GLB 220 4matic
Familien-Mercedes stolpert über seinen Antrieb
Der neue Mercedes GLB ist groß, geräumig, hervorragend gedämmt und als Siebensitzer einer der praktischsten Mercedes überhaupt. Im 220 4matic soll ein aufwendiger 48-Volt-Hybrid außerdem Benzinerkomfort mit niedrigem Verbrauch verbinden. Im Test überzeugte gerade der Antrieb allerdings am wenigsten.
Eigentlich müsste der Mercedes GLB 220 4matic genau der richtige Familien-Benz sein. Er ist kantiger und praktischer als viele andere moderne SUVs, bietet auf Wunsch sieben Sitze (okay, fünf plus zwei), darf zwei Tonnen ziehen und ist inzwischen stattliche 4,73 Meter lang. Trotzdem wirkt er beim Fahren angenehm handlich und vor allem: leise.
Wind- und Abrollgeräusche bleiben sehr gut draußen, das Fahrwerk passt mit seiner komfortablen Grundabstimmung ebenfalls zum Charakter des Autos. Wer einen GLB kauft, sucht vermutlich selten die Ideallinie am Gebirgspass, eher den Reisepass für lange Reisen mit der Familie.
Der Fünfsitzer schluckt 540 Liter, maximal 1715 Liter Gepäck. Mit eingebauter dritter Sitzreihe sind es 480 beziehungsweise 1605 Liter. Gegenüber dem Vorgänger ist der neue GLB fast zehn Zentimeter länger geworden, der Radstand wuchs um sechs Zentimeter.
211 PS machen beim Losfahren kurz Pause
Umso überraschender ist der Antrieb. Im GLB 220 arbeitet ein neuer 1,5-Liter-Vierzylinder mit 190 PS und 300 Nm, unterstützt von einem 22 kW/30 PS starken Elektromotor im Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe. Das ergibt offiziell 211 PS Systemleistung und 380 Nm. Der 220 4matic sprintet in 7,5 Sekunden auf 100 km/h und erreicht 212 km/h.
Auf dem Papier fehlt es also an nichts. Beim Anfahren fühlt sich das aber anders an. Unser Testwagen zeigte eine ausgeprägte Anfahrschwäche. Pedal drücken – kurze Denkpause – und erst danach setzt die Leistung so ein, wie man es von 211 PS erwarten würde. Beim schnellen Einfädeln oder Herausbeschleunigen aus einer Kreuzung irritiert das nicht nur, sondern kann sogar zu gefährlichen Situationen führen.
Ursache mag die Abstimmung des Achtgang-Doppelkupplungsgetriebes sein. Die ist auch ansonsten nicht wirklich gelungen: Sie hält die Gänge teilweise auffällig lange, lässt den Benziner unnötig drehen und legt den nächsten Gang gelegentlich ziemlich rustikal ein. Auch beim Wechsel zwischen Segeln, elektrischem Unterstützen und wieder einsetzendem Verbrenner fehlt es mitunter an Geschmeidigkeit.
Das ist ausgerechnet deshalb bemerkenswert, weil Mercedes den Übergang zwischen E-Motor und Verbrenner als für den Fahrer „fast unmerklich“ beschreibt. Das war er in unserem Auto nicht. Positiv ist jedoch, dass der GLB eine Segelfunktion überhaupt anbietet. Auch adaptive Rekuperation ist möglich. Sie funktioniert gut, ist aber generell nicht jedermanns Sache.
Technisch ist der Hybrid durchaus clever
Dabei steckt hinter dem System interessante Technik. Die kleine 1,3-kWh-Batterie macht den GLB zwar nur zum Mildhybrid, ermöglicht bei geringer Last kurzzeitig aber trotzdem rein elektrisches Fahren. Bis etwa 100 km/h ist elektrisches Segeln mit abgekoppeltem Verbrenner möglich, beim Verzögern gewinnt der E-Motor in allen acht Gängen bis zu 25 kW zurück.
Es entsteht ein seltsamer Gegensatz: Ist der Antriebsstrang einmal im Fluss, passt er hervorragend zum leisen GLB. Die Übergänge dazwischen sind das Problem.
7,9 Liter statt Hybrid-Wunder
Und dann wäre da noch der Verbrauch. Mercedes nennt für den GLB 220 4matic je nach Konfiguration 6,1 bis 6,7 Liter nach WLTP. In unserem Test standen am Ende 7,9 l/100 km im Bordcomputer.
Das ist für ein 1,9 Tonnen schweres, 211 PS starkes Allrad-SUV kein katastrophaler Wert. Für einen Antrieb, dessen beträchtlicher technischer Aufwand ausdrücklich der Effizienz dienen soll, ist er aber auch keine Ruhmestat.
Gute Ideen – und ein paar seltsame
Innen zeigt Mercedes ebenfalls Licht und Schatten. Das neue MBUX sieht brillant aus (wenn man gerne vor eine Glaswand sitzt) und reagiert schnell. Im digitalen Kombiinstrument kann man sogar die Motordrehzahl als Zahlenwert verfolgen - man fragt sich nur, wozu das gut sein soll.
Einen klassischen Startvorgang braucht es nicht mehr: einsteigen, Bremse, Fahrstufe wählen, los. Auch der Blinker gibt sich akustisch äußerst zurückhaltend – so zurückhaltend, dass man mitunter nachschaut, ob man ihn tatsächlich eingeschaltet hat.
Weniger gelungen ist die Fensterheberlösung. Für vier Seitenscheiben stehen dem Fahrer nicht mehr vier eigene Schalter zur Verfügung; die Bedienung muss zwischen vorne und hinten umgeschaltet werden. Das spart zwei Schalter und produziert dafür einen zusätzlichen Bedienschritt.
Auch mit Ablagen ist der GLB vorne nicht übermäßig großzügig, 1,5-Liter-PET-Flaschen bringt man aber vernünftig unter.
Kurios: Das Fach unter der Mittelarmlehne lässt sich so leicht auslösen, dass man es mit einem aufgestützten Ellbogen versehentlich öffnen kann.
Bei Dunkelheit kommt noch ein Detail hinzu: Teile der üppigen Ambientebeleuchtung spiegeln sich in den Scheiben – ausgerechnet vor dem Außenspiegel. Hübsch im Stand, während der Fahrt weniger willkommen.
Fahrzit:
Das große Ganze ist überzeugender als manche Details. Platz, Sitzposition, Geräuschkomfort, Fahrwerk und die enorme Alltagstauglichkeit gehören zu seinen Stärken. Dazu darf der 4MATIC zwei Tonnen Anhängelast ziehen und bringt trotz optionaler sieben Sitze noch familiengerechten Gepäckraum mit. Leer wiegt er laut Zulassung allerdings bereits 1903 Kilogramm.
Der GLB ist damit ein ausgesprochen guter Familien-Mercedes. Nur ausgerechnet dort, wo der aufwendige Hybrid besonders elegant wirken sollte, fehlt ihm die Eleganz: Beim Losfahren wartet man, beim Schalten ruckt es gelegentlich, und an der Tankstelle relativieren 7,9 Liter den technischen Aufwand. Ein leises, komfortables und enorm praktisches Auto – mit einem Antrieb, der dringend noch etwas Feinschliff vertragen könnte.
Warum?
Praktisch und geräumig
Feines Bediensystem
Komfortables Fahrwerk
Warum nicht?
Antriebsabstimmung braucht Feinschliff
Oder vielleicht?
BMW X1, Audi Q3, VW Tayron, Volvo XC60, Skoda Kodiaq

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