27.06.2022 06:01 |

Live in der Stadthalle

KISS: Bombast-Rockshow mit geografischen Schwächen

War es nun wirklich das allerletzte Mal? 9000 Fans wollten dieser Frage Sonntagabend auf den Grund gehen und haben ihre Lieblinge KISS in der Wiener Stadthalle besucht. Paul Stanley, Gene Simmons und Co. feuerten wie gewöhnlich aus allen Rohren und ließen keine Ermüdungserscheinungen erkennen. Nur im Geografieunterricht hat man bei KISS nicht aufgepasst ...

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War es das jetzt oder nicht? Die „End Of The Road“-Welttournee von KISS hat die Hard Rocker schließlich schon 2019 nach Wien verschlagen. Die Mischung aus Spaß, Publikumszuspruch und schierer Geschäftstüchtigkeit hat bei Gene Simmons aber die Dollarzeichen in den Augen aufblinken lassen und man hat die Abschiedstour einfach ein weiteres Mal verlängert. Dann kam Covid und mittlerweile sind Simmons und Paul Stanley auch schon 70+. Die zu einem „Skandal“ hochstilisierte Backing-Track-Geschichte unlängst aus Antwerpen, als Drummer Eric Singer bei „Detroit Rock City“ zu spät einsetzte und dann Paul Stanleys Gesang vom Band kam, obwohl er selbst gar nicht sang, sollte nicht allzu hoch bewertet werden, mit solchen Tricks arbeiten auch andere Kaliber im Rockbusiness. Dennoch rührt das bloße Verwenden solcher Backing Tracks aber grundsätzlich daraus, dass Stanley die hohen Töne nicht mehr gut trifft. Daran wissen KISS-Fans ein Lied zu singen.

Kurzweilige Redundanz
In den letzten Jahren sind die New Yorker zu beliebten Stammgästen in unseren Gefilden geworden. Gut alle zwei Jahre konzertieren KISS zumeist in Wien. „Es ist unser neuntes Konzert in dieser Stadt“, merkt Stanley schon sehr früh im Set an und stößt auf tosenden Applaus. Ganz so voll wie das letzte Mal ist die Stadthalle nicht mehr. Immerhin finden sich 9000 enthusiasmierte Rocker quer durch alle Generationen zu ihrer Heiligen Messe ein, aber die Teuerungswelle, Covid-Unsicherheiten und die allgemein knackigen Ticketpreise laden derzeit nicht zum Türeneinrennen bei Konzerten ein. KISS lassen sich von diesen Wellenbewegungen sowieso nicht verunsichern und spulen ihr Programm wieder so ab, wie es keine zweite Band vermag zu tun. Einerseits passiert eigentlich immer dasselbe, andererseits wird das aber so kurzweilig, feurig und liebevoll exerziert, dass sich langjährige Stammgäste auch nach dem x-ten KISS-Gig perfekt abgeholt fühlen.

Die schiere Menge an Feuer und Konfetti spottet jeder Beschreibung und mit jeder weiteren Tour wird noch ein Schäuferl nachgelegt. Dazu ist das gesamte Bühnensetting ein perfektes Abbild eines Hard-Rock-Fiebertraums der 80er-Jahre. Die Bühne wird von riesigen KISS-Figuren flankiert, die Podeste von Drummer Eric Singer, Gene Simmons und Gitarrist Tommy Thayer erproben die Gesetze der Hydraulik und lassen sich mühelos auf- und abfahren, wuchtige Licht- und Videowände tunken die Bühne in eine knallend leuchtende Farbpalette und als Extra-Gimmick hat man sich rund ums Drumset noch mit Panthern und Schlangen als zusätzliche optische Freude verstärkt. So muss eine Rockshow aussehen. Rein von der Setlist her haben KISS naturgemäß wenig Bewegungsspielraum, Sprachrohr Stanley zeigt aber durchaus Selbstironie, indem er von „alten, älteren und noch älteren Songs“ spricht, die im Laufe des Abends zum Besten gegeben werden.

Größtmögliche Perfektion
„Detroit Rock City“, „Shout It Out Loud“ oder „Deuce“ fegen wie ein Wirbelwind durchs Set. Es kracht und brennt, Gene streckt seine enorme Zunge in den Himmel, Stanley stakst feminin über die Bühne und der kleine Eric Singer verdrischt sein Drumset mit viel Wucht und wenig Zwischenspiel für Überraschendes. KISS ist die wohl bestgeölte Maschinerie der aktuellen Hard-Rock-Welt. Aufgrund der Produktion ist hier wenig Spontanität möglich, was aber den Vorteil mit sich bringt, dass man alle Bewegungsabläufe, Posen und Interaktionen bis zur absoluten Perfektion üben kann. Egal ob Thayers Gitarrenfeuersalven bei seinem Solo, der blutspuckende Simmons bei „God Of Thunder“ oder der durch die gesamte Halle auf die Zweitbühne segelnde Stanley zwischen „Love Gun“ und „I Was Made For Lovin‘ You“ - hier sitzt alles mit fast schon schmerzender Perfektion.

Dann aber, zwischen all den großen Hits und Soli, schleicht sich doch noch eine kleine, aber feine Überraschung ein. Das sträflich unterschätzte „Tears Are Falling“, ein halbballadeskes und fein rockendes Kleinod aus dem unterschätzten 1985er-Meisterwerk „Asylum“ hat man zumindest hierzulande wohl noch nie, oder zumindest schon ewig nicht mehr gehört. Dass Tracks wie „Firehouse“ oder „Creatures Of The Night“ dieses Mal ausgelassen wurden ist etwas bitter, aber KISS sind keine Guns N‘ Roses und kennen ihre Energiegrenzen. Paul Stanleys humorige Deutschansagen („Scheiße“) lockern das bunte Treiben auf und auch stimmlich liefert er an diesem Abend eine absolut souveräne Leistung ab. Die sanften Momente wie die Peter-Criss-Ballade „Beth“, natürlich von Eric Singer übernommen, oder zu Teilen „Calling Dr. Love“ bekommen bei dieser Las-Vegas-artigen Bombast-Revue nur wenig Raum.

Peinlicher Fauxpas am Ende
Unter den Schaulustigen der KISS-Show befinden sich zudem auch schon Bandmitglieder von Alice Cooper, der morgen, Dienstag, auch für eine besonders abgefahrene Show sorgen wird. Die beiden Gitarristen Ryan Roxie und Tommy Henriksen zeigen sich von der Feuersbrunst am Ende genauso begeistert wie die anderen Anwesenden. Beim abschließenden „Rock And Roll All Nite“ wird die Halle noch einmal traditionell in einem Konfettiregen erstickt, bevor das kultige Kehrauslied „God Gave Rock’n’Roll To You II“ die staunenden und begeisterten Gesichter in die sommerlich heiße Nacht entlässt. Nicht aber, ohne sich mit einem kräftigen Fauxpas zu verabschieden - bei der „KISS Loves You Vienna“-Anzeige am Ende hat man doch glatt die australische, anstatt der österreichischen Fahne verwendet. Wie wäre es mit einem weiteren Wien-Konzert als Wiedergutmachung? Könnte man ja andenken ...

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