Tat aus Fremdenhass
D: Lebenslange Haft für Mord im Gerichtssaal
Das Motiv war "Ausländerhass, der sich wie ein roter Faden durch den Aufenthalt des Angeklagten in Deutschland zog", sagte die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand in der Urteilsbegründung. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, der ägyptische Botschafter, der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, der Zentralrat der Muslime und die sächsische Regierung begrüßten den Schuldspruch.
Frau vor den Augen des Sohnes erstochen
Der 28-jährige W. war wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Die Staatsanwaltschaft hatte ihm vorgeworfen, am 1. Juli aus Fremdenhass die schwangere Marwa El-Sherbini im Dresdner Landgericht erstochen und ihren Mann Elwy Ali Okaz schwer verletzt zu haben. Die Bluttat spielte sich vor den Augen des dreijährigen Sohnes der Ägypter ab. Sie hatte in der arabischen Welt Bestürzung und Proteste ausgelöst.
Richterin: Alex W. fühlte sich höheren Rasse zugehörig
"Er tötete Marwa El-Sherbini nicht aus Furcht oder Angst, sondern aus Rache. Dabei hat er bewusst ihre Arglosigkeit und Wehrlosigkeit ausgenutzt." Während er sich selbst einer höheren Rasse zugehörig fühlte, habe Alex W. die Ägypterin als minderwertig angesehen. Eine Tat im Affekt schloss die Richterin aus. Wiegand bezeichnete Alex W. als voll schuldfähig.
Das Dresdner Landgericht folgte mit dem Urteil den Plädoyers der Staatsanwaltschaft und der Nebenkläger. Die Verteidigung hatte auf Totschlag und versuchten Totschlag im Affekt plädiert und sah Indizien für eine paranoide Persönlichkeitsstörung. Kurz vor Prozessende war ein Schreiben von der russischen Generalstaatsanwaltschaft eingetroffen. Darin hieß es, der Angeklagte sei im Juli 2000 wegen einer psychischen Erkrankung aus der Armee ausgemustert worden. Die Verteidigung prüft, ob sie Berufung einlegt.
"Eiskalt wie ein Killer"
Alex W., der seit 2003 in Deutschland lebt, hatte in einer Erklärung seines Anwalts die Tat gestanden, das Motiv Fremdenhass aber bestritten. Der Angeklagte nahm das Urteil mit gesenktem Kopf regungslos zur Kenntnis. Er habe Sherbini "niedergemetzelt" und sei dabei "eiskalt wie ein Killer" vorgegangen, hatte die Staatsanwaltschaft ihm vorgeworfen.
Richterin Wiegand sagte, nach seiner Aussiedlung habe Alex W. das Leben in Deutschland als "Multikultischeiße" empfunden. Er sei der Meinung gewesen, dass Ausländer ihm die Arbeit wegnehmen. In erster Linie habe er Muslime verachtet: "In seinen Augen waren sie alle Islamisten." Die Hoffnung auf ein besseres Leben in Deutschland habe sich für den Spätaussiedler nicht erfüllt. Er sei immer nur als Russe betrachtet worden.
Alex W. muss auch für alle Schäden in Folge des Messerangriffs aufkommen. Die Richterin sagte, der 28-Jährige müsse den Eltern, dem Witwer, dem Bruder und dem dreijährigen Sohn der getöteten Ägypterin "alle materiellen und immateriellen Schäden ersetzen". Etwa 100 Muslime aus ganz Deutschland protestierten am Mittwoch vor der Verkündung des Urteils in Dresden gegen Diskriminierung.



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