Erstes TV-Interview
Entführungsopfer Dugard erzählt über ‘gestohlenes Leben’
Jaycee Dugard wurde 1991 von Phillip und Nancy Garrido auf dem Schulweg im kalifornischen South Lake Tahoe entführt. Anschließend wurde sie in Antioch östlich von San Francisco in einem Schuppen im Garten des Peinigers versteckt und musste über die Jahre verbale und körperliche Misshandlungen über sich ergehen lassen. In der Zeit der Gefangenschaft gebar Dugard außerdem zwei Kinder. Im August 2009 wurde sie zufällig entdeckt und befreit.
Seither versucht sie, die schrecklichen Erinnerungen zu verarbeiten, und spricht nun ganz frei, mit einer fast schockierenden Offenheit, über ihr Martyrium. In ihrer Autobiografie "A Stolen Life" (Ein gestohlenes Leben), die am 12. Juli erscheint, erzählt sie, wie sie mit dem Erlebten umgeht. Auch im ABC-Interview nahm sie kein Blatt vor den Mund: "Alles zu erzählen, ist sehr befreiend."
Die Garridos zerstörten ihre Kindheit
Die Erlebnisse aus der Zeit ihrer Gefangenschaft verblassen nur langsam, immer noch hat Dugard die Szenen ihrer Entführung, die ersten Stunden in den Fängen der Entführer und die erste Vergewaltigung in Erinnerung. Es war der 10. Juni 1991, als sich Dugard auf den Weg zur Schule machte. Ganz in rosa gekleidet, marschierte das kleine Mädchen neben der Straße, als ein Auto neben ihm hielt: "Ich hörte ein Auto hinter mir, es hielt an, der Fahrer streckte die Hände hinaus und plötzlich habe ich mich betäubt gefühlt, mein ganzer Körper kribbelte."
Die Garridos setzten Dugard mit einem Elektroschocker außer Gefecht, anschließend zerrten sie sie in ihren Wagen und versteckten sie unter einer Decke. Als sie mit dem Mädchen zu Hause angekommen waren, ging die Tortur erst richtig los. Garrido schleppte sie ins Badezimmer, zog sie aus und befahl ihr, leise zu sein: "Ich glaube, er wollte, dass ich sauber bin… Sehr beängstigend. Ich hatte solche Angst."
Anschließend durfte sie nur mit einem Handtuch bekleidet herumlaufen und wurde in einem Raum mit nur einem Fenster eingesperrt. Das Einzige, das Jaycee Dugard noch hatte, war ein rosa Ring, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Und der blieb ihr auch die ganze Zeit über erhalten. Mit dem Ring lebte auch die Hoffnung, eines Tages ihre Mutter wiederzusehen, schilderte die heute 31-Jährige.
"Du handelst so, dass du überlebst"
Die Entführung sei schlimm gewesen, aber sie habe nicht weinen wollen. "Ich konnte mir die Tränen nicht aus dem Gesicht wischen, da meine Hände mit Handschellen hinter meinem Rücken zusammengehalten wurden." Ihr Gesicht würde dann ja von den getrockneten Tränen jucken, dachte sich das damals elfjährige Mädchen. Dugard hatte aber keine andere Wahl als durchzuhalten: "Du musst es einfach durchstehen, in dem Moment handelst du so, dass du überlebst. Du willst dir nicht vorstellen, wie es ist, vergewaltigt zu werden, oder dass dich jetzt jemand zu Tode prügeln könnte. Du legst einfach einen Schalter um."
Über die Jahre verging sich Garrido immer wieder an seinem Opfer. Als Dugard zum ersten Mal schwanger wurde, war das Mädchen gerade einmal 13 Jahre alt - und hatte keine Ahnung, was passierte. Dugard wunderte sich über ihre Gewichtszunahme, wusste aber nicht, warum sich ihr Körper veränderte. Sie war vor ihrer Entführung ein kleines Mädchen gewesen, das nach der Schule Kekse verkaufte und gerne Geschichten schrieb - über Sex wusste sie nichts. Die Garridos erklärten ihr dann nach einiger Zeit, dass sie schwanger sei.
