06.02.2022 06:00 |

„Lobau bleibt“-Gesicht

Rettet man so das Weltklima, Frau Schilling?

Sie ist das Gesicht der „Lobau Bleibt“-Bewegung. Mit Conny Bischofberger spricht Lena Schilling (21) über die Räumung des Protestcamps und wie es jetzt weitergeht, ihre Wut und Hoffnung und warum sie ganz sicher nicht Politikerin werden will.

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Donnerstagmorgen, 8.30 Uhr. Im Lobau-Camp, genauer gesagt in jenem Rest, der nach der gewaltsamen Räumung vergangenen Dienstag überlebt hat, schlafen noch alle. Lena Schilling sitzt hellwach vor einem roten Zelt auf einer Bank aus Ziegeln und kuschelt sich in ihre abgetragene Lammfelljacke, Größe XXL. „Hat mir der Vater eines Ex-Freundes geschenkt“, erzählt sie und hält ihr Gesicht in die Sonne. Die 21-jährige Klima-Aktivistin führte ein 100-köpfiges Protestlager an, das seit August zwei Baustellen besetzt und damit die Arbeiten für die Wiener Stadtstraße blockiert hat.

Wie geht’s Ihnen im fast menschenleeren Camp, nachdem die Polizei die Besetzung beendet hat?
Der harte Kern hält nach wie vor durch, dieser Teil ist nach wie vor behördlich genehmigt. Wie geht’s mir? Hierherzukommen ist immer wie nach Hause kommen. Hier schlafen die liebsten Menschen, mit denen ich seit Monaten Seite an Seite kämpfe. Wir werden immer zusammenstehen.

Wie viele Nächte haben Sie selbst hier verbracht?
Am Anfang viel öfter. Dann war ich eher untertags da, weil ich zwei Katzen zu Hause habe.

Am Dienstag wurde das Camp von der Polizei geräumt. Was ist Ihre Bilanz?
Wir haben mit unserem Protest unglaubliche Erfolge erzielt. Daraus wird eine Bewegung hervorgehen, der ich zutraue, dass sie die Politik der nächsten Jahrzehnte umgestalten wird. „Lobau Bleibt“ ist ja ein Bündnis von vielen Organisationen - angefangen von „Fridays for Future“ über den Jugendrat, „System Change“ bis hin zu „Extinction Rebellion“. Wir haben es trotz unterschiedlicher politischer Einstellungen geschafft, für ein politisches Ziel eine gemeinsame Praxis zu finden.

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Die Klimakrise ist ein so großes Problem, dass wir uns manchmal ohnmächtig fühlen. Deshalb müssen wir die lokalen, kleinen Kämpfe gewinnen.

Lena Schilling

Wie lautet das politische Ziel?
Die Klimakrise zu stoppen, im besten Fall.

Aber rettet man so das Weltklima? Sie blockieren eine fertig geplante und finanzierte Straße so lange, bis die Stadt Wien die illegale Blockade auflöst.
Wo soll man denn sonst anfangen? Die Klimakrise ist so ein großes Problem, dass wir uns manchmal ohnmächtig fühlen, weil es riesig ist. Deshalb müssen wir die lokalen, kleinen Kämpfe gewinnen. Es gibt ja Gott sei Dank nicht nur uns. Es gibt Bewegungen wie unsere in ganz vielen Ländern. Das ist der Beitrag, den wir leisten können. Und ja, die Räumung ist passiert, aber es gibt noch immer eine besetzte Baustelle. Der Protest wird weitergehen. Wir sind noch immer wütend und wir sind noch immer bereit zu kämpfen. Das war keinesfalls ein Rückschlag.

Glauben Sie wirklich noch immer, Sie könnten diese Straße gegen den Willen der Politik verhindern?
Ich glaube, dass diese Stadtstraße noch einmal zur Debatte stehen wird. Ich kann nicht sagen, ob sie verhindert werden kann. Das weiß man bei politischen Zielen nie. Aber was ich dezidiert weiß: Wir haben eine Debatte über Mobilität angestoßen, über die bessere Anbindung der Donaustadt. Im Zweifel werden wir die Baustellen wieder blockieren.

Es hat Anrainer gegeben, die bei der Räumung geklatscht haben. Gibt Ihnen das nicht zu denken?
Ich verstehe ihre Wut. Es gibt hier seit Jahrzehnten ein Verkehrsproblem, da sind wir uns einig. Die Stadtplanung ist einfach schiefgelaufen und darunter leiden die Menschen jetzt. Wir möchten für sie, das ist mir ganz wichtig, das Beste. Eine Lösung, die für die Anrainer gut ist und für den Klimaschutz. Die Stadtstraße ist keine solche Lösung! Fossile Großprojekte gehen sich einfach nicht mehr aus! Wir müssen davon wegkommen, immer wieder zu sagen: „Wir machen weiter wie bisher.“ Es darf kein „weiter wie bisher“ mehr geben. Es darf keine Donauquerung geben, es darf keine Stadtautobahn geben, es darf keine Lobauautobahn geben.

