20.12.2021 05:57 |

Hass gegen Forscher

„So wird 21. Jahrhundert wieder zum Mittelalter“

Sie hat Krankheiten ausgerottet, Computertechnik samt Internet erdacht und Menschen in den Weltraum geschickt: Der wissenschaftlichen Forschung verdankt die Menschheit einige ihrer größten Errungenschaften. Trotzdem greifen in der polarisierten Debatte um die Pandemie Hass und Drohungen gegen Forscher um sich. Es grassiert eine Wissenschaftsfeindlichkeit, der prominente Vertreter der Forschung nun gemeinsam entgegentreten.

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Insgesamt 31 renommierte deutsche Forscherinnen und Forscher beziehen in einem Beitrag in der „Zeit“ Stellung gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, Faktenresistenz und konkrete Drohungen gegen ihren Berufsstand.

Unter ihnen finden sich nicht nur Corona-Experten, sondern auch Klimaforscher, Wissenschaftsjournalisten und Mediziner. In der aufgeheizten Debatte um die Pandemie und ihre Folgen fordern sie Freiheit und Unabhängigkeit für die Wissenschaft - und vor allem eine zivilisierte Debatte.

Es gehe um nichts Geringeres als die Demokratie, mahnen die deutschen Forscher. Groteske Demonstrationen vor Krankenhäusern, Wissenschaftler verächtlich machende Politiker und Gewaltdrohungen gegen Virologen machen das Gesagte auch hierzulande relevant.

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Wissenschaftler beschließen keine Verordnungen und Gesetzesänderungen, sondern das geschieht durch die Politik. Das sollte man aus meiner Sicht nicht vermischen.

Sandra Ciesek, Chefvirologin der Universitätsklinik Frankfurt

Sandra Ciesek, Chefvirologin der Uniklinik Frankfurt: Die Wissenschaft stelle der Öffentlichkeit und der Politik ihre Erkenntnisse zur Verfügung und versuche, komplexe Zusammenhänge verständlich zu machen. „Aber Wissenschaftler beschließen keine Verordnungen und Gesetzesänderungen, sondern das geschieht durch die Politik. Das sollte man aus meiner Sicht nicht vermischen, weil das die Freiheit der Wissenschaft gefährdet.“

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Kein Wissenschaftler hat etwas gegen kritische Diskussionen. Doch sollte es dabei um die Sache gehen und nicht darum, Wissenschaftler persönlich zu diffamieren.

Klimaforscher Stefan Rahmstorf

Klimaforscher Stefan Rahmstorf: „Kein Wissenschaftler hat etwas gegen kritische Diskussionen, sie gehören zu Kultur und Alltag der Wissenschaft. Doch sollte es dabei um die Sache gehen und nicht darum, Wissenschaftler persönlich zu diffamieren.“ Einschüchterung von Forschern gefährde eine offene wissenschaftliche Debatte, von der die ganze Gesellschaft profitiere.

Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim sieht eine Gefahr für die Demokratie als solche. Bleiben Drohungen und Diffamierungen präsent, „werden sich immer mehr seriöse und kluge Köpfe zurückziehen und ihre wissenschaftliche Expertise nicht mehr mit Öffentlichkeit und Politik teilen. Wieso auch sollten sie sich den Frust und die Bedrohung antun? Wenn wir daran nichts ändern, hat unsere Demokratie ein Problem.“

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Menschen, die versuchen, der Wahrheit näher zu kommen, dürfen weder verteufelt noch bedroht werden, auch wenn diese Fakten nicht allen in den Kram passen. Sonst wird das 21. Jahrhundert wieder zum Mittelalter.

Eckart von Hirschhausen, Arzt und Wissenschaftsjournalist

Eckart von Hirschhausen, Arzt und Wissenschaftsjournalist, in der „Zeit“: „Jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung, aber nicht auf eigene Fakten. Menschen, die versuchen, qua Beruf und Berufung der Wahrheit näher zu kommen, dürfen weder verteufelt noch bedroht werden, auch wenn diese Fakten nicht allen in den Kram passen. Oder richtig unangenehm sind. Sonst wird das 21. Jahrhundert wieder zum Mittelalter.“

Der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar sieht manche Medienmacher in der Verantwortung. Forscher seien als schuldig für das hingestellt worden, was sie entdeckt hätten. „In dieser Pandemie haben sich Medien durch teils bewusste Polarisierung schuldig gemacht. Sie sind zu Brandstiftern geworden, die dazu beitragen, dass Wissenschaftler bedroht werden.“

Twitter-Debatte um die #BedrohteWissenschaft
Die mahnenden Stimmen in der „Zeit“ haben auch in den sozialen Medien eine Debatte über die wachsende Wissenschaftsfeindlichkeit entfacht. Unter dem Hashtag #BedrohteWissenschaft wird auf Twitter über das Thema diskutiert, bei den Nutzern kommt das Eintreten der prominenten Forscher für eine zivilisiertere und faktenbasierte Debatte gut an.

Ein User in Richtung der an der Aktion beteiligten Wirtschaftsforscherin Claudia Kemfert: „Danke, dass Sie und andere Wissenschaftler trotz Hass und Hetze nicht müde werden, Licht ins Dunkel zu bringen.“

Eine Reaktion auf ihre wissenschaftliche Arbeit, die sich Forschende dieser Tage wohl öfter wünschen würden ...

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