Fr, 20. April 2018

Im „Natur Eis Palast“

31.12.2017 09:09

Paddeln durch den Hintertuxer Gletscher

Eine riesige begehbare Gletscherspalte zieht am Hintertuxer Gletscher im Zillertal (Tirol) jährlich Zehntausende Besucher an. Auf 3250 Metern ist der Eingang zum „Natur Eis Palast“, der sich bis zu 40 Meter unterhalb der Skipisten-Oberfläche erstreckt. Ein wahres Naturschauspiel, das für staunende Blicke sorgt.

Als der staatlich geprüfte Höhlenführer Roman Erler aus Lanersbach in Tux im August 2007 eine Wandertour im Gebiet machte, entdeckte er durch Zufall seitlich im Gletscher einen zehn Zentimeter breiten Spalt. Sein Blick hinein verlor sich in einem großen schwarzen Nichts. Etwas Angst machte sich in ihm breit, doch die Neugierde war stärker. Mit einem Eispickel erweiterte er den Spalt und ebnete so den Weg in eine einzigartige Welt.

Tief unterhalb der steilsten Piste des Skigebiets mit der Nummer 5 erstreckt sich der „Natur Eis Palast“. Die vergangenen zehn Jahre hat der Entdecker mit seinem Team rund um die Firma Natursport Tirol gut genützt. Sie haben den Palast Schritt für Schritt erweitert, Stromkabel verlegt und ihn in Kooperation mit den Zillertaler Gletscherbahnen sowie den Österreichischen Bundesforsten für Besucher zugänglich gemacht.

„Wir benötigten zahlreiche Genehmigungen und müssen viele Auflagen erfüllen. Daher können wir garantieren, dass es innerhalb des Palastes sicher ist“, teilt Erler mit und ergänzt: „Für die meisten ist Eis zerbrechlich und birgt Gefahr, doch hier trifft das nicht zu. Unser Eis ist etwa 100 Meter dick.“ Auch ob das Eis mit dem Felsblock in die Tiefe sackt, wird anhand von mehreren Vermessungspunkten beobachtet. „Bisher konnten wir keine Bewegung feststellen, was erstaunlich ist“, erklärt der Fachmann. Die Temperatur liegt im gesamten Bereich konstant bei 0 Grad.

Doch was macht den „Natur Eis Palast“ aus? Der aus Schnee gebaute Eingang führt in einen rund halben Kilometer langen Führungsweg, der händisch herausgebrochen wurde. Er verbindet die natürlich entstandenen Hohlräume miteinander.  Über eine Holzbrücke und kurze Leitern gelangt man immer tiefer in die Gletscherspalte hinein. Zunächst kommt man an einer Eiskapelle vorbei, die eine Gedenkstätte für verunglückte Alpinisten ist. Dann geht es weiter zur Natursportkammer, zum Eispalast und zur Kathedrale – einer Gletscherhöhle mit Felsen, die die „Krone“ als erstes Presseteam begehen durfte.

 „All diese Hohlräume verzieren viele funkelnde, bis zu acht Meter lange Eiszapfen. Das Besondere: Jeder einzelne Eiszapfen ist naturbelassen, er wird somit nicht künstlich hergestellt. „Es gibt Eiszapfen, die geradlinig nach unten hängen. Und dann haben wir auch jene Zapfen, die durch Druckkräfte plastisch verformt werden“, erklärt Erler.  Zu den Highlights zählt innerhalb der Gletscherspalte der Eissee, der sich 35 (!) Meter unter der Skipiste befindet. Er ist 100 Meter lang, sechs Meter breit und hat eine Wassertiefe von 32 Metern. „Das ist einzigartig. Im Normalfall rinnt Wasser aus dem Gletscher. Doch hier ist ein Teil des Hintertuxer Gletschers unten angefroren, die Masse liegt darauf, und das Wasser staut sich“, klärt Erler auf.  Für die Besucher hat sich Erler etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Sie können diesen Abschnitt auf einem Boot oder einem Stand-up-Paddle erkunden!

Vieles ist innerhalb dieser Gletscherspalte geklärt, einige Rätsel sind jedoch noch zu lösen. Zum Beispiel weiß man noch nicht, wie alt das Eis ist. Daher hat Erler einen Forschungsschacht im Gletscher realisiert und damit zugleich für einen Weltrekord gesorgt. „Dieser Schacht hat einen Durchmesser von drei Metern und ist 52 Meter tief. Bisher gibt es keinen anderen Schacht in einem Gletscher, der ähnlich tief ist“, erklärt der Zillertaler. Das ist nun das Metier von renommierten Wissenschaftern hauptsächlich der Universität Innsbruck.

Der „Natur eis Palast“ befindet sich in Österreichs einzigem Ganzjahres-Skigebiet, daher ist er für Erwachsene und Kinder 365 Tage im Jahr und bei jeder Witterung zugänglich – vorausgesetzt, die Bahn bis auf 3250 Meter hat geöffnet. Normalerweise sind Gletscherspalten kurzlebig, sie gehen – überspitzt formuliert – heute auf und morgen wieder zu. Doch in diesem außergewöhnlichen Fall hat die Natur dankenswerterweise ein Auge zugedrückt.

Jasmin Steiner, Kronen Zeitung

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