„Was reden die da?“, denkt man oft, wenn man Jugendlichen in Wien zuhört. Der Favoritner Lehrer Matej Jakic schafft Abhilfe mit einem „Ethnolekt-Wörterbuch“. Er ist überzeugt, dass man sich über das wilde Mischmasch verschiedener Sprachen freuen kann, weil es ein Zeichen von Integration ist.
Arabisch, Englisch, Türkisch, slawische Sprachen, aber auch bewusst ausgegrabene antiquierte deutsche Wörter purzeln wild durcheinander, wenn sich Jugendliche in Wien unterhalten. Wer diese „Geheimsprache“ verstehen will, ist mit dem neuen Buch „Bin Straßenbahn wallah – das Ethnolekt-Wörterbuch“ (Ueberreuter-Verlag, 17 Euro) gut beraten: von „Abi“ (türkisch für Bruder, Freund) bis „Zustand“ (für Chaos, Katastrophe).
Vereint im „Oha!“
Jakic hört die Ausdrücke täglich in seiner Schule und hat den Einfluss von Migration auf Sprache auch wissenschaftlich durchleuchtet. Er ist überzeugt: Jugendliche sprechen Ethno-Mischmasch nicht, weil sie nicht anders können, sondern weil sie wollen: „Wenn man genau hinhört, merkt man schnell, dass sie ihren Sprachstil je nach Situation mühelos wechseln. Schule, Job, Straße, Instagram: Für jeden Moment haben sie ihren eigenen Ton.“
Außerdem weist Jakic darauf hin, dass es gerade Wienerisch ohne Einfluss anderer Sprachen nicht gäbe, vom Französischen (Plafond, Trottoir, Portemonnaie) über das Jiddische (Beisl, Haberer, Mas‘n) zum Tschechischen (Strizzi, zuzeln, Feschak) und anderes mehr. Sogar „Oha!“ könnte schon vor Jahrhunderten aus dem arabischen Raum hierhergekommen sein, denn bis heute ist genau derselbe Ausruf auch dort Ausdruck des Erstaunens.
Dass Sprachen auch von jenen in einem einzigen Satz wild vermischt werden, die keine natürliche Verbindung zu ihnen haben, ist für Jakic ein Zeichen von Integration: Wer nicht aufmerksam gegenüber Sprache sei, würde nur auf eine Sprache ausweichen, argumentiert er. Und gerade, wenn Jugendliche erleben, dass ihre Sprach-Mitbringsel in den Alltag anderer einfließen, werde umgekehrt Deutsch umso eher angenommen. Jakic resümiert: „Diese Sprache ist nicht kaputt, sie ist echt und sie gehört genauso zu Wien wie das ,heast´ oder das ,Oida´“.
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