So, 24. Juni 2018

„Krone“-Interview

04.01.2018 06:00

Sind Soldaten bessere Minister, Herr Kunasek?

Der neue Verteidigungsminister Mario Kunasek (41) spricht mit Conny Bischofberger über Luftraumüberwachung und Grenzschutz, Trachtenlook und Marschmusik und seine bevorstehende Hochzeit.

Abendstimmung im Grazer Renaissance-Juwel, dem Landhaus. Hier, im dritten Stock, hatte Mario Kunasek bis vor Kurzem sein Büro. „Mein Nachfolger Stefan Hermann borgt es mir für unser Interview“, lacht der steirische FPÖ-Chef und macht es sich auf der Couch unter einem riesigen Gemälde des Künstlers Wilhelm Thöny bequem. Es zeigt steirische Soldaten im Ersten Weltkrieg, sie überqueren einen reißenden Fluss. „Ich wollte etwas Soldatisches um mich haben“, erklärt Kunsasek, der selbst Stabsunteroffizier ist, „nicht wissend, dass ich einmal sogar das Verteidigungsressort übernehmen darf.“

Am Revers des blauen Anzugs, zu dem er eine hellblaue Krawatte mit rosa Pünktchen trägt, steckt noch das steirische Wappentier, der blaue Panther. Er wird künftig gegen die Anstecknadel des Verteidigungsministeriums ausgetauscht. „An das 300 Quadratmeter große Büro in der Wiener Rossauer Kaserne werde ich mich auch erst gewöhnen müssen“, sagt der neue Heeresminister, „ich finde, es ist viel zu groß.“

„Krone“:Sie sind seit Langem der erste Soldat in dieser Funktion. Sind Soldaten bessere Verteidigungsminister?
Mario Kunasek: Das muss nicht sein, aber ich glaube sehr wohl, dass man einen anderen Blickwinkel hat und deshalb auch andere Sichtweisen entwickeln kann, wenn man das System kennt, als wenn man mit dem Bundesheer überhaupt nichts zu tun gehabt hat.

Könnte es auch ein Nachteil sein?
Ja, durchaus. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich bei einer Lagebeurteilung schon viel zu weit in der Materie drin bin. Aber als Minister darf ich nicht den Blick aufs große Ganze verlieren. Ich gebe jetzt die politischen Rahmenbedingungen vor, die unsere Soldatinnen und Soldaten dann bestmöglich erfüllen. Ich habe beide Seiten kennengelernt. Dreizehn Jahre lang als Soldat und sieben Jahre als Abgeordneter im Bereich Verteidigungspolitik. Ich bin auch bis zum Schluss Mitglied der ehemaligen Bundesheerbeschwerdekommission gewesen, jetzt heißt sie Bundesheerkommission.

Hand aufs Herz: Haben Sie sich oft gedacht, dass Sie gern Verteidigungsminister wären?
In den letzten beiden Jahren weniger. Aber in meiner Zeit als Abgeordneter und Wehrsprecher meiner Partei – das waren immerhin sieben Jahre - habe ich mir oft gedacht: Das könntest du besser machen!

Bei welchem Minister besonders?
Norbert Darabos. Es gab keinen Verteidigungsminister, der so viele Misstrauensanträge über sich ergehen lassen musste wie er. Auch sein restriktiver Sparkurs, den Gerald Klug weitergegangen ist, hat in mir das Gefühl geweckt, dass ihm das Bundesheer nicht sehr am Herzen liegt.

Also ist das jetzt der Traumjob?
Ich kann mir jedenfalls im Moment nichts Besseres vorstellen. Im Moment ist es der Traumjob.

Ihr Vorgänger Hans Peter Doskozil wird in die Geschichte eingehen als jener Minister, der die Eurofighter loswerden wollte. Wie geht es da weiter?
Das hat sicherlich höchste Priorität, trotzdem werde ich mich in dieser Frage nicht treiben lassen. Jetzt, wo ich Verantwortung trage, will ich mir mein eigenes Bild der Lage verschaffen, mit allem, was mein Vorgänger auf den Tisch gelegt hat als Grundlage. Dann erst werden wir entscheiden können, wie es mit der Luftraumüberwachung weitergeht.

