Das freie Wort

Verschwendung von Lebensmitteln

Das hält man uns Konsumenten immer öfter und vehementer vor. Doch nur dem Konsumenten diesen Frevel vorzuhalten hat nur zum Teil seine Berechtigung. Niemand wagt das Überangebot an Lebensmittelmärkten anzusprechen. Niemand wird glaubhaft machen können, dass all die Lebensmittelprodukte, die in schier endlos langen Regalreihen, Kühl- und Gefriervitrinen angepriesen werden, auch tatsächlich innerhalb des Ablaufdatums verkauft werden können. In einem Supermarkt erfuhr ich von einem Metzger, der gerade dabei war, kurz vor dem Ablaufdatum befindliche Waren aus der Kühlvitrine wieder zu entfernen, dass allein in seinem Markt – jahreszeitlich abhängig von Urlaubs- und Reisezeiten – monatlich ca. 3000 bis 4000 kg Wurst- und Fleischwaren zur Vernichtung (Verbrennung) vorbereitet werden, indem Verpackungen wieder geöffnet, deren Einzelteile, sorgfältig getrennt nach Papier und Kunststoff und die eigentliche Ware in bereitstehende Kühlcontainer entsorgt werden. Die Landeshauptstadt Innsbruck allein hat über 40 Supermärkte. Nun braucht man ja nur des Multiplizierens mächtig zu sein, um die gesamten Mengen auszurechnen. Von einer Großbäckerei erfuhr ich, dass man allein aus den aus ihren Filialen täglich retournierten, weil nicht verkauften belegten Brötchen so viel Biogas produziert, dass man dieses Gas für die Erzeugung von Wärme für die Gärkammern verwendet. Heizen mit fertig zubereiteten Lebensmitteln, nicht nur mit Weizen! Regionalprodukte liefernde Bauern müssen bei Anlieferung bestellter Mengen in die Verteilerzentralen von Supermarktketten die zuletzt gelieferten, aber nicht verkauften Landwirtschaftsprodukte wieder mit nach Hause nehmen. Ein besonders kritisch zu bewertendes Überangebot sehe ich in den immer mehr werdenden Tankstellen-Shops. Kann mir doch niemand weismachen, dass die alles auch wirklich verkaufen können. Den Konsumenten Übermengen vor die Nase zu halten und sie gleichzeitig als Lebensmittel-Verschwender zu bezeichnen, finde ich geradezu pervers.

Michael Hladik, Natters-Innsbruck

Erschienen am Sa, 28.5.2022

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