Do, 21. Juni 2018

Kurltur und Wein

07.05.2018 08:00

Zeitwende am Kaukasus: Von Tiflis bis Baku

Länder wie Georgien und Aserbaidschan sind den meisten Reisenden fremd. Das soll sich ändern. In Tiflis und Baku herrscht Aufbruchsstimmung.

Bemüht um internationale Gäste, rücken die Länder am Kaukasus immer mehr in den Fokus des Tourismus. „Ihr werdet staunen, welche Vielfalt an Traditionen und Kulturen Georgien zu bieten hat.“ Was Fremdenführerin Irina andeutet, lässt die nächtliche Busfahrt vom Flughafen durch das Zentrum von Tiflis bereits erahnen. Allein schon die Fassaden der Häuser aus unterschiedlichen Epochen spiegeln die reiche Geschichte des kleinen Landes wider. Als König Wachtang I. Gorgassali im 5. Jahrhundert Tiflis als seine Hauptstadt auserkor, gehörte sie zum Römischen Reich. Später fielen die Araber ein, dann die Perser und die Seldschuken. Im Mittelalter waren es iranische und muslimische Völker, in der frühen Neuzeit die Türken und wieder die Perser. Und alle hinterließen ihre Spuren.

Jede Ära überlebt hat die Festung Narikala, die Uneinnehmbare. Eine Seilbahn führt zur Ruine aus dem 3. Jahrhundert und erlaubt einen herrlichen Blick auf Tiflis. Als krasser Kontrast zu den altehrwürdigen Mauern stechen moderne Prestigebauten wie die markant über den Metekhi-Fluss geschwungene Friedensbrücke ins Auge. Alles überragt nur Kartlis Deda, die monumentale Statue der „Mutter Georgiens“ auf dem Gipfel des Sololaki-Gebirgskammes, ein Schwert für die Feinde ihres Volkes in der Rechten, eine Schale mit Wein für den Gast in der Linken.

An der Schwelle zum 19. Jahrhundert hatte Russland das Gebiet vereinnahmt - und blieb bis zum Ende der Sowjetunion. „Trotz langer Abhängigkeit haben sich die Georgier ihre Identität stets bewahrt“, sagt Irina. Bekannt sind sie für ihre Gastfreundschaft. So urtümlich und abwechslungsreich ihre Küche ist, so klar geregelt sind die geselligen Tischgewohnheiten. Zuständig für die allseits beliebten Trinksprüche ist der wichtigste - oft älteste - Mann an der Tafel, der Tamada. „Nur er führt beim Zuprosten das Wort oder darf einem anderen die Erlaubnis dazu erteilen“, verrät Irina. Dem launigen Kult tragen Tamada-Figuren in den kopfsteingepflasterten Gässchen der Stadt Rechnung.

Als Religiöses Zentrum des Landes gilt Mzcheta, die historische Hauptstadt unweit von Tiflis. „Hier erinnert vieles an Jerusalem“, erklärt unsere Begleiterin mit dem gebotenen Respekt. Zu den Kulturdenkmälern mit UNESCO-Welterbestatus zählt neben dem Dschwari-Kloster die Swetizchoweli-Kathedrale - einer der vielen Zungenbrecher in der Landessprache. Der Legende nach half ein Engel bei der Errichtung der „Kirche der lebensspendende Säule“. Hoch verehrt werden die Reliquien, die sie birgt: ein Gewand Christi, der „heilige Rock“, ein Nagel und ein Holzstück vom Kreuz Jesu sowie ein Knochensplitter vom Fuß des Apostels Andreas.

Ein vinophiler Abstecher zu einem Château wie dem Gut Mukhrani darf nicht fehlen. Gilt doch Georgien als die Wiege des Weines. 8000 Jahre reichen die Anfänge des Anbaus zurück. Das belegen uralte Traubenkerne und Gefäße, die bei Ausgrabungen zum Vorschein kamen. Schon in den Werken der Antike von Homer, Appolonius oder Xenophon ist die Herstellung des gehaltvollen „Seelentrunks“ im Detail beschrieben. Selbst die sogenannte Qvevri-Methode, den Rebensaft unverfälscht in Tonkrügen reifen zu lassen, stellte die UNESCO als unverzichtbares Kulturerbe der Menschheit unter Schutz. Vier, fünf Kostproben und ein wenig Fachsimpeln, dann geht es für uns zurück nach Tiflis, direkt zum Bahnhof und per Nachtexpress nach Aserbaidschan. Die Zugfahrt ist ein Erlebnis für sich. Sogar die resolute Dame, die über unseren Schlafwagen wacht, zähmt Station um Station ihren spröden Charme und schließt uns noch richtig ins Herz.

Am nächsten Morgen begrüßt uns Baku
Erdöl hat die Hauptstadt und das Land reich gemacht. Weithin sichtbares Zeichen dafür sind die „Flammentürme“ - drei Wolkenkratzer, die wie gewaltige Feuerzungen die Skyline dominieren. Rätsel gibt bis heute der Jungfrauenturm auf. Das mystische Wahrzeichen mit 17 Meter Durchmesser ragt fast doppelt so hoch empor, der Grundriss der kolossalen Mauern bildet die Zahl sechs. „200 Jahre Geschichte symbolisiert die einstige Nikolai-Straße. Später hieß sie Parlamentsstraße, dann Straße der Kommunisten und heute Unabhängigkeitsstraße“, merkt Tourbegleiter Rashid an. Verschwunden ist jedoch die Kirche gegenüber dem ehemaligen Sitz des KGB. „Den Agenten des russischen Geheimdienstes war der Anblick eines sakralen Gebäudes nicht zuzumuten. Das Gotteshaus wurde geschliffen“, erzählt Rashid. Eine Kurzeinführung in die Heiratssitten gibt uns der Medizinstudent vor einem Hamam aus dem 15. Jahrhundert: „Das orientalische Bad bietet Müttern die Gelegenheit, eine passable Schwiegertochter zu finden. Denn dort sind die jungen Frauen unverhüllt, kein Makel bleibt verborgen.“

Ein Millionenpublikum blickt diese Woche erneut gespannt nach Baku, wenn Sebastian Vettel, Lewis Hamilton & Co. durch die Metropole am Kaspischen Meer rasen. Seit Tagen laufen die Vorbereitungen für den Formel-1-Zirkus auf Hochtouren. „Am 28. Mai 1918 war die Republik Aserbaidschan ausgerufen worden. Wegen unserer 100-Jahre-Feiern wurde der Grand Prix von Juni auf Ende April vorverlegt“, so Rashid. Die Strecke verläuft sogar ein Stück direkt entlang der historischen Stadtmauer.

Ob Motorsport, der Eurovision Song Contest wie 2012 oder kultureller Reichtum - was auch immer die Länder am Kaukasus in den Blickpunkt rückt, sie wollen heute das sein, was sie zu Zeiten der berühmten Seidenstraße über Jahrhunderte hinweg eigentlich schon waren: faszinierende Stationen für Reisende zwischen Ost und West.

Karl Grammer, Kronen Zeitung

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