13.10.2021 09:30 |

„Krone“-Reisereportage

Genussvoll radeln im italienischen Piemont

Das Piemont - eine Genussregion im Nordwesten Italiens - lockt mit erlesener Küche und edlen Tropfen. Die landschaftliche Schönheit erschließt sich am besten mit dem Rad. 

Cuneo - die Betonung liegt auf dem u - ist das italienische Wort für „Keil“. Die Stadt, die auf einem steil abfallenden Plateau, das sich nach vorne deutlich zuspitzt, zwischen den Flüssen Stura und Gesso liegt, erreicht man in nur knapp eineinhalb Stunden mit Air Dolomiti von München aus. Wegen ihrer strategisch günstigen Lage wurde Cuneo im 14. Jahrhundert von den Savoyern ausgebaut und zwischen 1542 und 1799 von den Franzosen insgesamt siebenmal belagert.

Im Zweiten Weltkrieg war Cuneo eine der stärksten Bastionen der Widerstandskämpfer unter dem Cuneeser Anwalt Tancredi Galimberti. Galimberti, der später von den Faschisten erschossen wurde, ist ein 24.000 Quadratmeter großer, arkadengeschmückter Platz gewidmet. Es ist der größte Platz des Piemont und trennt das moderne Cuneo von der historischen Altstadt. Ihn müssen wir überqueren, um zur zentralen Via Roma zu gelangen. Hier pulsiert das Leben, denn es ist Markttag. Viele Händler stehen mit ihren Buden vor den historischen Laubengängen, die es insgesamt auf eine Länge von acht Kilometern bringen. In ihnen spiegelt sich die Geschichte der Stadt - vom Mittelalter bis in die Neuzeit - wider.

Wir verlassen die belebte Straße und streifen durch die alten Gassen, tauchen ein in die Vergangenheit und lassen uns treiben. Bis wir vor dem Tourismusbüro stehen, wo man uns bereits erwartet. Wir holen unsere Mountainbikes und bekommen auch gleich eine kleine Einschulung dazu. „Wenn du hier drückst, kannst du den Elektromotor dazu schalten, dann geht es gleich viel einfacher“, erklärt mir Stefano, professioneller Mountainbike-Guide, das E-Bike, das man für 35 Euro pro Tag vor Ort ausleihen kann. Ich bin schon lange nicht mehr Rad gefahren, schon gar nicht mit einem E-Bike. Um uns an das Fahrgefühl zu gewöhnen, steht eine kurze Ausfahrt in den Fluss-Naturpark „Parco Fluviale Gesso e Stura“ auf dem Programm. Sobald es etwas anstrengender wird oder wir zu einem Anstieg kommen, schalte ich den Motor dazu, was die Sache wirklich deutlich einfacher macht!

Entraque, Mondovi, Vicoforte
Nach diesem ersten Versuch stehen in den nächsten Tagen mehrere Ausfahrten mit Stefano auf dem Programm. Einmal geht es nach Entraque, wo wir das Centro Uomini e Lupi, ein bedeutendes Forschungszentrum für Wölfe, besuchen, tags darauf radeln wir in Richtung Mondovi, etwa 30 Kilometer östlich von Cuneo. Nach der langen Zeit der radfahrerischen Abstinenz spüre ich meine Waden nun schon etwas. Als wir Mondovi erreichen, bin ich deshalb über eine kleine Pause, die wir auf der Piazza Maggiore einlegen, nicht ganz unglücklich. Im Schatten der gotischen Palazzi genießen wir einen kleinen Imbiss, bevor wir uns nach einem Rundgang in der Altstadt wieder in die Sättel unserer E-Bikes schwingen und weitere fünf Kilometer nach Vicoforte radeln.

Zu Besuch beim „Magnificat al Santuario“
Hier steht einer der größten Kuppelbauten Europas - der im barocken Stil erbaute Dom „Magnificat al Santuario“. Die elliptische Kuppel ist mit einer Höhe von 75 Metern und einem Durchmesser von 35 Metern die weltweit größte ihrer Art. Ausgestattet mit Klettergurt und Helm, steigen wir über enge Wendeltreppen und eine Leiter in die Kuppel hoch. Wer nicht schwindelfrei ist, sollte besser unten bleiben. Das ist nichts für Menschen mit Höhenangst. Ich komme mir vor wie einer der alten Dombaumeister, die über mehr als hundertdreißig Jahre dieses gewaltige Bauwerk erschaffen haben. Wir klettern über Querstreben und Gesimse, um endlich die mehr als 6000 Quadratmeter der Fresken zu bewundern, die der Venezianer Mattia Bortoloni in dieser Höhe erschaffen hat.

Nach der Anstrengung haben wir uns ein schönes Abendessen verdient. Genuss wird im Piemont großgeschrieben! Die Region ist ein wahres Paradies für Schlemmer. Weine wie Barolo, Barbaresco oder Barbera sind bekannt für ihre Qualität. Auch der Asti Spumante, ein trockener Sekt aus Chardonnay- und Pinot-Noir-Trauben, gehört zu den Spezialitäten der Region. Wer Fast Food all’ italiana (Pizza) liebt, ist hier jedenfalls falsch. Es wird jede Mahlzeit zelebriert, und die sprichwörtliche italienische Gastlichkeit darf nicht zu kurz kommen.

Kein Wunder, angesichts von Köstlichkeiten wie Agnolotti (Teigtaschen, die mit Fleisch, Käse, Gemüse oder Kräutern gefüllt werden), Tajarin (Bandnudeln, oft mit Butter und Trüffeln - einer weiteren Spezialität der Region - verfeinert) oder Risotto (das Piemont ist eines der größten Reisanbaugebiete Italiens). Nicht zu vergessen die Torta di Nocciole, ein Piemonteser Haselnusskuchen. Cuneo kann mit einer Reihe von exzellenten Restaurants aufwarten. Schon beim Lesen der Speisekarten läuft einem sprichwörtlich das Wasser im Munde zusammen.

Mit dem Rad von den Bergen bis ans Meer
Die landschaftlich schönste Tour ist für den letzten Tag unseres Aufenthaltes geplant. Die Via del Sale (Salzstraße), eine alte Militärstraße in den Seealpen bei Limone Piemonte, verbindet die Berge und das Meer. Die Straße verläuft im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich, vorbei an zahlreichen militärischen Befestigungsanlagen aus dem 19. Jahrhundert. Um hier zu bestehen, muss man als Biker schon etwas geübter sein. Für Neueinsteiger wie mich ist das nichts, denn die Abfahrten sind zum Teil steil, und auf dem Geröll verliert man rasch die Kontrolle über das schwere Rad. Also entscheide ich mich, in unser Begleitfahrzeug umzusteigen. Während der Rest der Gruppe strampelt, fahren wir gemütlich im SUV hinterher.

Die Via del Sale ist gegen Gebühr an mehreren Tagen der Woche auch für Motorräder und Autos offen. Bei Gegenverkehr kann es schon ziemlich eng werden. Und staubig sowieso. Es geht hinauf auf bis zu 2200 Meter Seehöhe. Das Panorama ist dramatisch, und ich kann mich kaum sattsehen. Die Gruppe treffen wir wieder in der Berghütte Don Barbera. Noch einmal dürfen wir genießen. Bei deftiger Polenta und einer grandiosen Landschaft.

Bevor es zurückgeht, möchte Stefano wissen, ob es mir denn gefallen hat. Eine Frage, die ich von Herzen mit „es war großartig“ beantworten kann!

Eva Bukovec, Kronen Zeitung

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