"Runout Groove"

Grandioses von Stephen Duffy & The Lilac Time

Musik
07.11.2007 20:16
Stephen Duffy mag trotz seiner 15 Alben, die er seit den Achtzigern als Solo-Künstler, Mitglied bei Duran Duran oder Kollaborateur mit Größen wie Nigel Kennedy veröffentlicht hat, nicht jedermann und -frau ein Begriff sein. In Gestalt des songschreiberischen Masterminds und Produzenten hinter Robbie Williams' "Intensive Care" hat man ihn aber mit ziemlicher Sicherheit schon einmal gehört, wenn auch unbewusst. Als "Stephen Duffy & The Lilac Time" landete er 2003 mit "Keep Going" unter eigenem Namen einen Kritikererfolg. Jetzt wird nachgelegt, und bei den Songs der neuen Platte "Runout Groove" müssten seinem ehemaligen Arbeitgeber die Tränen kommen - ein paar von Duffys grandiosen Liedern hätte dieser gut gebrauchen können.
(Bild: kmm)

Allerdings hätte Robbie Williams statt "Rudebox" dann ein Folk- und Country-Album machen müssen, was wahrscheinlich nicht so gut zu den Adidas-Joggern gepasst hätte. 

Wie dem auch sei, auf "Runout Groove" singt Stephen Duffy seine Songs jetzt eben wieder selbst und musiziert dazu auf mehr als einem Dutzend verschiedener Instrumente. Und das, obwohl er mit "The Lilac Time" eine komplette Band inklusive der bezaubernden Stimme von Background-Sängerin Claire Worrall, die ebenfalls so viele Instrumente beherrscht, dass sie im Studio eigentlich nur mehr ein Mischpult bräuchte, um sich selbst die beste Band zu sein.

Der Titel "Runout Groove" könnte für sich allein genommen zur spöttischen Annahme verleiten, Duffy wäre ob der moderaten Tempi das Schmalz ausgegangen - hat man die zwölf Songs der Platte erst einmal durch, so präsentiert sich "Runout Groove" als wohldosiertes Kompendium aus gedankenverlorenen Balladen und zuckersüßen Folk-Arrangements, die durch Duffys kritische bis niederschmetternde Texte durchsetzt werden, die er brachial durch die malerische Sound-Landschaft zieht wie ein Bautrupp eine vierspurige Autobahn.

Die ersten vier, fünf Songs dominiert noch Country-Kitsch und Gitarrenpop, von lang gezogenen Lapsteel-Figuren und Refrains mit viel Background-Chor geprägt. "A Dream Of A Girl" trägt Einflüssen von James Taylor bis George Harrison Rechnung, "Desert Shore" erinnert am Beginn etwas an den Extreme-Hit "More Than Words".

Erst ab der Mitte fädelt Duffy dann eine Perle nach der anderen auf: Da wäre das flott dahintrabende "Aldermaston", Duffys Arbeiter-Klagelied von Atombombe, Demokratie und anderen Lügen, die die da oben gegen die da unten verbrechen. Oder "Happy Go Lucky", ein herzhafter Bluegrass-Song mit Claire Worrall auf der Terz, in dem der 47-Jährige seine vergrämte Version einer Robinsoninsel mit kollektiver (also einsamer) Propaganda- und Konsumverweigerung besingt.

Auf "Parliament Hill Fields" wird der in Birmingham geborene Musiker dann von "The Lilac Time" in keltische Rhythmusgefilde getragen, bevor auf "No Direction" Jazz-Folk mit reichlich Blue Notes bemüht wird. Wie es sich für ein anständiges, rundes Album gehört, klingt "Runout Groove" mit einer perfekten Ballade ("The Kite And The Sky") aus. Hoffentlich is Herr Williams wenigstens gratulieren gekommen.

9 von 10 Krokodilstränen


Christoph Andert

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