Luftraumüberwachung ist teuer. Wird es noch mehr Geld fürs Bundesheer geben?
Sicherheit insgesamt kostet Geld, und wenn uns das etwas wert ist, dann werden wir diese Kosten auch übernehmen müssen. Die Bundesregierung hat sich klar dazu bekannt, im Bereich der Bildung und der Sicherheit nicht zu sparen. Es soll insgesamt kostengünstige, aber nachhaltige Lösungen geben. Deshalb brauchen wir auch eine ordentliche budgetäre Planbarkeit, um den Kurs der Investition, der Attraktivierung des Grundwehrdienstes, des Soldatenberufs insgesamt, aber auch der Miliz weiter voranzutreiben.

Werden auch die Auslandseinsätze weitergeführt?
Wir haben jetzt 1500 Mann als Obergrenze vorgeschrieben. Auch hier beurteilen wir die Lage. Brauchen wir mehr, brauchen wir weniger? Wir wollen ein guter Partner in der Europäischen Union bleiben, Österreich ist ja jetzt schon sechststärkster Truppensteller in der EU. Am Westbalkan sind wir federführend.

Ist Grenzschutz gegen illegale Flüchtlinge noch immer ein Thema?
Ist es. Ich war gleich nach meiner Angelobung in Arnfels an der slowenischen Grenze, wo ich die Assistenztruppen besucht habe. Dort gibt es noch immer Aufgriffe. Kein Vergleich zu 2015, aber es ist notwendig, diesen Einsatz aufrechtzuerhalten. Darauf können die Steiermark und Österreich sich verlassen, das sind wir der Bevölkerung schuldig. Ich war ja in Spielfeld dabei, als dieser Durchbruch stattgefunden hat. Das darf sich nicht wiederholen.

Was genau?
Der Ansturm der Flüchtlinge wurde irgendwann einfach zu groß, da können die Beamten nichts dafür. Der Druck war nicht mehr aufzuhalten. Die Grenze wurde aufgemacht und einige Tausend sind dann unkontrolliert Richtung Norden gezogen. Das grenzt an Selbstaufgabe der Republik. Das darf nicht mehr passieren, da wird das Bundesheer seinen Beitrag leisten.

Der Tod eines Rekruten hat eine Flut an Beschwerden über die Ausbildung in den Kasernen ausgelöst. Sehen Sie da Handlungsbedarf?
Ich glaube, dass die Beschwerdekommission als parlamentarisches Instrument ein sehr gutes Instrument ist, ich war wie schon gesagt selbst Teil dieser Kommission. Klar ist, dass Ausbildner eine hohe Verantwortung tragen. Fürsorge und Wertschätzung sind deshalb ein wichtiges Thema. Es gibt einen alten Spruch beim Bundesheer: "Sicherheit geht vor Übungszweck." Klar ist aber leider auch, dass immer etwas passieren kann. Ich weiß von Offizieren und Unteroffizieren, dass sie sehr bemüht sind, den ihnen anvertrauten Soldaten diese Wertschätzung und Fürsorge entgegenzubringen.

Die Berichte von vielen Rekruten sprechen aber eine andere Sprache.
Die Beschwerden sind insgesamt rückläufig. Da wird sehr gute Arbeit geleistet. Wenn es Ungerechtigkeiten oder Mängel gibt, müssen diese abgearbeitet werden.

Auf Ihrer Facebookseite kommt sehr oft das Wort "Werte" vor. Welche Werte stehen bei Ihnen an oberster Stelle?
Heimat. Heimat ist für mich ein Wert, den man erhalten muss. Für mich sind aber auch alle steirischen Traditionen wichtig. Das Aufsteirern zum Beispiel, das ja ein Freiheitlicher erfunden hat, nämlich unser Landeshauptmannstellvertreter Leo Schögl. Volkskultur ist mir wichtig, sowohl musikalisch als auch kulinarisch.

Gehen Sie oft in Tracht?
Zum Volksfest gehe ich gerne in der Lederhose. Das ist mittlerweile nicht mehr nur ein Trend, sondern immer mehr Junge tragen ganz bewusst Tracht. In meiner Jugend war Tracht etwas Altvatrisches, Rückwärtsgewandtes, heute holen die Mädels gern wieder ihr Dirndl heraus und die Burschen gehen im Steireranzug.

