Chaos-Abzug der USA

Afghanistan kann Bidens Präsidentschaft ruinieren

Ausland
27.08.2021 21:17

Von Turbanmännern gedemütigt: Das Prestige der USA ist im Keller. Vor allem US-Präsident Joe Biden steckt wegen des Afghanistan-Debakels in der Krise, sogar seine eigenen Wähler verlassen ihn. Das Versagen überschattet den 20. Jahrestag von 9/11 in zwei Wochen und gefährdet seine Polit-Pläne. 

Was für ein persönliches Desaster auch für Joe Biden. Seine Präsidentschaft war so erfolgreich angelaufen! Dieses Abzugs-Desaster in Afghanistan birgt eine Brisanz, die seine Präsidentschaft zerstören könnte, noch bevor sie richtig begonnen hat.

Bei Wählern viel Vertrauen verloren
Diese Demütigung der USA durch Turbanmänner wird Folgen haben, wenn die Nation aus dem ersten Schock erwacht. Biden braucht für seine großen Pläne parteiübergreifend die Republikaner, aber es hagelt sogar Kritik aus den eigenen Reihen. Er hat enorm an Vertrauen verloren bei vielen Wählern, die ihn gewählt hatten, weil sie an seine politische Erfahrung glaubten. Jetzt ist ihre Reaktion Wut und Entsetzen. Man spricht wieder über „Trump 2024“ und hält schon davor einen republikanischen Sieg bei den Kongresswahlen 2022 für möglich.

Taliban-Kämpfer beim Freitagsgebet mit einem Imam in einer Moschee in der afghanischen Hauptstadt Kabul (Bild: AFP)
Taliban-Kämpfer beim Freitagsgebet mit einem Imam in einer Moschee in der afghanischen Hauptstadt Kabul

Hexenjagd droht: „Wer verlor Afghanistan?“
Böse Erinnerungen werden wach: In den Fünfzigerjahren waren die USA in die hysterische sogenannte Hexenjagd gestürzt: „Who lost China?“ (Wer ist schuld am Verlust Chinas an Maos Kommunisten?). Heute droht eine neue Hexenjagd: „Who lost Afghanistan?“ Die Horrorbilder rund um den chaotischen US-Abzug werden in wenigen Tagen den 20. Jahrestag von 9/11 überschatten, des Terrorangriffs auf die New Yorker Zwillingstürme und das Verteidigungsministerium in Washington. Afghanistan war kurz danach der erste Vergeltungsschlag gewesen.

USA bauten riesiges Kartenhaus auf
Dieser Treppenwitz der Geschichte könnte nicht größer sein: Im Oktober 2001 nahmen die USA den Taliban Afghanistan weg, und zwanzig Jahre später gaben sie Afghanistan den Taliban zurück. Dazwischen führten sie dort ihren längsten Krieg und verpulverten dazu den Rekord von 1000 Milliarden Dollar mit Zehntausenden Toten. Weshalb konnten die USA & Co. mit ihren großen Regierungs- und Nachrichten-Apparaten nicht erkennen, was zum Beispiel für Journalisten und Kundige vor Ort völlig klar war: dass die USA ein riesiges Kartenhaus errichtet hatten; aufgebaut auf alten korrupten Klanchefs, Opium-Fürsten und einem nach 47(!) Jahren Kriegen (= 1,5-mal Dreißigjähriger Krieg in Europa) völlig zerstörten Land und Gesellschaft.

Versuch des Nation-Buildings fehlgeschlagen
Ich flog 2002 mit dem ersten Bundesheerkontingent (wieder) nach Afghanistan. Österreich hatte von Anfang an klargestellt: Ein Jahr und nicht länger. Alle Ortskundigen sagten: Fremde haben drei Jahre Zeit, ihr Ziele zu erreichen. Wenn sie es bis dahin nicht geschafft haben: nichts wie raus! Bevor die fremdenabstoßenden Gene in Afghanistan virulent werden wie schon gegen die Briten und Russen. Das Ziel wurde sogar erreicht – Al-Kaida hinauswerfen – aber dann leider aus den Augen verloren. Denn die Amerikaner wollten dort auch noch die Demokratie einführen

Weitere zwanzig Kriegsjahre haben das Volk vollends zermürbt. Es wuchs die Bereitschaft, sich um des lieben Friedens willen (wieder) mit den Taliban einzulassen. Der widerstandslose Blitzdurchmarsch gelang durch eine Mischung aus Sympathie und Resignation.

Ähnlich muss es 1938 in Österreich gewesen sein
Ähnlich Österreich 1938 mit dem Synonym „Der Staat, den keiner wollte“, politisch und wirtschaftlich am Ende: Ein widerstandsloser Blitzdurchmarsch gelang aus Sympathie und Resignation. Afghanistan hatte das Pech, dass es ab 2003 aus Sicht von vier US-Präsidenten nur noch ein Nebenkriegsschauplatz war. Im Zentrum stand der Lügenkrieg gegen Iraks Saddam Hussein. Bilanz: Irak zerstört, IS groß gemacht.

Schwer bewaffnete Taliban: Seit der Machtübernahme hat sich das Ortsbild in Kabul stark gewandelt. (Bild: AP)
Schwer bewaffnete Taliban: Seit der Machtübernahme hat sich das Ortsbild in Kabul stark gewandelt.

Wie eine Werbeaktion für Dschihadnachwuchs
Die Kriegsanstrengungen in Afghanistan wurden reduziert. Es ging nur noch um „Stellung halten“, damit von dort kein Dschihadismus mehr ausgeht. Kommen jetzt IS und Al-Kaida zurück? Das Debakel in Kabul ist ein enormer Auftrieb für islamische Extremisten weltweit; geradezu eine Werbeaktion für Dschihadistennachwuchs. Das Desaster in Afghanistan kann jetzt sogar Auslöser neuer Kriege sein.

Welch ein trauriger kommender 20. Jahrestag von 9/11. Die Al-Kaida-Terroristen waren „erfolgreich“, nicht nur in der Zerstörung der New Yorker Zwillingstürme. Sie haben auch die US-Demokratie zur „Entgleisung“ und auf furchtbare Abwege gebracht: Kriegsverbrechen, Folter, KZ Guantánamo (bis heute), Lügenpolitik, wie jene von Saddams Massenvernichtungswaffen.

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