Die Bundesregierung will die Sprachförderung von Schülern mit mangelnden Deutschkenntnissen verbessern. Mit Stimmen der ÖVP, SPÖ, NEOS und Grünen wurde daher am Mittwoch im Nationalrat die verpflichtende Sommerschule ab dem Sommer 2026 beschlossen.
Zuletzt gab es vor allem Alarm aus den Wiener Volksschulen: Mehr als die Hälfte der Schulanfänger gilt als „außerordentlich“. Übersetzt heißt das: Jedes zweite Kind, das das schulpflichtige Alter erreichte, kann dem Unterricht nicht folgen, weil die Deutschkenntnisse fehlen. Brisant: Die Mehrheit dieser Kinder ist in Österreich geboren.
Grafik für Wien: Mehrheit der Schulanfänger kann kaum Deutsch
Sommerschule: Die Verpflichtung kommt in zwei Etappen
Diesen Ball nimmt die Bundesregierung nun auf, die Sprachförderung von außerordentlichen Schülern soll mit der verpflichtenden Sommerschule schrittweise verbessert werden. Die Verpflichtung kommt in zwei Etappen. Heuer werden schon jene Jugendlichen einbezogen, die eine Deutschförderklasse besuchen. Im kommenden Jahr werden dann auch jene verpflichtet, die in Deutschförderkursen unterrichtet werden.
Zwei Wochen Deutschkurse während der Sommerferien werden nun Teil der Schulpflicht.
Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS)
Wiederkehr glaubt nicht an Personalmangel
Dass es für die Sommerschulen-Pflicht zu wenig Personal geben könnte, wie die Grünen befürchten, glaubt Bildungsminister Christoph Wiederkehr (NEOS) nicht. Er sah zwar einen „großen Kraftakt“, betonte aber, dass man auch Lehramtstudierende, Erwachsenenbildner und pensionierte Lehrer ansprechen werde. Außerdem werde man an den Bundesschulen ausreichend Standorte finden.
Neue Regelungen für mehr Schulautonomie bei Deutschförderung
Die neuen Bestimmungen zur Sommerschule sind Teil eines Schulrechtspakets, das auch eine Reihe von weiteren Gesetzesänderungen vorsieht. Mehr Schulautonomie soll es etwa im Bereich der Deutschförderung und bei Lehrplänen geben. Anstelle der verpflichtenden Förderung in separaten Klassen bzw. Gruppen sollen bei der Deutschförderung künftig auch schulautonome Modelle zum Deutschlernen im Klassenverband ermöglicht werden. Wiederkehr sprach von einer autonomeren und differenzierteren Regelung.
Dass gleichzeitig den Schulen künftig die Möglichkeit geboten wird, statt Deutschförderklassen alternative Modelle einzusetzen, nahm die FPÖ als Begründung für ihre Ablehnung der Novelle.
FPÖ: „Bildungspolitischer Anschlag auf Lehrer und Kinder“
Die Freiheitlichen würden zwar die Sommerschule unterstützen, doch wandte sich der blaue Bildungssprecher Hermann Brückl vehement dagegen, dass die Deutschförderklassen nicht mehr obligatorisch sein werden, sondern Jugendliche mit mangelnden Deutschkenntnissen auch wieder im Klassenverband unterstützt werden können. Dies sei eine Kapitulationserklärung gegenüber dem Integrationsversagen an den Schulen sowie ein „bildungspolitischer Anschlag auf Lehrer und Kinder“.
Wenn Kinder trotz fehlender Sprachkenntnissen in höhere Klassen aufsteigen können, verschleppt man die Probleme nur, statt sie zu lösen.
Ricarda Berger (FPÖ)
„Gleichmacherei anstelle von Leistung“
Ricarda Berger (FPÖ) vermisste „den Mut, bei Deutschförderklassen klare Regeln durchzusetzen“. Auch Christoph Steiner (FPÖ) warf der Bundesregierung vor, mehr Ressourcen für jene aufzuwenden, die sich gar nicht integrieren wollten, als für österreichische Kinder, deren Unterricht damit zu kurz komme. Hintergrund sei eine ideologisch bestimmte Bildungspolitik, die Gleichmacherei anstelle von Leistung anstrebe.
