07.05.2021 07:00 |

WHO-Experte betont:

„Verbote allein helfen nicht gegen Pandemie“

Zahlreiche Menschen fühlen sich nach mehr als einem Jahr Covid-19 erschöpft. Diese „Pandemic Fatigue“ muss ernstgenommen werden. Das Verstehen der Motivationen der Menschen in der Pandemie, ihre Einbindung, Risikoreduktion statt simpler Verbote und Anerkenntnis ihrer Nöte müssen an erster Stelle stehen, sagte Donnerstagnachmittag WHO-Europa-Generaldirektor Hans Kluge in einer Online-Veranstaltung des Berufsverbandes der Österreichischen Psychologen und Psychologinnen (BÖP).  

Die Behörden vieler Länder - auch in Europa und in Österreich - setzten ab Beginn der ersten Lockdowns vermehrt auf Verbote und Strafen, um Verhaltensmaßregeln zur Eindämmung von Covid-19 durchzubringen. So sprach zum Beispiel Österreichs Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) von der Polizei als „Flex“ zur Unterbrechung von SARS-CoV-2-Infektionsketten. Allein seit September 2020 setzte es in Österreich mehr als 40.000 Strafen.

Dauerstress durch Verbote
Doch der Dauerstress durch Verbote und Einschränkungen, die Ängste vor Jobverlust, Doppelbelastungen mit Home Office und Kinderbetreuung, soziale Isolation und viele andere Begleiterscheinungen lassen offenbar immer mehr Personen in eine Art Covid-19-Burn-out und in Folgekrankheiten rutschen. Die Präsidentin des BÖP, Beate Wimmer-Puchinger: „Ein Drittel der Menschen haben Depressionen, 28 Prozent leiden unter Angststörungen. Gewalt hat zugenommen. Das trifft vor allem uns Frauen.“

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Ein Drittel der Menschen haben Depressionen, 28 Prozent leiden unter Angststörungen. Gewalt hat zugenommen. Das trifft vor allem uns Frauen.

Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbandes der Österreichischen Psychologen und Psychologinnen

Diese psychischen Schäden sind quälend für die Betroffenen und ihre Angehörigen und kontraproduktiv im Zurückdrängen der Pandemie. Hans Kluge: „Viele Leute sind mit dieser Pandemie überlastet. Diese Pandemie-Erschöpfungszustände sind die Reaktion auf die anhaltenden negativen Auswirkungen auf ihr Leben. Das gefährdet das Befolgen der Sicherheitsmaßnahmen erst recht. Im Bereich der Gesundheit hat es seit hundert Jahren keine ähnliche Herausforderung gegeben. Wir erleben eine noch nie dagewesene Situation.“

„Müssen die Menschen verstehen und einbinden“
Der Generaldirektor des WHO-Regionalbüros für Europa (inklusive der Staaten Zentralasiens etc.) formulierte vier Strategien, die es zu befolgen gelte: „Wir müssen die Menschen verstehen und verstehen, warum sie in einer bestimmten Form handeln, auch ihre irrationalen Handlungen. Sie brauchen keine Schuldzuweisungen und sollen keine Schuldgefühle haben. Wir müssen die Menschen mit ihrem Engagement einbinden, damit sie die Möglichkeiten sehen, die Pandemie für sich positiv zu bewältigen. Wenn man nicht hundert Prozent erreichen kann, soll man 90 Prozent der Ziele erreichen, aber sicher und mit einer Reduktion des Risikos.“

Schließlich seien Mitgefühl und Unterstützung die Menschen in schwierigen psychischen Situationen entscheidend. Kluge: „Jeder von uns hat in dieser furchtbaren Pandemie etwas verloren.“ Das müsse man anerkennen und die erlittenen Härten ansprechen. Nur so könne es nach der Pandemie wieder aufwärts gehen.

„Das Leben jedes Einzelnen verändert“
Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) betonte in einer Online-Begrüßungsbotschaft unter anderem: „Das Coronavirus hat das Leben jedes Einzelnen verändert. Diese Pandemie ist nicht nur die größte Gesundheitskrise seit Langem. Sie bringt auch eine soziale Krise mit sich.“ Weil WHO-Europa-Generaldirektor Hans Kluge kurzfristig nach Moldawien reisen musste, wurde sein Vortrag voraus produziert und eingespielt.

Michaela Braune
Michaela Braune
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