Skier als Nachschub

Dossier offenbart Briten-Chaos bei Irak-Invasion

Ausland
22.11.2009 18:29
Eine britische Zeitung ist in den Besitz eines bisher geheimgehaltenen Irak-Dossiers der britischen Armee gelangt und berichtet von haarsträubenden Pannen, Polit-Täuschungen und Taktik-Fehlern bei der Irak-Invasion mit den Amerikanern im Jahre 2003. Teilweise mussten Soldaten sich und ihre Ausrüstung an Bord ziviler Flugzeuge in den Krieg "schmuggeln" und mit nur fünf Schuss ins Gefecht ziehen, weil die Armee-Logistik patzte. Dafür bekam die Truppe einmal Skier geliefert.

Das mehrere hundert Seiten starke Dossier enthält transkribierte Interviews mit britischen Offizieren und Verbindungsleuten von Außen- und Verteidigungsministerium sowie zahlreiche Reports und Kommandantenberichte über "gelernte Lektionen". Die Inhalte werfen neue Schatten auf die laufende parlamentarische Untersuchung des Irak-Feldzuges, in der nächste Woche die ersten öffentlichen Anhörungen stattfinden werden. Auch Ex-Premier Tony Blair muss vor der überparteilichen Untersuchungskommission aussagen. Die Briten beendeten ihr Irak-Engagement offiziell im April 2009. 400 Soldaten blieben als Ausbildner für die irakischen Sicherheitskräfte stationiert.

"Sieg über drittklassige Armee"
Laut dem "Sunday Telegraph" wird in dem Geheim-Dossier ungeschönt und unzensiert wiedergegeben, wie schlecht die britische Beteiligung an der Invasion geplant und durchgeführt war. Es heißt, man habe den Sturz Saddam Husseins letztlich nur erreicht, "weil die irakische Armee noch schlechter war als wir." Ein Offizier schrieb in seinem Bericht: "Es war ein Sieg über eine drittklassige Armee. Jeder andere Gegner hätte uns überrannt."

Die Offiziere geben die Schuld für die viel zu risikoreich geführte Blitz-Invasion, die in ihren Augen das jetzt herrschende Chaos im Irak verursacht hat, der militärischen Führung und vor allem der Politik. Das Sündenregister beginnt bei der Planung: Die britische Regierung unter Tony Blair habe das Parlament getäuscht, in dem lange von einer "Entwaffnung" und nicht von einem Regime-Sturz die Rede war. Tatsächlich wurden aber seit 2002 Pläne geschmiedet, den Diktator gemeinsam mit den USA zu entmachten. Die Taktik ähnelt US-Präsident Bush, der den Einmarsch mit den (letztlich nicht vorhandenen) Massenvernichtungswaffen im Irak rechtfertigte.

Schlechte Planung wegen politischer Täuschungsmanöver
Um die Zustimmung der Abgeordneten zu erhalten, soll zunächst bewusst wenig Material mobilisiert worden sein. Auch seien nur relativ wenige Militärs an der Ausarbeitung der Taktik beteiligt gewesen. Eine Strategie für die Friedenssicherung nach einem Sieg habe es überhaupt erst kur vor Kriegsanfang gegeben. "Es war zu Beginn nicht einmal klar, was zu tun war, wenn wir einmal Bagdad eingenommen hatten", zitiert der "Telegraph" aus dem Dossier.

Abgesehen von den militärischen Plänen soll es auch auf politisch-ziviler Seite viel zu wenig Vorbereitung gegeben haben. Durch die Täuschung des Parlaments habe es zunächst keine Mittel zur Unterstützung der Zivilbevölkerung gegeben. Schon mit geringen Mitteln zum Wiederaufbau, die man bei entsprechender Planung sofort nach dem Sturz des Regimes bereitstellen hätte sollen, wäre das Vertrauen der Iraker gewonnen gewesen, schrieb ein Truppenkommandant in seiner "Lessons learned"-Analyse.

Container voll Skier in der Wüste
Haarsträubend wirken die Pannen bei der Armee-Logistik: Unter anderem mussten britische Soldaten bei der Verlegung vor der Invasion mit zivilen Airlines reisen. Ausrüstung "schmuggelten" sie teilweise im Handgepäck, was dazu führte, dass Waffen an Flughäfen konfisziert wurden. Hunderte britische Soldaten mussten in den ersten Kriegswochen auf wichtige Ausrüstungsgegenstände wie Schutzwesten oder Injektionen gegen chemische Kampfstoffe warten. Das Funksystem der Armee hielt der Wüstenhitze nicht stand, "es fiel jeden Tag zu Mittag aus". Ein Offizier berichtet, dass seine Kameraden nur mit fünf Schuss Munition ins Gefecht geschickt wurden. Die Logistik-Patzer seien "vernichtend" gewesen. "Sie haben uns einmal einen Container voller Skier in die Wüste geschickt", zitiert der "Telegraph" aus einem der Transkripte.

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