ÖVP kontert FPÖ-Angriffen: „Keine Gleichmacherei“
ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti würdigte hingegen die Änderung damit, dass nun unterschiedliche Modelle angewandt werden könnten. Die Vorwürfe der FPÖ würden einer Überprüfung nicht standhalten, sagte Nico Marchetti (ÖVP). Hier werde weder „Gleichmacherei“ betrieben noch das Niveau gesenkt. Vielmehr werde das bisherige Modell der Deutschförderklassen zum Standard gemacht, der nicht unterschritten werden dürfe. Schulen könnten jedoch bessere Modelle der Sprachförderung entwickeln.
Hier wird weder Gleichmacherei betrieben noch das Niveau gesenkt. Vielmehr wird das bisherige Modell der Deutschförderklassen zum Standard gemacht.
ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti
SPÖ: Schulen erhalten mehr Eigenverantwortung
Seitens der SPÖ nannte der Abgeordnete Christian Oxonitsch die Einführung einer schulautonomen Sprachförderung einen zentralen Punkt. Es gebe nun nicht mehr nur ein System, sondern die jeweilige Schule könne das für sie beste System auswählen.
Das bisherige starre System der Deutschförderklassen habe nicht den gewünschten Effekt gehabt, meinte Paul Stich (SPÖ). Nun könnten Schulen bessere Modelle in eigener Autonomie entwickeln. Er sei zuversichtlich, dass mit einem flexibleren System auch bessere Leistungen erbracht werden könnten.
Schulen können den Sprachunterricht zielgerichteter gestalten. Selbstverständlich ist die Sprachbeherrschung eine Voraussetzung, um dem Unterricht zu folgen.
Christian Oxonitsch (SPÖ)
Grüne mit harscher Kritik an Personalvertreter-Regelung
Die Grünen hatten die Einführung der Deutschförderklassen immer schon abgelehnt. Dementsprechend freute sich die stellvertretende Klubobfrau Sigrid Maurer darüber, dass der Kritik an dem Modell endlich Folge geleistet werde. Scharfe Kritik übte sie dagegen am Beschluss der Dienstrechtsnovelle im vergangenen Dezember. In dieser sei ein Passus enthalten gewesen, der Personalvertretern höhere Zulagen beschere, während die normalen öffentlich Bediensteten auf einen Teil ihrer Gehaltserhöhung verzichten hätten müssen.
Seit einigen Jahren zeigt sich, dass Deutschförderklassen mit einheitlichen Vorgaben ihre Ziele nicht erreichen.
Sigrid Maurer (Grüne)
„Dreckiger Deal“
Einzelne Funktionäre kommen demnach auf Einkommen von 9000 Euro. Laut Maurer hätten Personalvertreter schon unter dem Grünen Beamtenminister Werner Kogler einen entsprechenden Anlauf mit dieser „obszönen Forderung“ gestartet, seien aber gescheitert. Maurer sieht nun einen „dreckigen Deal“ zwischen Regierung und Gewerkschaft. Dass die Grünen der Novelle selbst zugestimmt hatten, begründete sie damit, dass die entsprechende Regelung erst kurz vor der Abstimmung in einem umfassenden Abänderungsantrage eingebracht worden und nicht leicht zu erkennen gewesen sei.
Flexiblerer Einsatz von Fördermitteln
Ebenfalls nur gegen die Stimmen der Freiheitlichen beschlossen wurde zu Mittag eine Novelle, die für die Länder den Abruf von Fördermitteln für ganztägige Schulformen erleichtert. So wird etwa die Übertragbarkeit der Gelder in nachfolgende Kalenderjahre erleichtert. Zudem sollen Mittel auch in den Bestand von ganztätigen Einrichtungen fließen können, solange in dem Bundesland der Ausbau entsprechender Schulformen trotzdem voranschreitet.
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