„Die Welt zerfällt in ihre Einzelteile, und ich hab Langeweile.“ Was sich wie die zynische Beschreibung eines Corona-Lockdowns anhört, entstammt dem Titelstück von Drangsals neuem Album „Exit Strategy“. Der deutsche Musiker verhandelt darauf aber nicht zwingend die aktuelle Pandemie, sondern eher innere Zustände und große Themen des Lebens. Verpackt wird all das in extrem eingängige Popmusik, die ihm mitunter die Bezeichnung als Neo-Schlager einbrachte
„Soundtechnisch gab es anfangs kein Credo. Mir war nur wichtig, verständlichere Songs zu schreiben. In einer Zeit, in der alles komplizierter wird, wollte ich genau das für meine Musik vermeiden“, erzählt Max Gruber, wie der Künstler bürgerlich heißt, im APA-Interview. Das manch Kritiker damit offenbar wenig anfangen kann, berührt den Endzwanziger aber nicht. „Ich habe aufgehört, Musik unter solchen geschmacklichen Gesichtspunkten zu beurteilen. Die Platte kann man vielmehr als ein Hinwegsetzen über jedwede Geschmacksgrenzen lesen - oder man kann sie einfach anbiedernden Schlagermüll finden“, lacht Gruber.
Platz für Pop
Wie auch immer man zum (teilweise) neuen Sound von Drangsal stehen mag: Eingängig ist „Exit Strategy“ in jedem Fall geworden. Die New-Wave- und 80er-Einflüsse blitzen in Stücken wie dem mitreißenden Opener „Escape Fantasy“ oder dem knackigen „Benzoe“ auf, zudem gibt es vielfach einen sehr präsenten Popgestus, der Nummern wie „Mädchen sind die schönsten Jungs“ oder „Schnuckel“ sofort ins Ohr gehen lässt.
Wurde Drangsal für sein 2016 erschienenes Debüt „Harieschaim“ vom Feuilleton groß gefeiert, sind die ersten Rückmeldungen auf die elf neuen Stücken offenbar verhaltener. „Was sich bei mir verändert hat: Es ist mir egal geworden“, unterstreicht Gruber, der „Brutalo-Pop“ als mögliche, aber nicht ganz ernst gemeinte Zuschreibung nachwirft. „Das, was ich mache, ist weder Schlager, noch biedert es sich einem modernen Popentwurf an. Wenn das so wäre, wäre ich ja massivst erfolgreich“, lacht der Sänger. „Aber das stimmt nicht. Es ist immer noch super verkopft und super verquer - zumindest in der hiesigen Poplandschaft.“
Liebe zur Bequemlichkeit
Zurück zum eingangs aufgestellten Corona-Bezug: Der ist inhaltlich insofern nicht richtig, als die neuen Stücke „zu 99 Prozent“ vor März 2020 fertig waren. Zu diesem Zeitpunkt ging Gruber gemeinsam mit seinem Produzenten Patrik Majer ins Studio. „Ich war damals einfach froh, was zu tun zu haben“, erinnert sich Drangsal an diese Zeit, in der er - glücklicherweise - um die Ecke arbeiten konnte. „Viele Künstler brauchen ja einen Tapetenwechsel, wollen sich in eine Enklave begeben. Ich bin da anders: Der Fußweg ins Studio darf nicht länger als zehn Minuten sein! Und das war letzten Endes meine Rettung.“
Inhaltlich spielen wiederum „die Flucht vor sich selber und dieser Selbsthass oder die Unzufriedenheit mit dem Ich“ eine wesentliche Rolle. „Es war interessant, als ich das erkannt habe, weil ich gar nicht so einen bewussten Schreibprozess habe. Es fühlt sich eher wie ein Interim an. Bevor es losging, gab es keinen inhaltlichen roten Faden“, sinniert Gruber. „Allerdings waren die Musik, die ich mache, und die Texte, die ich schreibe, schon immer fürchterlich Ich-bezogen. Insofern war es kein Wunder, dass es das wieder ist“, lacht der Künstler.
Zweifel waren vorhanden
Corona beeinflusse mittlerweile aber, wie er viele der Songs lese. „Man hatte in dieser Phase umso mehr Zeit, sich selber im Spiegel zu betrachten und nachzudenken über Entscheidungen, die man getroffen hat, weil man so gefangen war.“ Irgendwann gebe es nichts mehr zu sehen, nichts mehr zu lesen, nichts mehr zu tun. „Und dann sitzt du vor der weißen Wand und überlegst.“ Er selbst sei in einen „Strudel des Zweifelns“ gekommen. „Und wenn ich jetzt auf diese Platte zurückschaue, erkenne ich die Keime dafür, die schon vorher gepflanzt waren und von Corona nur im Wachsen befeuert wurden.“
Als Künstler, aber auch Mensch bleibe man jedenfalls ein Suchender. „Eine Zeit lang dachte ich, dass ich genau weiß, wer ich bin und wo ich hin will. Aber jetzt fühlt sich das fast wie eine Verklärtheit an“, so Gruber. „Ich finde es ernüchternd, dass das ein anhaltender Prozess ist.“ Umgelegt auf die Musik sei es aber auch ein Antrieb. „Zufriedenheit lehne ich ab“, sagt Drangsal mit einem Augenzwinkern. „Stolz und happy sein mit der Arbeit, die in die Platten geflossen ist: Ja! Aber der Bezug zur Musik ändert sich über die Zeiten hinweg. Man will einen neuen Song, neue Stimuli, neue Späße erfinden. Daher: Zufriedenheit ist schön, aber ich will sie nicht gleichsetzen müssen mit Stagnation.“ Die kann man Drangsal beim Hören von „Exit Strategy“ beileibe nicht ankreiden.
APA/Christoph Griessner
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