Nach neun Jahren wagt sich das Burgtheater wieder an einen Nestroy. Aber „Zu ebener Erde und erster Stock“ wird in ohrenfolterndem Klamauk mit Video-Soße versenkt.
Unergründlich sind die Beschlüsse der Theaterdirektionen. Seit Kritikergedenken war Nestroy der größte Publikumsbringer (und ist es bis heute, wenn ihn Sommerspiele ins Programm rücken). Aber plötzlich wollte ihn kein großes Haus mehr. Dafür versuchten es eine Zeitlang alle mit Raimund, und heute sind beide verschwunden.
In dieser Situation entsinnt sich das Burgtheater endlich seiner nationaltheatralen Verpflichtungen. Neun Jahre nach Georg Schmiedleitners „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ verpflichtete sich nun der deutsche Regisseur Bastian Kraft dem Klassiker „Zu ebener Erde und erster Stock“. Man hat von ihm am Haus schon Ansprechendes gesehen, zuletzt „Zauberberg“ und „Katharina Blum“. Und jetzt? Stolpert er über so gut wie jede Schwelle, an die Nestroy ihn führt.
Keine Klasenkampf-Parabel
Es beginnt schon mit dem Anfängerfehler. Trotz ihres Titels ist die „Localposse mit Gesang“ keine Klassenkampf-Parabel. Sie zeigt vielmehr, dass die arme, im Parterre hausende Familie um nichts besser ist als die Protz-Partie in der Bel etage, wenn das Schicksal die Verhältnisse umkehrt. Insgesamt war Nestroy kein Agitator. Seine wenigen politischen Komödien entstanden vor allem deshalb, weil die Revolution 1848 Thema der Stunde und Quotenbringer Nummer eins war. Kraft lässt aber ideologisieren, als sei ihm dramaturgisch ein Rade-Brecht zur Seite gestanden.
Dabei begreift er nicht, dass Nestroys gesamtes Werk nur auf zwei Konstanten beruht: der Sprache und der Menschenskepsis. Und speziell der Sprache wird in Krafts Inszenierung übel mitgespielt: Grundton der Aufführung ist ein ohrenfolterndes babylonisch-österreichisch-deutsches Kauderwelsch. Nestroy braucht aber (anders als etwa Schnitzler und Horváth) das Wiener Idiom, weil sich aus ihm sämtliche Pointen und Wortspiele entwickeln.
Überlaute Wirtshausband
Der Text leidet auch unter einem zweiten Missverständnis. Klar wird, dem Original folgend, gesungen. Während allerdings die Nestroy’schen Couplets den Text schärfen, wird er hier in Begleitung einer überlauten Wirtshausband bis zur Unverständlichkeit niedergebrüllt.
Abbildungen zeigen Nestroy als betont körperlichen Protagonisten seiner Stücke. Kraft allerdings ziseliert die Gestalten mit dem Presslufthammer. Wie die Sprache ist auch die Pantomime schleißig gearbeitet. Wenn zum Beispiel unter den Tritten des Miethais Herr von Zins (Dietmar König) der Boden beben soll, versagt die dafür bemühte Pauke völlig an der Synchronisierung.
Knallbunte Video-Soße
In Tateinheit mit dem Schreigesang und der knallbunten Video-Soße, die über Peter Baurs horizontal geteiltes Bühnenbild gegossen wird, ergibt das ein lautes, klamauküberladenes Musical hektisch hampelnder Wurstel.
Im Ensemble gefallen am ehesten Maresi Riegner – witzig in der meist öden Wurze der höheren Tochter Emilie -, Paul Basongas Dimensionen sprengende Frau Sepherl und die Dienergestalten von Angelika Wenzl und Markus Meyer. Letztgenannter agiert mit solch infernalischer Aura, dass er sogar die deutsch-österreichische Sprachbarriere knackt.
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