Paul Preuss-Preis:

Wien ist drei Tage das Basislager der Bergwelt

Bergkrone
26.09.2026 08:48

Wo sonst Wiener Stadtpolitik gemacht wird, traf sich am Freitag die Weltelite des Alpinismus: Die ersten Internationalen Bergtage wurden im Rathaus eröffnet. Im Mittelpunkt des Gipfeltreffens stand der Slowake Igor Koller, der für sein Lebenswerk mit dem Paul-Preuss-Preis ausgezeichnet wurde.

Wien hat keinen Dreitausender, keine Gletscher und nicht einmal einen richtigen Gipfel. Und doch war die Bundeshauptstadt am Freitag für einige Stunden der Nabel der Bergwelt. Dort, wo sonst der Wiener Stadtsenat tagt, saß plötzlich das Who’s who des internationalen Alpinismus: Gerlinde Kaltenbrunner, Hanspeter Eisendle, Alexander Huber, Dani Arnold und viele weitere Bergsteiger und Kletterer kamen zur Eröffnung der ersten Internationalen Bergtage. 

Die Premiere steht unter dem programmatischen Titel „Alpinismus im Wandel“ und läuft von 25. bis 27. September. Alpenverein Austria und Naturfreunde Wien wollen gemeinsam mit dem Verband alpiner Vereine Österreichs ein neues internationales Forum schaffen. Diskutiert wird über Klimawandel, alpine Sicherheit, Mobilität, Tourismus – und darüber, wie Bergsteigen in Zukunft überhaupt aussehen kann. Am Sonntag bildet das 20-Jahr-Jubiläum der Kletterhalle Wien den sportlichen Abschluss.

Fritz Macher vom Alpenverein Austria mit Rudi Schicker, dem langjährigen Vorsitzenden der ...
Fritz Macher vom Alpenverein Austria mit Rudi Schicker, dem langjährigen Vorsitzenden der Naturfreunde Wien.(Bild: Hannes Wallner)

Dabei geht es ausdrücklich um mehr als um das Schwelgen in großen alpinen Geschichten. Fritz Macher, erster Vorsitzender des Alpenvereins Austria und einer der Initiatoren, erinnerte daran, dass Wien historisch einer der Ausgangspunkte des organisierten Alpinismus ist. Seine Vision: Die Bergtage sollen regelmäßig zu einem Treffen mit europäischer Bedeutung und globaler Ausrichtung werden – und Ideen für die Zukunft entwickeln.

Wie aktuell diese Fragen sind, machte VAVÖ-Präsident Gerald Dunkel-Schwarzenberger deutlich. Der Klimawandel verändert Gletscher, Routen, Hütten und Wege in rasantem Tempo. Seine Botschaft ging aber weit über Klima und Bergsport hinaus: „Freiheit braucht Verantwortung und Gemeinschaft.“ Und manchmal brauche es am Berg eben nicht Mut zum Gipfel, sondern „Mut zum Umkehren“. 

Die Eröffung und Preisverleihung fand im Stadtsenatssaal im Wiener Rathaus statt.
Die Eröffung und Preisverleihung fand im Stadtsenatssaal im Wiener Rathaus statt.(Bild: Hannes Wallner)

Ein Preis für eine Kletterlegende
Der emotionale Höhepunkt des Abends gehörte schließlich Igor Koller. Der 74-jährige Slowake wurde mit dem Paul-Preuss-Preis ausgezeichnet und ist damit der 14. Träger einer Ehrung, die seit 2013 an Persönlichkeiten vergeben wird, die nicht nur außergewöhnliche Leistungen vollbracht haben, sondern auch für eine besondere Ethik des Bergsteigens stehen. Vor Koller erhielten den Preis unter anderem Reinhold Messner, Hanspeter Eisendle, Alexander Huber, Catherine Destivelle, Dani Arnold und zuletzt Babsi Zangerl. 

Koller passt wie kaum ein anderer in diese Reihe. Der ausgebildete Bauingenieur, Fotograf und Journalist prägte über Jahrzehnte den slowakischen Alpinismus, war Generalsekretär und später Präsident des Bergsteigerverbandes JAMES – und hinterließ mit unzähligen Erstbegehungen seine Handschrift von der Hohen Tatra über das Bergell bis in den Karakorum. 

Wer war Paul Preuss?

Paul Preuss (1886-1913) gilt als einer der Wegbereiter des modernen Freikletterns. Der gebürtige Altausseer vertrat schon vor mehr als 100 Jahren die Idee, dass Kletterer eine Route möglichst aus eigener Kraft bewältigen sollten. Sein berühmter Satz: „Das Können ist des Dürfens Maß.“ Preuss gelangen rund 150 Erst- und 300 Alleinbegehungen. 1913 stürzte er mit nur 27 Jahren am Mandlkogel im Gosaukamm tödlich ab.

Die int. Paul-Preuss-Gesellschaft, 2014 am Grundlsee gegründet, hält seine alpine Philosophie lebendig. Sie steht für Eigenverantwortung, fairen Stil und Respekt vor Berg und Natur. Mit dem Paul-Preuss-Preis werden herausragende Alpinisten ausgezeichnet, die diese Werte verkörpern.

Sein Meisterstück wurde zum Mythos: Gemeinsam mit Jindřich Šustr eröffnete Koller im August 1981 den „Weg durch den Fisch“ in der Marmolada-Südwand. Eine Kletterroute durch eine 900 Meter Wand, eine bis dahin kaum vorstellbare Schwierigkeit und vor allem: keine Bohrhaken. Die Route wurde zu einem Meilenstein des modernen Alpinkletterns. 

Laudator Jan Mersch zeichnete im Rathaus jedoch nicht nur das Bild eines kompromisslosen Kletterers. Er erinnerte an Kollers Rolle als Mentor, Förderer junger Alpinisten und jahrzehntelangen Impulsgeber für die internationale Kletterszene. Gerade diese Verbindung aus Leistung, Haltung und Weitergabe von Erfahrung zieht sich durch Kollers Lebenswerk. 

Georg „Joe“ Bachler, selbst international erfahrener Alpinist aus Abtenau ist seit 2020 ...
Georg „Joe“ Bachler, selbst international erfahrener Alpinist aus Abtenau ist seit 2020 Präsident des der Internationalen Paul-Preuss-Gesellschaft (IPPG).(Bild: Hannes Wallner)

Und wer glaubt, dieser Mann lebe inzwischen nur noch von Erinnerungen, irrt gewaltig: Noch im vergangenen Jahr wiederholte Koller mit 73 Jahren in der Hohen Tatra eine Route, die er 51 Jahre zuvor selbst erstbegangen hatte – und führte dabei erneut die beiden schwierigsten Seillängen. 

So passte dieser Abend perfekt zur Idee der neuen Bergtage: Die großen Geschichten von gestern erzählen – aber gleichzeitig fragen, wie es morgen weitergeht.  Der höchste Gipfel Österreichs ist zwar weiterhin der Großglockner doch das Zentrum der Bergwelt liegt zumindest an diesem  Wochenende mitten in Wien.

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