Die Startänzerin Rebecca Horner überraschte soeben mit ihrem Abgang beim Wiener Staatsballett. Der „Krone“ berichtet sie die Gründe dafür – und verrät ihre Zukunftspläne. Für alle Fans: Nur noch ein paar Mal steht sie in „Marie Antoinette“ auf der Volksopern-Bühne.
„Krone“: Wieso haben Sie das Staatsballett verlassen?
Rebecca Horner: Es war keine Entscheidung, die ich von heute auf morgen getroffen habe. Rückblickend hat es wahrscheinlich schon seit eineinhalb Jahren in mir gearbeitet. Ich möchte mich auf die Zukunft konzentrieren. Das Staatsballett hat mir viel geholfen, hat mich dorthin gebracht, wo ich stehe. Ich fühle mich jetzt stark genug, dass ich flügge werde – nach 18 Jahren.
Eine lange Zeit.
Die Hälfte meines Lebens. Eigentlich noch länger, denn ich bin vor 26 Jahren etwa in „La bohème“ oder „Rienzi“ schon als Elevin auf der Bühne gestanden bin.
Was war der Auslöser für den Abschied?
Ich möchte gerne weiter gehen. Ich würde zu sehr auf einer Stelle treten, wenn ich geblieben wäre. Es war einfach die Entscheidung, mich auf meine eigene Kunst, auf das, was mich wirklich bewegt und interessiert zu fokussieren.
Wie ging es Ihnen dabei?
Es ist natürlich nicht leicht, sich nach so einer Zeit zu verabschieden. Aber schwierig war vor allem die Entscheidungsfindung in den letzten eineinhalb Jahren. Mit vielen Ups und Downs, auch mit der Frage, ob mit mir alles in Ordnung ist, wo mein Fehler liegt? Um dann festzustellen, es ist einfach das System, das immer so gelaufen ist und immer so laufen wird. Ich habe mich einfach weiterbewegt. Ich möchte gerne mit offenen Augen in der Gegenwart leben.
Wie ist das mit dem „Ablaufdatum“ für Tänzer?
Ich würde sagen, in so großen Institutionen ist 40, maximal 42 eine magische Zahl. Da weiß man, okay, es ist dann langsam vorbei. Aber ich möchte gerne, dass Tanz auch noch in meinem restlichen Leben eine Rolle spielt.
Sie werden bald 37.
Und ich spüre das natürlich auch. Aber für mich war es einfach nie eine Option, nicht mehr zu tanzen. Deswegen wollte ich den Moment nutzen, wo ich die Erfahrung habe, und noch die Kraft und Energie, um neue Dinge zu bewegen. In welchem Rahmen auch immer.
Unter welchem Ballettdirektor haben sie angefangen
Ich habe noch unter Gyula Harangozó begonnen. Danach kam Manuel Legris
Nach Legris folgte mit Martin Schläpfer ein Mann fürs Zeitgenössische. Im September trat Alessandra Ferri an, die in ihrem sehr klassischen Kurs durchaus hinter Legris zu liegen scheint? Bedeutet jeder Führungswechsel auch ein erneutes Vortanzen?
Man geht nicht tatsächlich zum Vortanzen, aber man wird natürlich beobachtet. Mit 36 zu wissen, jetzt geht es wieder von vorne los. Jetzt muss man sich wieder beweisen. Jetzt muss man wieder für seinen Platz kämpfen. Für vielleicht meine letzten 5 Jahre an der Staatsoper. Das war auch ein Moment, wo ich begonnen habe, weiterzudenken.
War Ferris Antritt also auch eine Entscheidungshilfe?
Wenn ein Spielplan präsentiert wird, dann kann man ungefähr einschätzen, wo ist man eingesetzt. In der Tat war recht wenig dabei, wo ich mein volles Potenzial hätte zeigen können. Dazu kommt, dass der Job natürlich wahnsinnig fordernd ist. Also folgt die Überlegung: Muss ich mir das selbst beweisen? Brauche ich das?
Dann kommen wohl auch die Mütter, wie zuletzt Maria Theresia in „Marie Antoinette“?
Die Mutterrollen habe ich schon recht früh getanzt. Bereits bei Legris, etwa Blaubarts Mutter. Dabei war ich jünger als die weibliche Hauptrolle und jünger als mein Sohn. Aber ich mochte diese Rollen. Es ist auch schön, wenn man das Vertrauen bekommt, sie zu übernehmen. Außerdem bin ich selbst Mutter. Das macht etwas mit einem.
