14.11.2007 18:56 |

"Neue Mittelschule"

Experten-Vorschläge für neue Mittelschule

Die von Bildungsministerin Claudia Schmied eingesetzte Experten-Kommission hat am Mittwoch erste Vorschläge abgeliefert, wie die "Neue Mittelschule" in Zukunft funktionieren soll. In dem Papier forden die Experten unter anderem die Abschaffung von Noten in den ersten drei Klassen, kein Sitzenbleiben mehr und die Einführung einer Ganztagsschule. Die Ministerin reagierte vorerst eher zurückhaltend auf den Zwischenbericht, bekräftigte aber, dass die Noten nicht abgeschafft werden und sie für ein Kurssystem statt Sitzenbleiben sei.

Welche Vorschläge dann konkret machbar und umsetzbar seien, werde sich erst zeigen. Davor würden noch Gespräche mit den Bundesländern und Lehrern geführt. Schmied kündigte an, dass ab Donnerstag eine breit angelegte Informationskampagne startet und in den betroffenen Regionen ab nächster Woche die Eltern von Volksschülern informiert werden.

Die Eckpunkte des Experten-Berichts
Wie sehen die Vorschläge der Experten nun im Detail aus? Hier sind die wichtigsten Eckpunkte im Überblick:

  • INDIVIDUALISIERTES LERNEN: Jeder Schüler arbeitet in bestimmten festgelegten Stunden der Woche nach einem mit dem Lehrer abgestimmten Plan an Übungsaufgaben, Wiederholungen und Kreativ-Aufgaben zu den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik. Ermöglicht nochmaliges Wiederholen für schwächere und besonders anspruchsvolle Arbeiten für besonders begabte Schüler.
  • FÄCHERÜBERGREIFENDER UNTERRICHT: Ein- bis zweimal pro Jahr fächerübergreifende Projekte in der Dauer von vier bis sechs Wochen (umfassen mindestens zehn Wochenstunden). Außerdem Zusammenfassung "verwandter" Fächer in vierstündige Lernbereiche je nach Bedürfnis der Schule (z.B. "Naturwissenschaften" statt Physik, Chemie und Biologie)
  • ZUSATZANGEBOTE: Neben dem Kerncurriculum gibt es "freie Angebote", Hochbegabte erhalten Angebote für von Lehrer betreute "freie Vorhaben". In den "Werkstätten" der Schulen sollen die Kinder Erfahrungen mit Werkzeug und Werkstoffen machen, in Schülerfirmen die Grundlagen von Wirtschaft, Handel und Marketing erlernen. Ab der dritten Klasse Praktika in Kindergärten, Betrieben und sozialen Einrichtungen. Daneben regelmäßige Theater-, Musik- und Kunstpräsentationen.
  • LEISTUNGSBEURTEILUNG: Keine Ziffernnoten in den ersten drei Klassen, stattdessen Eingangsdiagnosen, Förderpläne, Lernpläne, sorgfältige Dokumentation des Leistungsstands sowie zweimal im Jahr "Lernstandsgespräche" mit Schülern und Eltern über Lernentwicklung und Verhalten der Schüler. Ab der ersten Klasse "Portfolio", in dem Arbeitsergebnisse sowie Testergebnisse und Projekt-Rückmeldungen gesammelt werden. Kein Sitzenbleiben.
  • RHYTHMISIERUNG: Jeder Tag beginnt gemeinsam (z.B. Morgenkreis), anschließend individualisierte Arbeit. Nach Frühstücks- bzw. Bewegungspause Unterricht in Fächern. Danach Mittagspause mit gemeinsamem Essen und der Möglichkeit zu Bewegung oder stiller Beschäftigung. In der Ganztagsschule anschließend Nachmittagsunterricht. Auch die Woche hat einen Rhythmus: Beginn mit vom Klassenvorstand geleitetem "Montagmorgenkreis" zur Planung der kommenden Woche, Ende mit "Klassenrat" zur Besprechung von Sorgen, Konflikten und Wünschen.
  • "OFFENES LERNEN": Wöchentlich wiederkehrender vierstündiger Block für fächerübergreifendes, praktisches Lernen. Zeit für Arbeit an Projekten. Wird vom Klassenvorstand betreut, der am gleichen Tag noch zwei Stunden seines Fachs unterrichtet und so den ganzen Tag mit seinen Schülern verbringt.
  • ZEITSTRUKTUR: Ausweitung der Lernzeiten auf Doppelstunden, Strukturierung des Unterrichts in 90- oder 100-Minuteneinheiten.
  • GANZTAGSSCHULE: "Neue Mittelschule" kann sowohl halb- als auch ganztägig geführt werden, "wünschenswert" ist die Ganztagsschule. Lehrer sollen auch nachmittags präsent sein. Voraussetzung: räumliche Adaptierungen, gut ausgestattete Arbeitsplätze für Lehrer.
  • LEHRERJAHRGANGSTEAMS: Team aus acht bis zehn AHS-, Hauptschul- und Sonderschullehrern, die jeweils einen Jahrgang betreuen. Begleitet Schüler über alle vier Jahre. Zur stärkeren Individualisierung zweiter Lehrer für Gruppe bzw. auch einzelne Schüler möglich.
  • EVALUATION: Lehrerteams müssen mindestens zweimal pro Jahr Bilanz ziehen und über Änderungen diskutieren. Einmal pro Schuljahr Rechenschaft der ganzen Schule an ein bis zwei "pädagogischen Tagen" samt Dokumentation der geleisteten Arbeit. Präsentation dieser Bilanz für Schulaufsicht und Schulträger. Mindestens zweimal pro Jahr schulinterne Vergleichsarbeiten, wissenschaftliche Begleitung als "critical friend".

ÖVP sieht "wenig Neues"
"Wenig Neues" findet ÖVP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer Papier der Expertenkommission für die Schulreform. "Das meiste wurde in den letzten Jahren eingeleitet und zum Teil umgesetzt", so Neugebauer. Die Grünen befürworten dagegen die Stoßrichtung der Experten, auch die Industrie sieht darin eine solide Basis für die notwendige Weiterentwicklung des Schulsystems. Kritik kommt dagegen von FPÖ und BZÖ.

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