Mögen Sie auch Volksmusik?
Ja, ich ertappe mich immer öfter dabei, Radio Steiermark zu hören. Das hat nicht nur etwas mit meinem Alter, sondern auch mit Heimat zu tun. Es gibt auch wunderschöne Märsche, deshalb bin ich froh, dass wir die Militärmusik wieder in voller Stärke haben.

Was ist Ihr Lieblingsmarsch?
Der Trenk-Panduren-Marsch, das ist der Traditionsmarsch des Versorgungsregiments 1, also meines ursprünglichen Verbandes, ein sehr dynamischer Marsch. Jetzt, wo der Militärkommandant weiß, dass das mein Lieblingsmarsch ist, wird bei Angelobungen immer öfter dieser Trenk-Panduren-Marsch gespielt.

Wie kommt es, dass Trachtenboom und Liebe zu Volksmusik oft mit der rechten und konservativen Szene in Verbindung gebracht werden?
Ich weiß gar nicht, ob das wirklich so ist. Ich glaube, dahinter steckt der Wunsch nach Identität, der Wunsch, den Wert der Heimat zu hochzuhalten.

Sie haben mit diesem Wert auch Wahlkampf gemacht, mit Slogans wie "Fremd im eigenen Land". Wer fühlt sich in der Steiermark fremd im eigenen Land?
Oh, da gibt es schon Gegenden, in Graz, aber auch in der Obersteiermark, wo die Menschen mit einer massiven Überfremdung leben müssen. Da haben die Leute das Gefühl, bald die letzten Österreicher zu sein. Diesen Österreichern fühle ich mich verpflichtet, indem ich sie anhöre, indem ich ihnen das Gefühl gebe, nicht allein zu sein, ihre Probleme ernst zu nehmen. Es kann nicht sein, dass jene, die schon immer da waren, von anderen, die dazukommen, verdrängt werden. Tatsächlich gibt es aus diesen Gegenden eine Abwanderung.

Hat die FPÖ dafür auch eine Lösung?
Wir haben ein Bürgerbüro in Graz eingerichtet, wo die Leute Ansprechpartner haben, wo man ihnen Hilfestellung anbietet.

Herr Kunasek, Sie sollen sich 2015 mit Neonazis getroffen haben. Ist das richtig?
Nein, und ich habe es auch schon des Öfteren richtiggestellt. Faktum war, dass im Zuge einer Bürgerversammlung in Spielfeld ein Foto gemacht wurde, auf dem Persönlichkeiten waren, zu denen man mir ein Naheverhältnis unterstellt. Es wurde sogar behauptet, ich sei mit einem dieser Männer gemeinsam beim Jagdkommando gewesen. Beides ist falsch. Ich kenne den Menschen auf dem Foto nicht einmal. Ich kann aber nicht ausschließen, dass ich mit ihm gesprochen habe, wie mit zig anderen Leuten auch. Wer mich kennt, weiß, dass ich alles andere als rechtsaußen bin.

Warum haben Sie in der rechtsextremen Zeitschrift "Aula" einen Artikel veröffentlicht?
Auch das ist falsch. Die haben eine Presseaussendung von mir abgedruckt. Das ist wohl ein Unterschied und das kann man auch gar nicht beeinflussen.

Sie haben mit anderen FPÖ-Politikern den Sieg von Donald Trump in New York gefeiert. Sind Sie ein Fan?
Na ja, gefeiert ist nicht ganz richtig. Ich war auf Einladung von republikanischen Abgeordneten zwei Mal zur Wahlkampfbeobachtung in den USA, wie übrigens auch Abgeordnete der ÖVP. Dann waren wir zu einer Feier eingeladen. Also man muss die Kirche schon im Dorf lassen.

Würden Sie nochmal hinfahren, nach all den Tweets, die Donald Trump seither ins Netz gejagt hat?
Zu einer Wahlbeobachtung? Na, selbstverständlich. Ich sehe darin nichts Verwerfliches. Was die Tweets betrifft, die sind sicher überspitzt und schießen teilweise über das Ziel hinaus. Mir ist wichtig, nicht auf einem Auge blind zu sein, sondern mit allen zu sprechen, auch mit jenen, die nicht meiner Meinung sind. Weil, wie es so schön heißt: In der Mitte liegt die Wahrheit.

