Vor genau einem Jahr wurde die erste Dreier-Regierung Österreichs angelobt, zu diesem Anlass sprach die „Krone“ mit SPÖ-Ministerin Korinna Schumann über den Zustand unseres Gesundheitssystems, die steigenden Wahlarzthonorare und was sie gegen die Zwei-Klassen-Medizin unternehmen will. Reformen kündigt sie noch für heuer an.
„Krone“: Frau Ministerin, Anlass unseres Gesprächs ist ein Jahr Regierung – wie viel ist in diesem Jahr im Gesundheitsbereich weitergegangen?
Korinna Schumann: Ich glaube, wir haben große Schritte gemacht. Wir haben ein starkes öffentliches Gesundheitssystem übernommen – aber auch eines mit vielen Baustellen und problematischen Entwicklungen. Vor allem die zunehmende Privatisierung müssen wir eindämmen. Die Menschen sollen ihre Leistungen bekommen, ohne lange Wartezeiten und ohne hohe finanzielle Belastungen. Ein zentrales Projekt ist der Gesundheitsreformfonds: Wir investieren jährlich 500 Millionen Euro über fünf Jahre – insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro – zur Stärkung des Systems. Damit bauen wir Primärversorgungszentren aus und stärken Prävention und Vorsorge. Das wird die Versorgung in den Regionen verbessern und Wartezeiten verkürzen.
Österreich hat im europäischen Vergleich ohnehin sehr hohe Gesundheitsausgaben. Reichen zweieinhalb Milliarden Euro? Wo bleiben strukturelle Reformen?
Wir befinden uns mitten in einem großen Reformprozess. Bund, Länder, Sozialversicherung, Städte- und Gemeindebund arbeiten gemeinsam an einer Versorgungsanalyse und in thematischen Reformgruppen. Dabei geht es auch um die Frage der Privatisierung und darum, wie wir die Versorgung zukunftsfit machen. Von Bundesseite sind wir sehr bemüht, dass da viel weitergeht, wir wollen unser Gesundheitssystem erhalten mit unserer guten Versorgung. Wir haben tolle Ärztinnen, wir haben tolles Gesundheitspersonal. Aber wir müssen was tun, Herausforderungen gibt es genug.
Stichwort Ärztemangel: Ein Drittel der Ärzte ist über 55 Jahre alt, viele gehen bald in Pension. Andere wandern ab oder werden Wahlärzte. Was kann man dagegen tun?
Wir müssen Ärzte wieder stärker ins öffentliche System einbinden – das steht auch im Regierungsprogramm. Der Ausbau der Primärversorgungszentren ist dafür ein wichtiger Schritt, weil diese Arbeitsform für Ärztinnen und Ärzte attraktiv ist. Wir brauchen mehr Kassenstellen statt Wahlärztinnen und Wahlärzte. Gleichzeitig müssen wir die Kosten im Wahlarztsystem transparenter machen. Patientinnen und Patienten müssen wissen, welche Preise sie erwarten. Transparenz ist ein Patientenrecht.
Patientinnen und Patienten müssen wissen, welche Preise sie erwarten. Transparenz ist ein Patientenrecht.
Korinna Schumann, Gesundheitsministerin (SPÖ)
Es gibt einige Ideen, Wahlärzte mehr ins öffentliche System einzubinden: Etwa, dass sie Patienten zu einem Teil zum Kassentarif behandeln müssen. Können Sie sich das vorstellen?
Wir haben die Einbindung von Wahlärzten in das öffentliche System im Regierungsprogramm stehen. Das wird in den Arbeitsgruppen besprochen. Aber da haben wir zwei konkrete Problemstellungen: Wir sehen, dass bereits jetzt sehr hohe Summen für Wahlarzthonorare ausgegeben werden – allein 2025 waren es 766 Millionen Euro an Honoraren, die bei der ÖGK eingereicht wurden. Das sind beträchtliche Beträge. Deshalb ist es dringend notwendig, mehr Transparenz in die Preisgestaltung des Wahlarztsystems zu bringen. Patientinnen und Patienten müssen vorab wissen, in welcher verbindlichen Preisspanne sich eine Behandlung bewegt. Diese Informationen müssen klar veröffentlicht und nachvollziehbar sein. Es darf nicht sein, dass jemand erst mit Erhalt der Rechnung erfährt, welche Kosten tatsächlich angefallen sind. Transparenz ist ein Patientenrecht. Zudem stellt sich die Frage nach Obergrenzen für Wahlarzthonorare. Ein Blick nach Deutschland zeigt, dass dort mit variablen Deckelungen gearbeitet wird. Ein solches Modell könnte auch hierzulande verhindern, dass Preise ins Unermessliche steigen und für viele Menschen zur finanziellen Belastung werden. Wer krank ist, hat keine Verhandlungsmacht – man sucht medizinische Hilfe und muss darauf vertrauen können, fair behandelt zu werden. Umso wichtiger sind klare Rahmenbedingungen. Auch die Veröffentlichung von Musterhonoraren durch die Ärztekammer – ähnlich wie bei Rechtsanwälten – wäre ein möglicher Schritt. Entscheidend ist, Preisentwicklungen transparent zu machen und gleichzeitig Grenzen einzuziehen. Denn eines muss gelten: Gesundheit darf kein Luxusgut sein.
