106 Jahre alt

Ältester KZ-Überlebender: "Ich habe gesiegt"

Steiermark
08.11.2011 08:40
Leopold Engleitner (Bild) ist ein Wunder. Er überlebte drei Konzentrationslager, musste unbeschreibliches Leid erdulden und hat seinen Glauben und Optimismus dennoch nie verloren. Mit seinen 106 Jahren ist er noch immer auf der ganzen Welt unterwegs, um der Jugend von den Schrecknissen der NS-Herrschaft zu erzählen. Barbara Winkler von der "Krone" traf den Zeitzeugen in Graz zum Gespräch.

"Krone": Herr Engleitner, trotz der Grausamkeiten, die Sie jahrelang erleiden mussten, wirken Sie ungemein fröhlich und zufrieden. Wie ist das möglich?
Leopold Engleitner: Wäre ich verbittert, würde ich nur mir selber schaden. Außerdem habe ich immer gewusst, Gott ist an meiner Seite.

"Krone": 1939 sind Sie wegen Ihres Glaubens als Zeuge Jehovas in das Konzentrationslager Buchenwald gekommen. Mit einer einzigen Unterschrift wären Sie wieder freigekommen. Warum haben Sie es nicht getan?
Engleitner: Zu mir haben sie damals gesagt: "Für dich gibt's nur noch zwei Möglichkeiten, wie du aus dem Lager wieder herauskommst – entweder du gibst deinen Glauben auf oder du verlässt uns durch den Kamin." Beides kam für mich nicht infrage. Ich habe nie daran gezweifelt, dass meine Geschichte ein gutes Ende nimmt.

"Krone": So war es dann auch. 1943 kamen Sie nach zwei weiteren KZ-Gefangenschaften frei. Wie kam es dazu?
Engleitner: Die Bedingung war lebenslange Zwangsarbeit in der Landwirtschaft. Das war für mich die erhoffte Rettung. Ich wog damals nur noch 28 Kilogramm, lange hätte ich es wohl nicht mehr ausgehalten.

"Krone": Kurz vor Kriegsende dann der nächste Schock – ein Einberufungsbefehl.
Engleitner: In den Krieg zu ziehen kam für mich nicht infrage, Waffengewalt habe ich immer abgelehnt. Schon allein deshalb, weil ich damit dem 5. Gebot widersprechen würde. Also flüchtete ich in die Berge des Salzkammergutes. Wochenlang wurde ich von den Nazis wie ein Tier gejagt, aber Gott sei Dank nicht aufgespürt.

"Krone": Seit Jahren legen Sie nun Zeugnis davon ab, wie vernichtend und brutal Rassismus und Rechtsradikalismus sind. Sie waren schon an allen großen Universitäten der Welt zu Gast, erzählen besonders gerne jungen Menschen von Ihren Erlebnissen. Nimmt das Interesse der Jugend mit zunehmendem Zeitabstand zum Krieg ab?
Engleitner: Im Gegenteil. Früher habe ich oft nicht einmal eine Antwort auf meine Angebotsschreiben, als Zeitzeuge vor Schülern zu sprechen, bekommen. Heute erhalte ich unzählige Anfragen aus der ganzen Welt, ich kann bei Weitem nicht alle Einladungen mehr annehmen.

"Krone": Sie wurden in Salzburg geboren, leben seit Langem in Oberösterreich. Haben Sie einen Bezug zur Steiermark?
Engleitner: 1934 muss es gewesen sein, da war ich im Ennstal als Bibelforscher unterwegs und habe das Wort Gottes verbreitet.

"Krone": Das tun Sie bis heute bei vielen Gelegenheiten, sogar in KZ-Gedenkstätten. Mit welchem Gefühl gehen Sie dort hinein?
Engleitner: Mit einem zufriedenen. Denn ich habe gesiegt. Die Nazis gibt's heute nicht mehr – aber ich lebe noch.

Leopold Engleitner ist nach seinem Graz-Besuch am Mittwoch um 11.30 Uhr als Zeitzeuge zu Gast in der Handelsakademie Weiz. Dabei stellt er auch seine Biografie "Ungebrochener Wille" vor.

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