Wie sieht Ihr Resümee nach 28 Monaten der "Ära Hickersberger II" aus?
Hickersberger: "Meine Bilanz habe ich nicht im Kopf, aber die ist bestimmt eine der schlechtesten, die der ÖFB in seiner langen Geschichte gehabt hat. Auf der anderen Seite galt es für mich, die Mannschaft zu verjüngen, und da muss man auch mit Rückschlägen rechnen und damit fertig werden. Die letzten zwei Spiele gegen Deutschland und die Niederlande haben jedoch gezeigt, dass wir mit dieser Mannschaft auf einem guten Weg sind und gegen die besten Teams der Welt eine Chance haben zu punkten oder sogar zu gewinnen, wenn alles passt."
Was spricht dafür, dass Sie auch nach der Heim-EM Teamchef sind, und was dagegen?
Hickersberger: "Der einzige Grund, der dafür spricht, wäre eine erfolgreiche Europameisterschaft, und der einzige, der dagegen spricht, eine schlechte Europameisterschaft. Bei einer guten EM bin ich bereit, meine Tätigkeit fortzusetzen. Natürlich könnte ich jetzt zum ÖFB sagen, reden wir über eine Vertragsverlängerung für die gesamte WM-Quali. Es wäre aber von beiden Seiten unfair und unklug, sich vor der EM festzulegen. Wenn die EM nicht wie gewünscht verläuft, sind dann beide Seiten unglücklich. Warum sollte ich weitermachen, wenn die EM nicht zufriedenstellend verläuft? Damit will ich mich jetzt aber gar nicht beschäftigen. Meine Aufgabe ist es, bei der EM das Bestmögliche aus den österreichischen Möglichkeiten herauszuholen."
Wie beurteilen Sie die Vorgehensweise des ÖFB, sich schon jetzt mit potenziellen neuen Teamchefs zu beschäftigen?
Hickersberger: "Es ist ganz normal, dass sich der ÖFB nach einem Nachfolger umschauen muss. Das ist die Pflicht eines Verbandes, dass man für alle Eventualitäten vorbereitet ist. Ich bin überzeugt, dass es Gespräche mit etwaigen Kandidaten gegeben hat und dass der ÖFB genau weiß, wer mein Nachfolger sein könnte."
Das aktuelle Nationalteam wird seinen Zenit wahrscheinlich erst in einigen Jahren erreichen. Wäre es für Sie nicht erstrebenswert zu ernten, was Sie gesät haben?
Hickersberger: "Ich bin Fußball-Trainer und kein Landwirt. Wenn die Früchte ein anderer ernten kann, bin ich glücklich, auch wenn ich das vielleicht nur aus weiter Ferne mitbekomme."
Was halten Sie von der Forderung von Andreas Ivanschitz, die Tormannfrage bei der EURO noch vor den letzten beiden Testspielen zu klären?
Hickersberger: "Das ist seine persönliche Meinung. Sinnvoll wäre es nur, wenn es die Gewissheit gäbe, dass sich kein Torhüter verletzt. Ich halte es für sinnvoll, mit dieser Entscheidung bis nach den beiden letzten beiden Testspielen zu warten."
Und wie bewerten Sie die Aussage des Kapitäns, dass sich andere eine EM-Teilnahme mehr verdient hätten als Paul Scharner?
Hickersberger: "Ich bin nicht der Bundespräsident und entscheide nicht über Verdienstzeichen, daher kommt es mir nicht auf den Verdienst eines Spielers an, sondern es geht mir um die Zusammenstellung eines Kaders, von dem ich mir den bestmöglichen Wert bei der EM verspreche."
Darf Paul Scharner noch auf die EM hoffen?
Hickersberger: "Jeder österreichische Fußballer, der gute Leistungen bringt, kann sich Hoffnungen machen."
Haben auch noch Spieler die Chance auf eine EM-Teilnahme, die nicht im von Ihnen am Donnerstag nominierten Großkader stehen?
Hickersberger: "Nein. Es wird nicht der Fall sein, dass ich darüber hinaus jemand rekrutiere. Wenn es Verletzungen gibt, wird der endgültige EM-Kader durch Spieler aus dem Großkader aufgefüllt. Und eine Seuche wird ja hoffentlich nicht ausbrechen."
Im Großkader werden auch einige Spieler mit wenig bis gar keiner Team-Erfahrung stehen. Haben da die arrivierten Kicker im Rennen um einen Platz im endgültigen EM-Aufgebot einen Startvorteil?
Hickersberger: "Natürlich haben Spieler mit Team-Erfahrung einen Vorteil aufgrund ihrer Erfahrung, aber letztlich geht es um Leistung. Doch es gibt gewisse taktische Überlegungen, spezielle Qualitäten eines Spielers wie etwa Kopfballstärke, die für den Fall des Falles von entscheidender Bedeutung sein könnten."
Sind Sie sich schon jetzt darüber im Klaren, wie die verschiedenen Positionen im endgültigen 23-Mann-EM-Kader zahlenmäßig besetzt werden?
Hickersberger: "Das Verhältnis steht in etwa fest. Es werden wahrscheinlich fünf Stürmer und fünf Innenverteidiger werden. Bei den Innenverteidigern ist die Gefahr von Gelben Karten größer als bei anderen Positionen. Außerdem werden wahrscheinlich fünf einberufen, damit ich eine Dreierkette spielen kann, einfach damit ich taktischen Spielraum habe."
Wie gehen Sie mit dem Problem um, dass die Legionäre in der Vorbereitung erst viel später zum Team stoßen als die Kicker der heimischen Liga?
Hickersberger: "Die Vorbereitung für die Legionäre kann nicht so intensiv wie für die Spieler aus der österreichischen Bundesliga sein. Bei den Legionären muss man individuell unterscheiden, wer mehr oder weniger regeneratives Training braucht. Es wird auf jeden Fall individuelle Unterschiede bei der Trainingsbelastung geben."
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