14.01.2021 12:09 |

Mitarbeiter packen aus

Klima der Angst: Einblick in den Alltag bei Huawei

Der chinesische Huawei-Konzern wuchs binnen 30 Jahren vom Start-up zum globalen Riesen heran. Heute gilt das von den USA der Spionage bezichtigte Unternehmen als führend bei 5G-Technologie und liefert sich mit Samsung ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des größten Smartphone-Herstellers. Doch der Erfolg entstehe auf Kosten der Mitarbeiter, klagen Ex-Beschäftigte. Bei Huawei herrsche ein Klima der Angst und beinah militärischer Drill. Das Unternehmen dringe tief ins Privatleben der Mitarbeiter ein. Huawei weist die Vorwürfe zurück.

Das berichtet das deutsche IT-Nachrichtenportal netzpolitik.org, das gemeinsam mit anderen europäischen Medien monatelang interne Dokumente von Huawei analysiert und mit ehemaligen Mitarbeitern gesprochen hat. Die erzählen von einem Arbeitsklima, das schwer erträglich scheint: Enormer Druck, Diskriminierung, Drohungen, Motivkündigungen, Angst und Isolation prägen demnach den Alltag der 200.000 Beschäftigen bei Huawei - ganz besonders jenen der Chinesen.

Auch im Ausland haben Chinesen das Sagen
Sie stellen im Management des Konzerns die Mehrheit und treffen laut dem Bericht alle Entscheidungen. In den Auslandsniederlassungen finde man zwar Manager aus dem jeweiligen Land. Höhere Positionen bleiben diesen jedoch verwehrt, hinter jedem stehe ein „Schattenmanager“ aus China. Bei ihnen endet dann auch die Informationskette im Unternehmen, klagen Beschäftigte - auch Österreicher, die Huawei auf der Arbeitgeber-Bewertungsseite „Kununu“ für seine Firmenkultur kritisieren und eine Wertung von 2,7 von fünf möglichen Punkten abgeben.

Die Manager aus China sollen Huaweis Vorgaben im Ausland durchsetzen, seien aber selbst deren Opfer, berichten Ex-Mitarbeiter. Die gut ausgebildeten jungen Chinesen, die Huawei in seine Auslandsniederlassungen schickt, müssen sich nämlich an strenge Spielregeln halten.

„Bitte verrate niemandem, dass ich Deutsch lerne“
Kontakt zu Einheimischen oder das Erlernen der Landessprache sei unerwünscht. „Bitte verrate niemandem, dass ich Deutsch lerne“, soll ein Chinese einen deutschen Kollegen gebeten haben. Ein Ex-Mitarbeiter aus China, der sich in der Schweiz verliebt und eine Familie gegründet hat, erzählt, dass er seine Beziehung zunächst vor dem Chef geheim hielt. Als dieser davon erfuhr, lud er den Mann zum Abendessen ein und sprach eine Drohung aus: Wenn er sich nicht versetzen lasse, werde er gekündigt. Der Chinese weigerte sich - und verließ das Unternehmen.

Wer im Ausland bleiben will, wird entlassen
Huawei-Personal aus China, das ins Ausland geschickt wird, werde aktiv daran gehindert, Wurzeln zu schlagen und Kontakte zu knüpfen. In einem internen Schreiben auf Chinesisch heißt es: „Diejenigen, die eine Aufenthaltsgenehmigung in einem EU-Land erhalten haben oder deren Ehepartner einen ständigen Wohnsitz in der EU haben sowie diejenigen, die aus eigenen Stücken einen ständigen Wohnsitz in der EU beantragt haben, müssen Europa so schnell wie möglich verlassen. Wenn sie der Aufforderung nicht nachkommen, wird das Unternehmen ihr Arbeitsverhältnis kündigen.“

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In der Firma wird es als Verrat betrachtet, eine Einheimische zu heiraten und eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Ex-Huawei-Manager aus London

Ein ehemaliger Huawei-Mitarbeiter aus London erzählt: „In der Firma wird es als Verrat betrachtet, eine Einheimische zu heiraten und eine andere Staatsbürgerschaft anzunehmen.“

Mitarbeiterinnen wegen Kinderwunsch gekündigt
Kündigungen seien auch üblich, wenn Mitarbeiterinnen Mütter werden - oder auch nur den Versuch unternehmen. So wird ein Fall aus Spanien zitiert, wo eine Huawei-Mitarbeiterin nach zehn Jahren im Betrieb gekündigt wurde, weil sie sich Kinder wünschte. Krankenstände wegen Fehlgeburten und einer Fruchtbarkeitsbehandlung wurden als abnehmende Arbeitsleistung bewertet, der Frau wurden zuerst Boni gestrichen, dann wurde sie gefeuert - zu Unrecht, wie ein spanisches Gericht festhielt. Und kein Einzelfall, wie eine Betriebsrätin einer spanischen Huawei-Tochter vor Gericht erzählt: Ihr seien mindestens fünf solche Fälle bekannt.