Sie musste die Geburten alleine durchstehen
Dugard musste Schreckliches über sich ergehen lassen und litt während ihres Martyriums oft unter Schmerzen, doch die Geburt ihrer ersten Tochter zählte zu den schwierigsten und herausforderndsten Momenten im Rahmen ihrer Gefangenschaft: "Ich wusste, dass ich nicht ins Krankenhaus komme." Alles musste Dugard ohne Unterstützung meistern und erlebte dabei die schlimmsten Schmerzen ihres Lebens, wie sie sagt. Doch das Glück, das kleine Mädchen anschließend im Arm zu halten, war für Dugard das schönste Geschenk. Sie schwor sich, ihr Kind immer zu beschützen.
"Ich konnte nicht fliehen"
Die Entführer haben ihr aber nicht nur die Kindheit geraubt, sondern sie auch noch gezielt manipuliert, wie sie schilderte. Phillip Garrido spielte seine Macht immer deutlich aus. Anfangs hatte er bei jeder Vergewaltigung einen Elektroschocker dabei, Dugard musste Handschellen tragen und hatte damit keine Chance, sich zu wehren oder zu fliehen.
Mit der Zeit schafften es die Entführer allerdings, Dugard so weit zu manipulieren, dass sie selbst nicht mehr fliehen wollte. "Ich habe mich oft gefragt, warum ich nicht geflohen bin. Aber sie haben mich so manipuliert, dass ich nicht gehen konnte. Wahrscheinlich waren es auch die Geschichten, die mir Garrido immer erzählt hatte." Er redete ihr nämlich ein, dass es draußen nicht sicher sein, die ganze Welt voll von Pädophilen und Vergewaltigern sei. Da Dugard selbst zwei kleine Mädchen hatte, wollte sie ihnen das Leid ersparen und wagte nicht zu fliehen. Sie blieb bei ihren Peinigern, bis sie im August 2009 durch Zufall entdeckt und befreit wurde.
Die Nacht nach der Befreiung: "Ich bin so glücklich"
Besonders gerne erzählt Dugard von ihrer ersten Nacht in Freiheit. Sie war mit ihren beiden Töchtern in einem Motel untergebracht, mitten in der Nacht realisierte sie dann, dass sie frei ist. "Ich bin zu den Mädchen gelaufen, habe sie aus dem Schlaf gerissen und ihnen gesagt, wie glücklich ich bin."
Glück erfuhr Dugard seither vor allem im Kreise ihrer Familie. Sie genießt die Familienessen, das schöne Gefühl, mit allen an einem Tisch zu sitzen und gesundes Essen zu verspeisen, nicht nur Fast Food, wie sie es in den Jahren ihrer Gefangenschaft immer verzehren musste. Außerdem verbringt Dugard viel Zeit mit ihrer kleinen Schwester, die ihr sogar das Autofahren beibrachte. All diese Erlebnisse mit ihrer Familie und ihren beiden kleinen Mädchen geben Dugard die Kraft, ihre schlimme Vergangenheit zu verarbeiten. Aber die schrecklichen Geräusche verfolgen sie immer noch: "Es ist komisch, dass einem das so sehr im Gedächtnis bleibt, das Schloss und das Quietschen des Bettes, das bleibt einfach in meinem Kopf."
"Sie haben ihr die Kindheit geraubt und ihr Leben"
Dugard und ihre Mutter gaben die Hoffnung, einander wieder einmal in den Arm nehmen zu können, übrigens niemals auf. Dugards Mutter setzte in all den Jahren alles daran, ihre Tochter wiederzufinden. Bei zahlreichen tränenreichen TV-Auftritten bettelte sie die Entführer an, ihr kleines Mädchen zurückzubringen. Nun ist sie glücklich, dass sie ihre Tochter und ihre Enkelkinder um sich hat. Doch sie sagt über die Entführer: "Sie haben mir ein Stück meines Herzens herausgerissen und mir mein Baby gestohlen. Und ihr haben sie die Kindheit geraubt und ihr Leben."
Dugards Peiniger sind inzwischen hinter Gittern. Ein Gericht in Kalifornien hat Phillip Garrido zu 431 Jahren Haft verurteilt, seine Frau zu mindestens 36 Jahren bis lebenslänglich.







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