Das freie Wort

Kriegsgefahr in Europa

Noch nie war seit Ende des Zweiten Weltkrieges die Kriegsgefahr in Europa so hoch wie jetzt. Der Alphawolf Putin hat sich den richtigen Zeitpunkt ausgesucht: Amerika mit einem greisen, sowohl innen- wie auch außenpolitisch geschwächten Präsidenten, die EU von einer gemeinsamen Linie weit entfernt, die mächtige deutsche Kanzlerin, die auch immer wieder das Gespräch mit Putin suchte, in Rente, dafür sitzt eine unerfahrene junge Außenministerin dem alten Fuchs Lawrow gegenüber, Macron hat im April einen Wahlkampf zu schlagen, Frankreich könnte einer unsicheren politischen Zukunft entgegenblicken, wenn nach der Wahl keine stabilen Mehrheitsverhältnisse gegeben sind, das Migrationsproblem, das vorwiegend die EU belastet, ist nach wie vor ungelöst. Ungarns Orbán biedert sich Russland an, zeitweise hat man den Eindruck, er trauert dem Warschauer Pakt nach. Europa kämpft sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich mit den Folgen der Pandemie. Die Bevölkerung ist zutiefst gespalten, hoffentlich werden die, die jetzt Tag für Tag auf die Straße gehen und brüllen („Wir sind das Volk!“ oder „Freiheit!“), von Diktatur faseln und sich als die neuen Juden fühlen, nicht eines Besseren belehrt. Nämlich dann, wenn sich Krieg mitten in Europa ausbreitet. Anstatt froh zu sein, in Frieden und ohne Hunger oder echte Not leben zu können. Auf Amerika sollten sich die Europäer im Ernstfall lieber nicht verlassen, das NATO-Mitglied Türkei bombardiert gerade die Kurden, die für Amerika in Syrien gegen den IS gekämpft haben und noch immer kämpfen. Da haben die USA ihre Verbündeten ohne Wimpernzucken fallen gelassen. Amerika geht es immer um eigene Interessen. Europa trägt die Sanktionen gegen Russland mit und erleidet dadurch selbst schweren wirtschaftlichen Schaden. Durch die Nichtinbetriebnahme der für Europas Energieversorgung lebensnotwendigen und von europäischen Firmen milliardenschwer mitfinanzierten Nord-Stream-2-Pipeline kappt Europa die eigene Versorgung mit russischem Gas. Aber Amerika steht ja ganz selbstlos bereit, uns das – durch Fracking umweltzerstörend gewonnene – Gas teuer zu liefern. China ist in diesem Spiel der lachende Dritte, der bereits umfangreiche Wirtschaftskontakte mit Putin schmiedet.

Susanne Freigassner-Riederer, per E-Mail

Erschienen am Do, 24.2.2022

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