Lange mussten die Wiener Musikfans auf ein richtig großes internationales Top-Konzert warten. Soul-Diva Joss Stone begeisterte Donnerstagabend mehr als 2000 Fans beim Open-Air-Gig in der Wiener Arena mit stimmlicher Präsenz und guter Laune. Der Wermutstropfen: viele solcher Events wird es in näherer Zukunft wohl nicht geben.
Wochenlang kein Live-Lebenszeichen auf den Social-Media-Plattformen der Künstlerin und auch der heimische Veranstalter blieb überraschend ruhig - fast war man vermutet zu glauben, dass das geplante Joss-Stone-Konzert in der Wiener Arena kurzfristig abgesagt werden könnte. Und dann auch noch die Wettervorhersage mit Dauerregen. Schon bei ihrer letzten Arena-Audienz im Sommer 2014 brachen im Himmel alle Dämme und das Konzert musste frühzeitig abgebrochen werden. Das Publikum stand knöcheltief im Schlamm und der Regen peitschte schräg auf die Bühnenelektrik. Daran erinnert sich die leibhaftig auf der Bühne stehende Stone noch heute gut, auch wenn es entgegen aller Ängste die vollen 100 Konzertminuten trocken bleibt. Gottseidank, muss man dazu sagen, denn die Britin beweist sich in absoluter Topform und vermischt stimmliches Können mit flächenstrahlender Sympathie. Eine ganz und gar unwiderstehliche Kombination, die in Zeiten des pandemisch erzwungenen Konzertdarbens ihre Wirkung potenziert.
Zwischen Syrien und Wien
Als sie um Punkt 20 Uhr die Bühne entert, kennt die Freude bei den knapp über 2000 Anwesenden keine Grenzen. Endlich wieder ein internationales Konzerthighlight, endlich wieder ein Weltstar mitten in Wien, endlich wieder mal live in einer Fremdsprache mitsingen. Wer in den letzten Wochen Zeuge der immer wieder vorkommenden Liveshows in und Wien wurde weiß - die Dankbarkeit, wieder Teil von Events sein zu dürfen, ist groß. Der Genuss eines Konzerts hat einen immens hohen Wert, sodass eine vollständige Illuminierung oder der permanente Smartphone-Gebrauch kein Thema sind. Einer erdigen Vollblutkünstlerin wie Joss Stone fällt sowas freilich auf. Sie genießt das Bad in der Menge und fühlt selbst die Energie des Besonderen. Stone ist eine der wenigen internationalen Künstlerinnen, die sich trotz der prekären Lage immer wieder in den Tourbus setzt, um so oft wie möglich auf die Bühne zu gehen. Ihre „Total World Tour“ führte sie schon illegal nach Syrien, nach Tadschikistan und Nordkorea - da tut ein Land mit einer mäßigen Impfquote von hageren 60 Prozent auch nicht mehr weh.
Dass Events unter den gängigen Sicherheitsauflagen zumindest Open Air gut funktionieren, haben viele Konzerte und Festivals über den Sommer verstreut bewiesen. Die Distanz zwischen den Besuchern ist löblich, auch wenn Stones intensive Songs gerne umarmen und sich anschmiegen. Im roten Cocktailkleid bewegt sich die stimmstarke Jazz-Liebhaberin grazil und feenhaft über die Bühne und verstärkt ihre stimmliche Präsenz mit einer gelösten Stimmung. Das Joe-Simon-Cover „The Chokin‘ Kind“, ein inbrünstiges „Big Ol‘ Game“ oder ein einnehmendes „Stuck On You“ sind nur ein paar der vielen Highlights im Set der 34-Jährigen. Sie animiert nicht nur ihre zwei Backgroundsängerinnen, sondern auch die Fans immer wieder zum Mitsingen, lässt der Bläserfraktion Platz für solistische Ausflüge und ihrer fünfköpfigen Band immer wieder den nötigen Raum, um zwischenzeitlich die Führung zu übernehmen.
Ein Spice Girl
Die Haare sind kürzer, das Outfit eleganter, ansonsten hat sich bei Stones Arena-Auftritten zwischen 2014 und 2021 wenig verändert. Akribisch wagt sie sich an Töne, baut das Publikum immer wieder aktiv ein und erzählt Geschichten von ihrem Hund, dessen Tumor wie aus dem Nichts verschwand. Dann übt sie sich in galanter Selbstironie, wenn sie zugibt, dass die Spice Girls einst ihre Lieblingsband war. Ein „Spice Girl“ ist Stone selbst, aber kein rein kommerziell vermarktbares, sondern vielmehr ein künstlerisch vielseitiges. Mit dem nötigen Feuer im Hintern zwirbelt sie gewohnt barfuß über die Bühnenbretter und verteilt am Ende überdimensionale Sonnenblumen in den ersten paar Reihen. Immer wieder verlässt sie ihre geliebten Soul-Pfade, um ihrer zweiten großen Liebe Reggae zu frönen. „Mir wurde gesagt, es wäre heute zu kalt dafür, aber Reggae passt doch immer“. Wahre Worte. Vor allem dann, wenn sich das eher eintönige Genre so geschickt mit der Wärme des Soul und der Ursprünglichkeit des Blues vermischt.
Ihre Liebe zum Reggae hat Stone auf „Water For Your Soul“, ihrem bislang letzten Studioalbum aus dem Jahr 2015, offensiv nach außen getragen. Seitdem ist musikalisch wenig passiert. Sie konzentrierte sich anfangs auf ihre massive Welttournee, wurde von der Pandemie eingebremst, gebar im Jänner 2021 ihre erste Tochter und gewann einen Monat später die zweite Staffel der britischen Version des Erfolgsformats „The Masked Singer“ - als Wurst verkleidet. So manch hartgesottener Fan fürchtete ob dieser ungewöhnlichen Zurschaustellung eine Zukunft im „Dschungelcamp“, doch beseelte und authentische Auftritte wie jene in der malerischen Wiener Arena beweisen, dass sich künstlerische Grandezza, Familienleben und die richtige Portion Trash durchaus vermischen lassen, ohne an Credibility einzubüßen. Auch wenn Stone die ganz großen Tage ihrer Karriere hinter sich zu haben scheint, ist ein Auftritt noch immer ein Ereignis.
Glanz des Abends
Im Schlussdrittel läuft die Britin zur absoluten Hochform auf. Einer lasziven Version des Blues-Klassikers „I Put A Spell On You“ folgt eine magische Extended-Aufführung des Hits „Right To Be Wrong“, der sich musikalisch als auch inhaltlich längst als zeitlose Preziose in die Musikhistorie eingebrannt hat. Ein bisschen hoffte man vielleicht auf eine Charlie-Watts-Verbeugung, aber ein spontanes Rolling-Stones-Cover war dann doch nicht mehr drin. Der Abgang von der Bühne erfolgt hastig. Fast so, als ob Stone genau wissen würde, dass damit das vielleicht letzte große Stück internationale Königsklasse aus dem Land ziehen würde. Wo es mit Großkonzerten dieser Art hingeht, bleibt ungewiss. 2021 ist jedenfalls nicht mehr mit sehr viel zu rechnen, dafür sorgen verschobene Tourneen, steigende Inzidenzzahlen und die latente Ungewissheit, mit welchen Regeln man in näherer Zukunft bedacht wird. Den Glanz dieses Abends sollte man sich lieber im Gedächtnis halten.
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