Wer über 50 ist, ist unerwünscht
Auch Mitarbeiter über 50 haben es bei Huawei offenbar schwer, tatsächlich gibt es kaum welche: Nur rund zwei Prozent der Belegschaft seien über 50, berichtete Huawei 2019 auf seiner Website. Den Grund dafür verraten Ex-Mitarbeiter, laut denen ältere Angestellte gezielt aus dem Unternehmen gemobbt würden - etwa, indem man ihnen sinnlose oder überhaupt keine Aufgaben mehr gebe oder sie zwangsversetze. Damit wolle das Management den Alltag der Mitarbeiter stören und ihnen das Gefühl geben, nicht mehr willkommen zu sein. 

Dazu passt eine Rede von Huawei-Gründer Ren Zhengfei, der einmal gegenüber neuen Mitarbeitern erklärt haben soll, Personal über 50 koste die Firma Millionen an zusätzlichen Ausgaben. Generell sei die Rhetorik und Kultur bei Huawei harsch und martialisch, berichten Ex-Mitarbeiter - und berichten von zweiwöchigen „Bootcamps“ für neue Mitarbeiter an der Firmenzentrale in Shenzhen, bei denen sie mit körperlichem und psychischem Drill auf Linie gebracht werden sollen.

„Lärm der Artillerie“, Rommel-Vergleiche
Immer wieder stoße man in Dokumenten und Reden auf Kriegsrhetorik. Gründer Ren Zhengfei - einst Ingenieur bei der Volksbefreiungsarmee - soll neuen Mitarbeitern einmal erklärt haben, im Außendienst müssten sie „Feldarmeen“ bilden und den „Lärm der Artillerie“ wahrnehmen. Es werden Manager mit Generälen verglichen, das Geschäft mit Schlachten an der Front. Besonders bizarr: In einer E-Mail an Beschäftigte der Europazentrale soll Huawei auf Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel als Inspirationsquelle verwiesen haben. Als „unbesiegbarer Feldherr“ wurde Rommel offenbar auch auf der chinesischen Huawei-Website dargestellt.

Wie beim Militär soll es auch zugehen, wenn Mitarbeiter Fehler machen oder allzu hoch gesteckte Ziele nicht erreichen. Ein Ex-Mitarbeiter berichtet von einem internen Meeting, bei dem ein Manager gewissermaßen an den Pranger gestellt wurde: Jeder Anwesende musste Kritik an ihm üben und der Manager Reue für sein Scheitern bekunden, bevor er zur Strafe zurück nach China geschickt wurde. Schnell werde es bei Huawei auch laut: Manch Manager aus China sei zwar ein guter Ingenieur, habe aber kein Gespür für Mitarbeiterführung. „Es ist eine Nerdbude“, sagt ein Ex-Mitarbeiter.

9-9-6: 12 Stunden täglich, sechs Tage pro Woche
Damit sie die vom Unternehmen gesteckten Ziele erreichen können, müssen die Mitarbeiter oft Überstunden leisten. Reges Treiben im Huawei-Büro in Düsseldorf am Sonntag, Besprechungen um 22 Uhr abends oder zeitweise im Büro übernachtende Mitarbeiter aus China seien üblich, klagen Ex-Mitarbeiter. Für viele gelte das System 9-9-6, das bedeutet, sechs Tage pro Woche von neun Uhr morgens bis neun Uhr abends zu arbeiten. Vor allem das chinesische Personal könne sich dem schwer entziehen, wisse beim Dienst im Ausland, abgekapselt von den einheimischen Kollegen, oft schlicht gar nicht um seine Rechte.

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Aufopferung ist die höchste Pflicht des Soldaten. Der Sieg ist des Soldaten größter Beitrag.

Kalligrafie in der Huawei-Zentrale

Eine Kalligrafie in der Firmenzentrale verdeutliche, was das Management bei Huawei von der Ressource Mensch erwarte: „Aufopferung ist die höchste Pflicht des Soldaten. Der Sieg ist des Soldaten größter Beitrag.“

Die von den Arbeitnehmern erwartete Aufopferung schade aber letztlich der ganzen Branche, kritisiert eine Gewerkschafterin. „Wenn Arbeitnehmerrechte nicht eingehalten werden - sei es bezüglich Arbeitszeit oder Bezahlung -, können solche Unternehmen billiger anbieten. Sie sind rund um die Uhr einsatzfähig und verzerren dadurch den Wettbewerb.“

Huawei weist alle Vorwürfe zurück
Huawei weist die erhobenen Vorwürfe zurück oder relativiert sie: Es sei nicht so, dass Mitarbeiter ständig im Büro nächtigen, Überstunden seien „auf freiwilliger Basis“ und man halte sich sehr wohl an die Arbeitszeitgesetze im jeweiligen Land. Man diskriminiere keine Mitarbeiter wegen ihres Alters oder ihres Geschlechts. Die Firmenrhetorik sei nicht kriegerisch und man habe keinen positiven Bezug zu Rommel oder Nazi-Deutschland. Ständige Versetzungen der Mitarbeiter seien „unverzichtbar“, um flexibel zu bleiben und Erfahrung zu sammeln. Die strikten Regeln zum Aufenthalt im Ausland und die Rückkehraufforderungen seien nicht mehr in Kraft.

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