12.12.2018 10:02 |

Leider lieblos

Retro-Konsole PlayStation Classic am Prüfstand

Nintendo hat es zweimal erfolgreich getan, jetzt zieht Sony nach und hat rechtzeitig vor Weihnachten eine Mini-Variante seiner allerersten PlayStation (PSX) auf den Markt gebracht. Für 100 Euro kommt die mit 20 vorinstallierten Spielen, zwei Gamepads und den nötigen Kabeln. Auf der Konsole finden sich Klassiker wie „Ridge Racer Type 4“, das erste „Metal Gear Solid“ oder „Tekken 3“. Leider entfalten die heute allerdings nicht mehr den Charme, den sie in den Neunzigern hatten.

Es mag an der gegenüber Röhrenfernsehern gestiegenen Auflösung moderner TV-Geräte liegen. Oder daran, dass 2D-Games der (Super)-Nintendo-Ära durch ihren Minimalismus dankbarere Retro-Games sind als die ersten 3D-Spiele. So oder so: Wir hatten die Game-Klassiker der PSX-Generation irgendwie schöner in Erinnerung.

Damit, dass PSX-Spiele heute eine grobkörnige Sache sind, musste man rechnen. Als wirklich störend entpuppte sich im Test aber auch, dass das Gerät Spiele trotz der geringen Auflösung oftmals nicht flüssig genug darstellt. Wir beobachteten auf dem Gerät unerklärbare Einbrüche in der Bildwiederholrate und manch ein Spiel, das überhaupt in Zeitlupe abzulaufen scheint.

PAL-Spiele ruckeln vor sich hin
Der Grund: Einige Spiele, dramatischerweise zum Beispiel das schnelle Prügelspiel „Tekken 3“, wurden in der PAL-Version aufgespielt, nicht in NTSC. Der Unterschied zwischen beiden Formaten: PAL läuft mit einer Bildwiederholrate von 50 Hertz, NTSC mit 60. In der Röhrenfernseher-Zeit der Neunziger war diese Unterscheidung notwendig. In Europa liefen nur PAL-Inhalte, in den USA und Japan nur NTSC.

Heutige Flachbildfernseher haben allerdings kein Problem mehr mit 60-Hertz-Inhalten. Im Gegenteil: Im Test wirkten PAL-Games, ganz besonders eben „Tekken 3“, irgendwie lahm und fast zeitlupenartig. Jedenfalls nicht so, wie wir sie in Erinnerung hatten - und zwar nicht nur wegen des Formatwechsels von 4:3 auf 16:9, der Spielen von damals heute unschöne schwarze Balken seitlich des Bildes verleiht.

Nintendo hätte hier mit seinen Mini-Konsolen bereits vorgezeigt, dass man diesem Problem mit Wallpapers angehen kann, in deren Mitte dann das 4:3-Bild läuft. So etwas gibt es bei der Mini-PlayStation aber nicht.

Das Manko mit den PAL-Games ist doppelt bitter, weil es heute eigentlich keine Notwendigkeit mehr für die PAL-Versionen gäbe. Im HDMI-Zeitalter dürfen Games ruhig mit 60 Hertz ans TV-Gerät geschickt werden, PAL-Inhalte dagegen werden heute zum Problem. Das hätte Sony eigentlich wissen müssen.

Hardware macht recht guten Eindruck
Die unrunde Wiedergabe der einzelnen Spiele tut doppelt weh, weil uns die PlayStation Classic auf der Hardware-Ebene eigentlich ganz gut gefallen hat. Sie gleicht ihrem mehr als 20 Jahre alten Vorläufer wie ein Ei dem anderen, nur in deutlich kleiner.

Die Verarbeitungsqualität ist durchaus sauber, hier haben wir nichts auszusetzen. Nur dass - wie bei Nintendo auch - kein USB-Netzteil beiliegt, ließe sich ankreiden. Oder das bloß 1,50 Meter lange Controllerkabel.

Die eine oder andere Besonderheit gibt es auch: Weil man heute keine Discs mehr wechselt, ist aus dem Eject-Button nun jener Knopf geworden, der zum Wechseln der vorinstallierten Games im - nett gemachten und ans Original angelehnten Menü - dient. Und weil man mit der PlayStation Classic die erste Inkarnation aus dem Jahr 1994 nachbaut, fehlt den via USB angebundenen Controllern jeglicher Analogstick.

Bei Titeln wie „Tekken 3“ ist das egal, bei manch anderem vorinstallierten Spiel wäre der einige Jahre nach der originalen PlayStation veröffentlichte DualShock-Controller aber eine praktische Sache gewesen. Ein „Ridge Racer Type 4“ oder „Metal Gear Solid“ ließe sich damit besser steuern als mit dem Steuerkreuz des Original-Controllers. Oder auch der Shooter „Tom Clancy’s Rainbow Six“.

Mittelprächtige Emulation
Als Spielspaß-Killer entpuppte sich im Test bisweilen die Emulation. Sonys PlayStation Classic ist nämlich - wie die Nintendo-Pendants - im Grunde nichts Anderes als ein kleiner Einplatinencomputer à la Raspberry Pi, auf dem ein Emulator ausgelesene und als ROM-Datei gespeicherte PSX-Games abspielt. Und genau wie auf einem Raspberry Pi auch klappt die Emulation mal besser, mal schlechter - mit Rucklern und Grafikfehlern.

Nun sollte man erwarten, dass auf einer vom Hersteller des Originals veröffentlichten Mini-PlayStation PSX-Games - hochskaliert auf 720p - rund laufen. Tun sie nur leider nicht - nicht nur durch die angesprochene PAL-Problematik, sondern auch durch Einbrüche in der Bildrate, deren Ursache wir in der Emulation suchen würden.

Bei einer Eigenbau-Lösung wäre so etwas verschmerzbar. Am Raspberry und anderen Minicomputern würde man so lang am Emulator herumtüfteln, bis es flüssig läuft. Auf der PlayStation Classic geht das aber nicht - zumindest nicht für Ottonormalnutzer, die sich nicht so einfach Zugang zur Software auf der PlayStation Classic verschaffen können. Die mittelprächtige Emulation bleibt also auf Dauer erhalten, wenn man sich nicht Zugang zu den Software-Innereien des Geräts verschafft und sich mit der Materie beschäftigt.

Fazit: Wer selbst bastelt, hat mehr Freude
Sonys PlayStation Classic mutet mehr wie lieblose Geschäftemacherei denn wie ein Liebesdienst am Retro-Gamer an. Auch, wenn die Hardware eine solide Sache ist und uns die Spieleauswahl grundsätzlich gefällt: Schwächen in der Emulation und ein zähes Spielerlebnis, vor allem bei den PAL-Games, verderben die Freude. Bei einem Preis von 100 Euro hätte die Mini-PlayStation ein runderes Ding werden müssen. Zumal technisch versiertere Nutzer sich um diesen Preis locker selbst eine Retro-Konsole zusammenbasteln können. Und auf der laufen dann nicht nur 20 ruckelige PSX-Spiele, sondern Tausende Titel jeder Retro-Plattform.

Dominik Erlinger
Dominik Erlinger
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