Rocker mit Anstand

Staind: “The Illusion Of Progress”

Musik
26.08.2008 23:55
Aaron Lewis kann sich entsetzlich aufregen. In "It's Been A While" - jenem Hit, mit dem STAIND im Jahre 2001 den internationalen Durchbruch schafften - war der Sänger selbst das Ziel seiner Wut und Enttäuschung. All die Fehler, die er begangen hatte, die Ungerechtigkeiten, die ihm wiederfahren waren, ließ er raus und landete damit einen weltweiten Hit. krone.at durfte im Gespräch mit Aaron über das neue Album "The Illusion Of Progress" (VÖ ist am 5. September) hautnah erfahren, wie sich so ein grandioser "Cholerischer" à la Lewis anfühlt. Mit Politikern geht's los, seinen Höhepunkt erreicht er bei "dummen, hirnverbrannten Buben, die crowdsurfenden Mädchen an den Busen fassen". Ach ja, über's Album sprachen wir dazwischen auch...
kmm

"The Illusion Of Progress" - die "Illusion des Fortschrittes" warf man Staind bei ihren letzten beiden Alben "Chapter V" und "14 Shades Of Grey" des Öfteren vor. Zu gleich seien die Songs, zu ident die Storys, die Aaron Lewis - so schwört er - frei nach eigenen Erlebnissen und Eindrücken schildert ("Ich muss nichts erfinden und mich in Szene setzen. Ich bleibe bei der Wahrheit"). Der Titel des neuen Longplayers karikiert aber nicht die Kritiker. "Wir saßen im Studio und hatten ewig viel Zeit damit verplempert, über Dinge zu reden, die wir machen wollten. In Wirklichkeit kamen wir aber gar nicht voran. Ich saß da, nippte an meinem Bier und sagte: 'It's like an illusion of progress!' Und da wusste ich: So muss die Platte heißen!", erzählt Aaron Lewis.

Mit der Single "Believe" dockten Staind zunächst direkt an den manisch-depressiven Charakter von "It's Been A While" an. Der vertrackte Song "This Is It", den Staind vor kurzem in Auszügen auf ihrer MySpace-Page (siehe Infobox) veröffentlichten, und der treibende Gassenhauer "The Way I Am" erinnern an Alternative-Metal-Acts wie Linkin Park. Fast schon so poppig wie die GooGoo Dolls klingen sie auf "All I Want" und "Save Me". Dazwischen sorgen astreine Depri-Balladen mit glasklaren Intros wie "Pardon Me" für das gewisse "Staind-Feeling": Songs, bei denen das Publikum mit Aaron Lewis im Leid schwelgen darf.

Die wirklichen Überraschungen liefert "The Illusion Of Progress" mit akzentuieren und manchmal schon fast bluesigen Tracks. "The Corner" kommt der Verrockung eines langsamen Garry-Moore-Shuffles nahe und die "Akustik-Ballade "Tangled Up In You" überrascht mit Pedalsteel-Klängen - "verdammt, mit Country!", um es in etwa mit der Wortwahl Lewis' zu beschreiben. Der Song stammt übrigens aus seinem Soloprojekt, mit dem er während des letzten Jahres durch die USA tourte. "Es war toll. Ich hatte keinen Auftritt durchgeplant. Ich ging auf die Bühne, erzählte Witze und traurige Geschichten und spielte einfach das, worauf ich gerade Lust hatte", beschreibt er das "Wanderjahr".

Bei den kantigen Songs des Albums wie "Nothing Left To Say" und "Lost Along The Way" überzeugt Lewis mit bekannter Stimmstärke, der Star ist aber Gitarrist Mike Mushok: Dei den Aufnahmen griff er erstmals nicht zu seiner heiß geliebten Baritongitarre ("Es war verdammt schwer, sie ihm aus der Hand zu reißen..."), sondern bediente sich an Aaron Lewis' Vintage-Gitarren-Sammlung. Das Ergebnis sind perlige Riffs, für die man in Zeiten banaler Moll-Akkorde-Drescherei von "Nu Emo"-Bands à la 30 Seconds To Mars, fast schon dankbar sein kann.

Nach einer knappen halben Stunde, in der wir mit Aaron Lewis über "The Illusion Of Progress" plauderten, kamen wir nach einem kurzen Ausflug in die Welt politischer Songs ("xxx! Warum sollte ich auch nur über eine von diesen xxx Witzfiguren einen xxx Song schreiben? Für mich diese sind diese xxx alle zum xxx Vergessen!") auf ein Posting auf Stainds MySpace-Page zu sprechen. "Danke, dass du bei eurer letzten Show diesen Trottel, der das Mädchen begrapscht hat, zur Schnecke gemacht hast. Ich fand es Klasse, dass du ihm damit gedroht hast, ihn vom Kameramann filmen zu lassen", schrieb ein Staind-Fan. Aaron erzählt die Geschichte: Er hatte bei der Show mitten im Song, als alle fröhlich am Crowdsurfen waren (im Land er unbegrenzten Möglichkeiten ist das ja noch erlaubt...), den jungen Unhold erblickt, der einem Mädchen über ihm an den Busen fasste. Und während Lewis' erzählt, wird seine Stimme lauter, die "fucks" und "holy shits" häufen sich: "Ich verstehe nicht, warum sie das tun! ICH muss mit ansehen, wie panischen Mädels das Top immer weiter hinaufgeschoben wird, wie ihnen ein paar Halbwüchsige unter den Rock greifen und dann vor ihren dummen Freunden demonstrativ an ihren Fingern riechen", sagt Aaron. Und er hat natürlich Recht. Andere Bands würden das nicht sehen, meint er. Doch bei Staind gab's für soetwas schon mehrmals Pausen, wenn nötig auch mitten im Song. "Wir haben vielleicht viele Alben verkauft, aber unser Anstand ist nicht über den Ladentisch gewandert." Und so wie es aussieht, bleibt er auch bei "The Illusion Of Progress" unveräußerlich.

8,5 von 10 fortschrittlichen Illusionen

Von Christoph Andert

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