Luger im Interview

„Stimmung wird noch aggressiver werden“

Fast täglich wird in Linz - und damit vor den Türen von Bürgermeister Klaus Luger - gegen Corona-Maßnahmen demonstriert. Wie er die Situation einschätzt und wie es ihm damit geht, erzählt er der „Krone“ im Gespräch.

Ein Adventkranz steht im Büro des Linzer Bürgermeisters Klaus Luger von der SPÖ. Doch nach besinnlicher Stimmung ist dem Stadtoberhaupt nicht zumute. Fast täglich finden in der Stadt Demonstrationen von Gegnern der Coronamaßnahmen oder der Impfpflicht statt. Die Stimmung ist aufgeladen, die Gesellschaft gespalten.

„OÖ Krone“: Linz ist aktuell fast so etwas wie die Hauptstadt der Corona-Demonstrationen. Beinahe täglich findet eine statt. Ärgert Sie das als Bürgermeister?
Klaus Luger:
Angenehm ist es nicht.

Warum wird gerade in Linz so oft demonstriert? Gibt es in der Hauptstadt besonders viele Corona-Skeptiker?
In Linz nicht, aber in Oberösterreich gibt es viele. Und die demonstrieren halt dann in Linz, weil man hier die größte Aufmerksamkeit erregen kann. So viele Traktoren, wie am Mittwoch durch Linz gefahren sind, gibt es in der ganzen Stadt überhaupt nicht.

Am Mittwoch erstreckte sich die Demo-Route über acht Kilometer, ging entlang etlicher neuralgischer Punkte. Das sorgt für einige Probleme in der Stadt, aber: Muss das eine lebendige Demokratie nicht einfach aushalten?
Es ist ziemlich zynisch, wenn eine lebendige Demokratie davon lebt, dass Rettungsfahrzeuge nicht durchkommen, wenn Pendler im Stau stehen, Busse stehen. Da habe ich ein anderes Demokratieverständnis. Das ist nichts Anderes, als Ruhe und Ordnung zu gefährden.

Sie wollen bei allen rechtlichen Schwierigkeiten, dass Demos in dieser Form nicht mehr bewilligt werden, weil sie das öffentliche Leben massiv beeinträchtigen und berufen sich auch auf ein Erkenntnis des Verfassungsgerichtshofes. Besteht nicht die Gefahr, dass bei Verboten die Polarisierung fortschreitet?
Ich befürchte, dass bis kommenden Februar, wenn die Impfpflicht in Kraft tritt, die Stimmung so oder so noch emotionaler und aggressiver wird und die Sprechchöre, die wir hören, noch radikaler werden. Am Mittwoch bei der Demo wurde lautstark gegen Politiker, das System und die ,Lügenpresse‘ geschimpft. Was heißt das? Von den Veranstaltern dieser Demos wird das demokratische System in Frage gestellt. Durch radikalen Egoismus, durch die völlige Überbetonung des eigenen Ich wird die Gesellschaft in ihrem Grundkonsens unter Druck gesetzt. Und da gilt es, dass die überwältigende Mehrheit dagegen auftritt. Und zu dieser Mehrheit zähle ich nicht nur die Geimpften, sondern auch die Mehrheit der 30…Prozent Ungeimpften. Demokratie heißt nicht, „ich darf machen, was ich will“. Sondern „ich muss Mehrheiten akzeptieren“.

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Von den Veranstaltern dieser Demos wird das demokratische System in Frage gestellt. Dagegen muss die überwältigende Mehrheit auftreten.

Klaus Luger

Wenn Sie Recht haben, dann wird der Corona-Riss durch Freundschaften, durch Familien, durch Belegschaften in Betrieben noch größer werden. Hält unsere Gesellschaft diese Spaltung aus?
Ja, ich glaube, wir werden diese Spaltung überwinden können. Weil wir mittelfristig diese Pandemie überwinden werden. Und dann fällt auch die Spaltung wegen der Corona-Maßnahmen und Impfungen weg für vermutlich 80 bis 85 Prozent der Gesellschaft.

Und der Rest?
Mit dem Rest haben wir zu leben, denn eine Demokratie erlaubt es auch, dass es Menschen gibt, die mit diesem System gebrochen haben und trotzdem darin leben. Auf die Demonstranten zuzugehen ist, mit Verlaub, verlorene Liebesmüh. Aber mit den rund 30 Prozent nicht geimpften Linzern muss man reden, da darf man nicht nachlassen und auch nicht den Kontakt verlieren. Umgekehrt haben wir auch bereits 30 Prozent in Linz, die schon den dritten Stich haben. Die werden es sich immer weniger gefallen lassen, dass ihre Freiheiten weiterhin eingeschränkt werden. Es droht, dass wir auch diesen Teil der Menschen verlieren, der sagt: „Mir reicht’s, jetzt mache auch ich nicht mehr mit.“

Mitarbeiter der Volkshilfe werden angegriffen, Menschen beschimpft. Sie haben oft strenge Maßnahmen gefordert – unter anderem zuletzt einen Lockdown für Schulen: Schlägt sich das auf die Inhalte Ihrer Post nieder?
Natürlich bekomme ich immer wieder Schreiben und Mails mit Vorwürfen, dass ich in der Hölle schmoren werde, dass ich für den zukünftigen Tod von Kindern verantwortlich oder vom Teufel beauftragt sei. Ich glaube aber, das ist eine ganz kleine, radikale Minderheit. Umgekehrt bekomme ich nämlich auch viele Mails mit Zustimmung.

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Ich werde beim Spazieren durch Linz fast immer von Mitarbeitern begleitet, weil mir die Polizei empfohlen hat, nicht mehr alleine unterwegs zu sein.

Klaus Luger

Spazieren Sie noch alleine durch Linz wie früher?
Ehrlich gesagt nur mehr ungern ganz alleine. Ich werde inzwischen fast immer von Mitarbeitern begleitet, auch weil mir die Polizei empfohlen hat, nicht mehr alleine auf der Straße unterwegs zu sein.

Auf Ihrem Tisch steht ein Adventkranz. Der Advent ist ja die besinnliche Zeit, er endet mit Weihnachten, dem Fest des Friedens. Ist heuer davon etwas zu spüren?
Nicht wirklich, der Advent ist in normalen Jahren schon stressig. Da wird das Stadtbudget verabschiedet, aber ein bisschen eine festliche Stimmung gab es immer. Heuer ist davon noch nichts zu spüren. Vielleicht kommt das erst, wenn ich mit meiner Familie Weihnachten feiere.

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