Was heißt das für Sie als Verteidigungsminister?
Mir nicht nur berichten zu lassen. Das ist ein bisserl eine Krankheit, die Chefs gern entwickeln. Sie lassen sich ein Briefing geben und glauben, dass sie schon alles wissen. Mir ist es wichtig, rauszufahren, zur Truppe zu gehen, mir nicht nur das Schöne zeigen zu lassen, das, was eh funktioniert, sondern auch die Mängel. Ich habe das in meiner Zeit beim Bundesheer oft genug erlebt. Wenn man gewusst hat, der Herr Bundesminister kommt, dann hat man schon Tage zuvor Pläne gezeichnet. Wo darf er gehen, wo darf er nicht gehen, was kann man herzeigen? Das werde ich nicht zulassen.

Was haben Sie beim Bundesheer fürs Leben gelernt?
Disziplin und Ordnung. Aber auch meine eigenen Grenzen kennenzulernen. Ich habe noch immer ganz stark in prägender Erinnerung, dass wir am Ende des Unteroffizierlehrganges 100 Kilometer von Allentsteig nach Enns marschieren mussten. Wenn du mit dem schweren Rucksack losgehst, dann bist du überzeugt, dass du es nicht schaffen kannst. Aber dann gehst du 30, 50, 80 Kilometer und erkennst: Es geht, auch weil du nicht alleine gehst. Den Wert der Kameradschaft, des Zusammenhaltens, des Teamgeistes, habe ich damals schätzen gelernt.

Auch das Schuheputzen?
Das Schuheputzen ist sogar eine Leidenschaft von mir. Die lebe ich am Sonntag, wenn ich Zeit habe, richtig aus. Ich mache das sehr gerne. Ich putze sogar meiner Verlobten die Schuhe, wenn sie sie mir am Abend hinstellt.

Ist schon eine Hochzeit geplant?
Ja, wir bauen gerade Haus und haben für Juni die Hochzeit geplant. Also, das Jahr 2018 wird ein sehr sportliches. Hausbauen, Heiraten, Ministeramt. Da ist der Rückhalt der gesamten Familie wichtig. 

Zu dieser Familie zählt auch eine Katze. Die mögen keine Befehle. Ist das ein Problem für Stabswachtmeister Kunasek?
Die Katze ist ein Britisch-Kurzhaar-Kater und heißt "Moses". Meine Freundin hat ihn in die Beziehung mitgebracht. Wenn du ihn mit Leckerlis köderst, dann geht es. Er hat zwar seinen eigenen Kopf, aber wenn es ums Fressen geht, ist er folgsam wie ein Hund. Er ist ganz lieb und sehr süß. Ich habe bei Ihnen gelesen, dass auch der Justizminister zwei Britisch-Kurzhaar-Katzen hat, da kann ich ihn bei der Regierungsklausur gleich darauf anreden.

Bleibt Ihr Spitzname "Super-Mario"?
Wer will, darf es sagen, solange ich nicht mit Nintendo Probleme kriege (lacht).

Was soll man einmal über Verteidigungsminister Kunasek sagen?
Es wäre schön, wenn man sagt: Er hat alles versucht, Österreich sicherer zu machen. Er hat sein Amt gegenüber den Soldatinnen und Soldaten wertschätzend gelebt. Er war ein korrekter und aufrechter Mann.

Er lebt mit Sabrina und Kater "Moses"
Geboren am 29.6.1976 in Graz, sein Vater war Transportkaufmann, die Mutter Verwaltungsangestellte, beide sind schon in Pension. Erlernter Beruf: Kfz-Mechaniker. Ab 1997 absolviert Kunasek (Spitzname: "Super-Mario") die Ausbildung zum Unteroffizier, seit 2005 ist er Stabsunteroffizier, Dienstgrad Stabswachtmeister. Zur FPÖ kommt er 2002 über den Ring Freiheitlicher Jugend, er wird schließlich Wehrsprecher der Partei und 2015 steirischer Landesparteichef. Privat lebt er mit seiner Verlobten Sabrina und Kater "Moses" in Graz-St. Peter.

Conny Bischofberger/Kronen Zeitung

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