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Wir müssen davon wegkommen, immer wieder zu sagen: ,Wir machen weiter wie bisher.‘ Es darf kein ,Weiter wie bisher‘ mehr geben.

Lena Schilling

Sondern?
Um nur ein paar Alternativen zu nennen: Es gibt zwei S-Bahn-Linien, die S-Bahn 45 und die S80. Mit der S80 fahre ich immer her, deswegen kenne ich mich mittlerweile ganz gut aus. Die fährt im Halbstundentakt, das müsste auf jeden Fall schneller getaktet sein. Die S80 wird nicht ausgebaut, sondern es sind in den letzten Jahren zwei Stationen aufgelassen worden, nämlich „Lobau“ und „Hausfeld“. Die S45 fährt auch nicht oft genug. Es müssten Straßenbahnlinien ausgebaut werden, die Straßenbahnlinie 25, Straßenbahnlinie 26, Straßenbahnlinie 27. Die U6 müsste verlängert werden. Es müssten die Querverbindungen mit Bussen besser sein, die Busverbindungen besser getaktet sein. Und das Spannende ist, diese ganzen Konzepte liegen seit Jahrzehnten auch auf dem Tisch der SPÖ.

Die Stadt Wien hat ja den Dialog mit Ihnen gesucht. Was ist da schiefgelaufen?
Wir haben sechs oder sieben öffentliche Einladungen ausgesprochen, die man auch googeln kann. Auf die haben wir nicht einmal eine Rückmeldung bekommen. So hat es angefangen. Dann wurden von einzelnen Beamten mit einzelnen Besetzern Gespräche geführt. Aber in einer Bewegung gibt es legitimierte Vertreterinnen. Also ich kann mich nicht mit irgendwem zusammensetzen. Dann kamen schon die Klagsdrohungen, unter anderem an eine 13- und eine 14-Jährige. Dafür hat sich Ulli Sima entschuldigt. Dafür haben wir uns dem Dialog gestellt und es gab ein erstes Kennenlernen. Dann hat uns Frau Sima am Sonntag ins Rathaus zitiert und gemeint, sie sei nicht bereit, über das Projekt zu reden, sie möchte nur über unseren Abzug reden. Wir haben gesagt, dass das für uns keine Option ist, weil wir über die Anbindung der Donaustadt reden wollen. So hat dann der Dialog geendet. Dann ist geräumt worden und während meine Freunde von der Polizei weggetragen und 400 Bäume gefällt wurden, hat mir Ulli Sima eine Mail geschrieben, dass ihre Hand ausgestreckt sei. Ich kann das nicht anders nennen, als Heuchelei.

Haben Sie sich von der Spitzenpolitik genügend unterstützt gefühlt?
Wir sind eine Klimagerechtigkeitsbewegung, keine Partei. Wir nehmen unsere Zukunft lieber selbst in die Hand, sonst wird sich die Welt nicht verändern. Dementsprechend will ich mich gar nicht auf die Politik verlassen. Obwohl es durchaus Unterstützung gab - etwa von den Grünen oder von der KPÖ. Aber ehrlich gesagt freue ich mich viel mehr über die Unterstützung von den Anrainerinnen vor Ort. Von der Pfarre, den Gärtnereien und den Kindergärten. Weil sie hinter uns stehen, halten wir auch so lange durch.

Hätten Sie sich nicht gewünscht, dass der Bundespräsident Sie einmal lobend erwähnt?
Nein, ich wünsche mir keine Anerkennung von Politikerinnen mehr. Dieser Zug ist abgefahren.

Der „Falter“ hat Sie als „Bürgermeisterschreck“ bezeichnet. Gefällt Ihnen die Titulierung?
Lacht. - Ich finde, ich bin gar kein Schreck. Aber ich finde es gut, wenn meine politischen Handlungen den Wiener Bürgermeister in eine Situation bringen, wo er sich äußern muss. Das ist genau unser Ziel: Die Politik unter Druck zu setzen.

„Österreichische Greta Thunberg“ ist auch so eine Bezeichnung.
Das finde ich ehrlich gesagt schwierig. Klar bin ich ein bisschen zum Gesicht dieser Bewegung geworden. Das ist auch in Ordnung, aber ich mag nicht so exponiert sein. Es stehen so viele Menschen hinter und das finde ich schön.

