa ist."

Wie die Zahlen aus den vergangenen Jahren zeigen, gab es eine generelle Zunahme bei den Erkrankungen durch Listerien. Laut Herzog zeigt sich ein Trend in ganz Europa. Im Jahr 2008 hatte es laut dem "Zoonosenbericht" nur 31 Erkrankungen durch Listerien gegeben, sechs Patienten verstarben. Im Jahr davor wurden 15 Erkrankungen und drei Todesfälle verzeichnet. Im Jahr 2006 gab es laut dem "Jahresausweis über angezeigte Fälle übertragbarer Krankheiten" sechs Erkrankte und ein Todesopfer in Österreich.

Acht Sorten Quargel rückgerufen
Bei der Rückrufaktion am 23. Jänner wurden von Prolactal acht möglicherweise bedenkliche Quargel-Sorten in Österreich genannt: Hartberger Bauernquargel natur 200 g, Hartberger Bauernquargel Paprika 200 g, Hartberger Bauernquargel Paprika 100 g, Hartberger Bauernquargel mit Kümmel 200 g, Steirischer Quargel mit Paprika 125 g, Steirischer Quargel mit Kümmel 125 g sowie der Fastenkäse Klassik 150 g und der Fastenkäse Chili 150 g.

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