Waren sie bei Schläpfer besser aufgehoben?
Es war natürlich mehr für mich dabei. Bei Schläpfer gab es die unmittelbare Nähe zum zeitgenössischen Tanz. Aber auch Legris, selbst wenn er ganz aus dem klassischen Ballett kam, war es ein Anliegen, das Zeitgenössische weiterzubringen. Jetzt wird wieder zurückgerudert.
Und wie ist die Stimmung in der Kompanie?
Ich denke, hoch motiviert. Es sind unglaublich talentierte und großartige neue Tänzer und Tänzerinnen gekommen, die Zugpferde für die Energie in der Kompanie und das Niveau des klassischen Balletts sind. Das ist sehr positiv.
Sie galten als ausdrucksstarke Tänzerin fürs Moderne, weniger als die Ballerina auf der Spitze.
Dabei wollte ich in der Ballett-Schule unbedingt eine klassische Ballerina werden und war dann im Staatsballett ganz lange auf diesem Kurs. Doch dann kommen Choreografen, die einen für neue Stücke auswählen. So wurde ich die moderne Tänzerin in der klassischen Kompanie. Und dann bin ich nach Den Haag gegangen, zum Nederlands Dans Theater, und war dort, in der zeitgenössischen Kompanie, die Ballerina.
Das war ein Auslandsjahr in der Saison 2022/23?
Genau. Das hat mich nochmal enorm weitergebracht. Ich bin gependelt, hätte aber wohl die Familie nach Den Haag holen müssen, damit ich dann gerade noch fünf Jahre in der renommiertesten zeitgenössischen Kompanie tanzen darf. Dafür wollte ich meine Kinder nicht aus ihren sozialen Netzwerken reißen. Deswegen war mir schnell klar, ich komme wieder zurück. Trotzdem war das eine sehr wichtige Zeit. Auf einmal waren die Scheuklappen weg. Da habe ich mir geschworen, ich setze sie nicht wieder auf.
Was bringt die Zukunft?
Ich möchte weiter meine Projekte machen. Ich verabschiede mich ja nicht von der Bühne. Nur die Wiener Staatsoper ist jetzt nicht mehr meine. Aber es gibt viele Bühnen in Wien. Ich habe große Lust daran, andere zu betanzen. Ich liebe ganz besonders das Volkstheater. Das wäre ein Traum, dort eine Tanzproduktion zu zeigen, wenn man sich darauf einließe. Ich habe im Mai 2025 die Performance „Maria*s- Mensch vs. Maschine“ in der Heidi Horten Collection kreiert und selbst mitgetanzt. Wir waren drei Tänzerinnen und Tänzer und ein Kameramann. Das war wie Stationentheater auf allen drei Ebenen im Museum, dazu gab es eine Live-Video-Performance. Tanz muss nicht nur auf der großen Bühne stattfinden.
Dank der Filme „Mein Opa ist der Beste“ und „Mein Opa und die 13 Stühle“ an der Seite von Otto Schenk wurden Sie zum Kinderstar. Gibt es Pläne wieder in Richtung Schauspiel, TV, Film?
Vielleicht ergibt sich das. Jetzt hätte ich wieder den Mut und die Lust, reinzuschnuppern. Das war lange Zeit überhaupt kein Thema, weil ich jeden Tag um 10 Uhr an der Stange trainieren musste. Und manchmal auch am Samstag eine Probe hatte.
Eine eigene Kompanie?
Die ist definitiv ein Wunsch. Mein Mann (Tänzer und Choreograf Andrey Kaydanovskiy, Anmerkung) und ich haben vor einiger Zeit das Kollektiv „tanzt.“ gegründet, mit dem wir noch 2026 in Wien einiges vorhaben. Wir beschäftigen uns einfach gerne mit der Gegenwart. Wir haben drei Kinder und die sind die Zukunft. Ich möchte die Vergangenheit wirklich nicht missen. Ich kann jederzeit in Gedanken einen Ausflug zurück machen. Aber um alles andere muss ich mich jetzt kümmern, immer weiter gehen. Selbst wenn es auch einmal kleinere Schritte vorwärts sind.
Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.
User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.