Wie viele?
Viele Tausende. Am Dienstagabend, nach der Räumung, haben wir innerhalb weniger Stunden 3000 Menschen mobilisiert, die vor die SPÖ-Zentrale gekommen sind.

Hatten Sie schon ein Angebot, in die Politik zu wechseln?
Früher immer mal wieder. Aber für mich ist klar, und ich meine das ernst: Ich will keinen Parteiposten und ich will mir nicht irgendwann sagen lassen, was ich sagen darf und was nicht. Ich mache Politik für und mit Menschen, aber so, dass ich meinen Idealen gerecht werden kann.

Wann haben sich diese Ideale manifestiert?
Ich bin als Kind mit einem starken Bezug zur Natur aufgewachsen. Ich habe Werte mitbekommen. Gerechtigkeit zum Beispiel. Die Klimakrise ist eine der größten Ungerechtigkeiten, die es gibt auf der Welt. Irgendwann entstand dann dieses Bauchgefühl, dass wir diese Welt retten müssen … Dass wir uns dafür nicht an die Regeln halten können. Das möchte ich meinem kleinen Bruder einmal mitgeben. Erik ist sechs und vielleicht eine meiner größten Motivationen, das hier zu machen. Er ist mein kleines Goldstück.

Wann waren Sie zum ersten Mal auf einer Demo?
Mit drei oder vier Jahren. Es war eine Donnerstagsdemo gegen Schwarz-Blau, ich kann mich ehrlich gesagt nicht mehr genau daran erinnern. - Lacht. - Auf meine erste eigene Demo bin ich mit 13 gegangen. Da ging es um die Zentralmatura.

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Ich bin leider so eine Klischee-Klimaaktivistin. Ich habe mit 12 aufgehört, Fleisch zu essen, und ich fliege auch nicht mehr.

Lena Schilling

Fliegen Sie noch?
Nicht mehr, nein. Ich verurteile aber auch niemanden, der fliegt, weil das individuelle Entscheidungen sind und nicht den Unterschied machen.

Fragen Sie, woher, das Schwein kommt, bevor Sie ein Wiener Schnitzel bestellen?
Ich bin leider so eine Klischee-Klimaaktivistin. Ich habe mit 12 Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Sehr zum Leid meiner Oma, deren Schweinsbraten und Wiener Schnitzel wirklich köstlich sind. Zuerst hat sie sich aufgeregt, aber mittlerweile kocht sich einfach Knödel für mich.

„Verzeihen Sie meinen Verstand in einer verrückten Welt“. Dieses Zitat von Emily Dickinson haben Sie für Ihr WhatsApp-Profil gewählt. Könnte Ihr Freund ein schnelles Auto fahren, Fleisch essen, weniger Verstand haben und sich nicht ums Klima scheren?
Also mit vielem davon hätte ich kein Problem. Ich könnte nur nicht mit einem unpolitischen Menschen zusammen sein. In meiner Familie gab es verschiedene politische Flügel. Mein Opa, der leider schon verstorben ist, war FPÖ-Bezirkspolitiker, wir haben uns massiv gefetzt. Aber am Mittagstisch habe ich auch gelernt, dass es okay ist, dass man andere politische Einstellungen hat, dass man sich trotzdem liebhaben kann.

Wäre das auch eine Strategie für Debatten zwischen Impfgegnern und Impfbefürwortern?
Puh! Ich wollte das Thema eigentlich meiden. Jedenfalls muss ich andere Meinungen anerkennen und infrage stellen, wenn ich ernsthafte Debatten führe. Das brauchen wir in unserer Gesellschaft. Und Solidarität.

Wem gilt Ihre Solidarität?
Den Pflegerinnen und all jenen, die sich im Gesundheitssystem kaputt arbeiten und tagtäglich den meisten Gefahren aussetzen. Diese Solidarität ist bei mir größer als allen anderen Menschen gegenüber.

Fakten

IM BROTBERUF IST SIE TANZLEHRERIN
Geboren am 8. 1. 2001 in Wien, aufgewachsen in Meidling. Die Mutter ist Sozialarbeiterin, der Vater arbeitet bei einer Bank. Lena besucht eine Kunstschule und engagiert sich schon als Teenager für diverse Klimabewegungen. Sie arbeitet als Tanzlehrerin und studiert Politikwissenschaften. Neben Lucia Steinwender ist sie die gewählte Sprecherin der „Lobau Bleibt“-Bewegung, die seit August 2021 die Stadtstraße besetzt hat.

Conny Bischofberger
Conny Bischofberger
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