Sie wollen einen Deckel bei Wahlarzthonoraren, wie es die ÖGK schon gefordert hat?
Es ist jetzt ein Teil dieses Reformprozesses. Da bringen wir es natürlich ein. Ich möchte nicht, dass eine Familie am Tisch sitzt und sich überlegen muss, wie sie das Geld für die Behandlung des Kindes zusammenbekommt. Das ist kein Gesundheitssystem, das ich mir vorstellen will.
Mit Blick auf die Gastpatienten-Debatte gibt es aus den Ländern Vorschläge zu Gesundheitsregionen und zur Finanzierung „aus einem Topf“. Unterstützen Sie das?
Unser Ziel ist immer die beste Versorgung für die Patientinnen und Patienten. Gesundheitsregionen, wie vom Wiener Bürgermeister vorgeschlagen, sind sinnvoll, weil Versorgung nicht an Landesgrenzen enden darf. Es braucht größere regionale Strukturen, um Qualität und Effizienz zu sichern. Diese Richtung unterstütze ich.
So stimmten die „Krone“-Leser bei der „Frage des Tages“ zum Thema ab (19.604 abgegebene Stimmen):
Der Bundeskanzler hat eine Grundbasis-Gesundheitsversorgung für Asylwerber ins Spiel gebracht. Würde das das System entlasten?
Unser Sozialversicherungssystem beruht seit 70 Jahren auf dem Prinzip: beste Versorgung für alle – und dieses Versprechen müssen wir weiter einhalten. Wir kennen über alles diskutieren, aber wir wissen genau, dass dieses Herauslösen von Gruppen keine Erfolgsmodell ist, weil es mehr kostet, als es wirklich bringt. Und ich warne davor, dass man beginnt, in Basisleistungen und Zusatzleistungen, gerade in der Gesundheitsversorgung zu denken, weil ich fange bei der einen Gruppe an und wo höre ich dann auf? Ich möchte kein Gesundheitssystem, wo man sagt, du bist jetzt in der Gruppe der Älteren, du kriegst nur mehr die Basisversorgung, weil du schon älter bist. Und wenn wir über die Grenzen unseres Landes schauen, dann wissen wir, was unser Gesundheitssystem leistet.
Viele Menschen klagen aber über lange Wartezeiten, die Leistungsfährigkeit des Systems nimmt kontinuierlich ab ...
Die Wartezeiten-Problematik müssen wir ernst nehmen. Deshalb investieren wir in Primärversorgung, Prävention und Vorsorge. Frühzeitige Diagnosen helfen, schwere Erkrankungen zu vermeiden. Gerade bei Kindern, Menschen mittleren Alters und älteren Personen müssen wir gezielt ansetzen. Eine alternde Gesellschaft und hohe Medikamentenkosten sind Herausforderungen – darauf geben wir nun Antworten. Ich weiß, dass viele sich oft schnellere Lösungen wünschen, aber wenn man etwas gut auf den Weg bringen will, muss man es ordentlich verhandeln und es auf stabile Beine stellen.
Bis 2030 sollen 300 Primärversorgungszentren entstehen. Ist das realistisch?Aktuell haben wir 110 Einrichtungen. Ja, dieses Ziel ist ambitioniert, aber machbar. Es ist notwendig, um die Versorgung sowohl in Ballungsräumen als auch im ländlichen Raum sicherzustellen.
Angesichts der Budgetkrise: Wo sehen Sie Einsparungspotenziale?
Da sind wir in eine Schieflage geraten, das müssen wir reparieren. In vielen Struktufragen gibt es schon viele Potenziale, um dieses Gesundheitssystem in die Zukunft zu bringen. Etwa durch bessere Digitalisierung und bessere Zusammenarbeit im System. Viele Abläufe lassen sich optimieren, ohne die Versorgung zu verschlechtern.
Immer wieder gibt es Proteste gegen die Schließung kleiner Krankenhäuser. Wie stehen Sie dazu?
Das ist primär Länderkompetenz. Wichtig ist, die Bevölkerung einzubinden. Wenn Veränderungen notwendig sind, muss man alternative Nutzungsmöglichkeiten entwickeln – etwa im Ambulanz- oder Pflegebereich. Gesundheitsversorgung ist emotional besetzt, deshalb braucht es gute Kommunikation.
2026 werden erste konkrete Schritte sichtbar sein.
kündigt Schumann Reformen noch für heuer an
Soll die Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Sozialversicherung neu geregelt werden?
Auch das ist Teil des Reformprozesses. Viele Vorschläge liegen am Tisch, aber Schlagworte allein reichen nicht. Wir brauchen tragfähige, abgestimmte Lösungen.
Wann werden konkrete Ergebnisse sichtbar?
Die Versorgungsanalyse soll Ende April vorliegen. Daraus werden wir Maßnahmen ableiten. 2026 werden erste konkrete Schritte sichtbar sein.
Abschließend: Ihre persönliche Bilanz nach einem Jahr im Amt?
Angesichts der schwierigen budgetären Lage und des Reformstaus haben wir viel angestoßen. Wir haben Reformen eingeleitet, Verhandlungen gestartet und Maßnahmen gegen die Teuerung gesetzt. Auch arbeitsrechtlich ist einiges passiert – etwa beim Hitzeschutz oder bei Meldepflichten. Für die großen Herausforderungen ist schon einiges weitergegangen. 2026 wird ein Gradmesser.
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