Düster hat das Jahr für die Ukraine begonnen, die sich im vierten Kriegswinter nach der russischen Invasion befindet. Der ukrainische Außenpolitikexperte Oleksandr Kraiev erklärt, was die Ereignisse Anfang 2026 für das geplagte Land bedeuten und warum der russische Staat letztendlich zerbrechen wird.
Die dritte Nacht in Folge wurde Oleksandr Kraiev vom Einschlag russischer Raketen geweckt. Zuletzt wurde ein Gebäude zerstört, das nur einen Kilometer von seinem Haus in Kiew stand. In der ukrainischen Hauptstadt fallen durch die ständigen Angriffe Heizung und Strom teils tagelang aus – bei Temperaturen, die tagsüber Minus zwölf Grad Celsius betragen. Im Büro der Denkfabrik Ukrainian Prism, deren Nordamerika-Programm Kraiev leitet, laufen Strom und Heizung wieder, als die „Krone“ den Experten per Videotelefonat erreicht.
„Krone“: Herr Kraiev, das Jahr hat mit einer US-Intervention in Venezuela begonnen, der Diktator Nicolás Maduro wurde offenbar mit Leichtigkeit entführt. Putin konnte seinem Verbündeten nicht helfen und schwieg zu den Ereignissen. Zeigt das, wie schwach der russische Machthaber tatsächlich ist?Oleksandr Kraiev: Ich denke nicht, dass das ein besonderes Zeichen seiner Schwäche ist. So behandelt Putin seine Verbündeten. Er tat auch nichts, um Armenien vor Aserbaidschan zu schützen, obwohl es Sicherheitsgarantien gab. Maduro war einfach der Nächste an der Reihe. In russischen Medien wurde spekuliert, dass der US-Schlag Teil eines Deals war, um Venezuela gegen die Ukraine zu tauschen und Trump im Gegenzug etwa Waffenlieferungen an Kiew beschneidet. Aber wir sehen zugleich immer mehr Druck der USA auf Russland, etwa die Beschlagnahmung eines Öltankers. Ich glaube nicht, dass Trump einen Deal mit Putin gemacht hat.
Durch die Operation in Venezuela dürfte der Ölpreis fallen, was der russischen Wirtschaft schaden könnte. Welche Konsequenzen hat das für die Kriegsmaschinerie des Kremls?
Es braucht Zeit, bis der Ölpreis auf die Ereignisse reagiert. Wir sehen, dass der Preis bei Termingeschäften für Erdöl bereits fällt. Viel Öl, das für die russische Schattenflotte bestimmt war, wurde von den USA beschlagnahmt. Aber das meiste Erdöl in Venezuela wird erst gefördert. Es braucht also Investitionen, Technologie und viel Zeit, bis der Ölpreis auf ein Niveau fällt, das die russische Aggression stoppen würde.
Auf der anderen Seite scheint Trump Russland zu helfen, weil er mit seinem Verlangen nach Grönland die NATO schwächt.
Der Konflikt um Grönland ist momentan die größte Bedrohung für die NATO. Trump ist bereit, alles aufs Spiel zu setzen, um an die grönländischen Bodenschätze zu kommen. Er will eine neue Weltordnung etablieren. Und es liegt an uns und den Europäern, uns auf diese neue Weltordnung einzustellen.
Auch bei den Verhandlungen zu einem Frieden in der Ukraine spielen die USA eine zwielichtige Rolle. Es wird seit Monaten verhandelt, sehen Sie eine realistische Chance, dass die US-Vermittlungsversuche fruchten?
Es gibt einen Witz, den wir uns hier gegenseitig erzählen: Die Ukraine ist sehr erfolgreich darin, Friedensverhandlungen mit den Amerikanern zu führen, aber unglücklicherweise sind wir im Krieg mit den Russen. Also ja, es gibt eine gute Dynamik mit der US-Regierung, aber das Hauptproblem hier heißt Moskau. Russland ist noch immer nicht bereit, irgendeiner Art von Waffenstillstand zuzustimmen. Und die Amerikaner üben zu wenig Druck aus. US-Sondergesandter Steve Witkoff ist einer, der den russischen Plan als gegeben hinnimmt und in Washington als eine Art Sieg präsentiert. Das ist mit dem 28-Punkte-Plan passiert.
Es scheint, dass die Ukraine in jedem Fall Gebiete abtreten müsste, um einen Frieden zu erreichen. Wird sie dazu bereit sein?
Wir verstehen, dass die Regierung in Kiew weder militärisch noch diplomatisch dazu in der Lage ist, die Grenzen von 1991 wiederherzustellen, wie sie es den Ukrainern versprochen hat. Als Teil eines Friedensdeals kann die Ukraine die Gebiete Donezk, Luhansk und die Krim in einer juristischen Grauzone belassen und anerkennen, dass Russland sie de facto kontrolliert – wie sie es schon beim Minsk-Abkommen gemacht hat. Aber sie wird nie bereit sein, den Verlust dieser Gebiete offiziell anzuerkennen.
Schließen Sie aus, dass die Gebiete jemals militärisch zurückerobert werden können?
Momentan schließe ich das aus. Aber irgendwann werden wir diese Territorien zurückbekommen. Vielleicht nicht in dieser Generation, aber in der kommenden. Das russische Staatsmodell eines Quasi-Imperiums ist nicht nachhaltig. Die Grenzen sind historisch entstanden, weil kleine Nationen sich zusammenschlossen: Jakuten, Tataren, Tschetschenen, Dagestaner. Sie alle verstehen, dass der russische Staat irgendwann unweigerlich zusammenbrechen wird. Und die Ukrainer streben danach, diesen Staat zu überleben, ein System zu schaffen, wo sie für einige Zeit in Ruhe gelassen werden und abwarten können, bis der russische Koloss zusammenbricht.
Derweil gibt es weitere Verhandlungsbemühungen der USA, Trumps Schwiegersohn und Steve Witkoff wollen Putin noch im Jänner treffen. Kann es hier einen Durchbruch geben oder spielt der Kremlchef mit Washington?
Derzeit sind sich die Russen sicher, dass sie alles, was sie von der Ukraine wollen, allein mit Gewalt nehmen können. Entsprechend beteiligen sie sich nicht aufrecht an den Verhandlungen, sondern schaffen nur einen diplomatischen Rahmen, zu dem sie zurückkehren können, wenn ihre Wirtschaft nicht mehr in der Lage ist, den Ansturm auf die Ukraine aufrechtzuerhalten. Diplomatie ist für Moskau die zweite Landebahn für den Notfall.
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