09.09.2020 06:00 |

Compilation „Versions“

Archive: Große Jubiläumsfeiern wider Willen

Die Trip-Hop-Pioniere Archive sind seit mehr als einem Vierteljahrhundert unterwegs und erfreuen sich nach anfänglicher Skepsis ob der großen Feierlichkeiten. „Versions“ behandelt zehn große Songs aufs Minimalste reduziert - und auch sonst hat Danny Griffiths im „Krone“-Talk viel zu erzählen.

Mit großen Feierlichkeiten haben nicht alle Menschen die gleiche Freude. Es gibt auch im musikalischen Segment welche, die Jubiläen bis zum Exzess zelebrieren und andere, die sich am liebsten still und heimlich aus der Affäre ziehen möchten. Das Südlondoner Trip-Hop-Kollektiv Archive steckt da irgendwo dazwischen mit einer stringenten Tendenz zum Understatement. So veröffentlichten Darius Keeler, Danny Griffiths und Co. zum 25. Geburtstag die Karrierewerkschau „25“ mit ein paar neuen Songs und bespielten dafür 53 Städte in 16 verschiedenen Ländern. „So ganz geplant war das gar nicht“, erinnert sich Griffiths im breiten London-Akzent im Gespräch zurück, „das Label wollte schon zum 20er etwas haben, aber da sind wir lieber ins Studio und haben ,Axiom‘ aufgenommen. Der Gedanke einer Best-Of war auch dieses Mal hart, denn immerhin vergegenwärtigt dir sowas, dass du nicht mehr der Jüngste bist.“

Fernab des Genredenkens
Im Endeffekt haben Archive trotzdem ziemlich viel Freude aus dem Projekt gezogen. „Sich durch die alten Songs zu wühlen und die richtigen auszuwählen, das war schon fein. Die Zeit verging schnell und im Endeffekt hatten wir die Songs schneller beieinander, als wenn wir eine Live-Setlist schreiben.“ Das Ergebnis war mehr als üppig und begeisterte die vielen Fans mit einer 6-fachen LP-Box. Songs und Preziosen aus dem reichhaltigen Backingkatalog einer Band, die sich ohnehin nie auf ein Genre festschnallen ließ, und neben der entscheidenden Mit-Popularisierung von Trip-Hop auch gerne mal auf Alternative Pop, Art-Rock, Post-Rock oder Prog-Rock schwankte. „Archive waren immer offen für alles. Man selbst verändert sich, die Leute um dich herum verändern sich, die Welt verändert sich und irgendwann einmal sogar dein Stammlokal - warum sollte die Musik dann das einzige sein, das sich ständig wiederholt? Wir sind weder eine Rockband, noch eine Trip-Hop-Band oder eine Experimentalband. Mich würde es immens langweilen, würden wir seit 25 Jahren gleich klingen.“

Da nicht nur „25“ ein veritabler Erfolg war, sondern auch die zahlreichen Liveshows vor dem Pandemieausbruch gefeiert wurden, haben Archive die Feierlichkeiten gleich um ein ganzes Jahr verlängert. Mit „Versions“ erscheint dieser Tage nämlich die nächste Karriererückschau, die dieses Mal aber entscheidend verändert wurde. Auf der Werkschau interpretieren die Briten insgesamt zehn ihrer Songs aus unterschiedlichen Phasen aufs Wesentlichste reduziert. Meist nur von einem sanften Piano begleitet, manchmal etwas ausgeladener, aber stets im feinen Mantel der Zartheit gewickelt. Dabei griff die Band nicht nur auf altbekannte Tracks zurück, sondern etwa auch auf das erst letztes auf „25“ erschienene „Remains Of Nothing“. Wo andere Künstler kläglich Schiffbruch erleiden, gelingt Archive mit den Neuaufnahmen eine Potenzierung der Atmosphäre. Ausufernde Songs wie „Lights“ oder „Again“ verkürzen sich teilweise recht drastisch, ohne dabei an Qualität einzubüßen.

Die Wien-Connection
Für Keeler und Griffiths, die beiden einzigen Fixkonstanten und Hauptkomponisten seit Anfangstagen, ist das ständige Verändern, Erweitern und Dazulernen die allerwichtigste Prämisse für künstlerische Zufriedenheit. „Uns kommt zugute, dass wir sehr gut mit anderen Musikern arbeiten können. Wichtig ist nur, dass alle Beteiligten sehr leidenschaftlich sind. Bei uns bekommen die Musiker alle Freiheiten, denn wir lassen die Leute gerne ihre Stärken ausspielen. Archive ist natürlich auf einem gewissen Klangkorpus aufgebaut, aber von da weg gibt es wenige Grenzen.“ Eine langjährige Konstante ist - als dritter im Bunde - Pollard Berrier, der einst im Wiener WUK an der Garderobe arbeite und Keeler dort ein Demo von sich und seinem Gesang zusteckte. „So kam alles ins Rollen“, erinnert sich Griffiths, „und so arbeiten wir heute noch. Wenn uns Leute musikalisch überraschen können und wir nicht zu schnell in eine Komfortzone rücken, dann ist die Chance auf eine Kollaboration hoch.“

Ein Teil der immer steigenden Popularität Archives ist ihre Vielseitigkeit nach außen. Die Band funktioniert bei einem kommerziell kuratierten Massenfestival genauso gut wie auf einer Boutique-Veranstaltung, in großen Hallen als auch in kleinen Clubs. „Das ist für uns wichtig, das müssen wir gar nicht abstreiten“, bestätigt es Griffiths, „es ist natürlich toll, dass wir auf unterschiedlichen Ebenen funktionieren und es für die Fans überall spannend ist. Viele Bands konzentrieren sich normalerweise zu sehr aufs Livespielen und vergessen dann den Schreibprozess. Das war bei uns nie der Fall.“ Einen Lieblingsort zum Auftreten hat Griffiths nicht zwingend, die intimeren Shows bevorzugt er im Endeffekt aber schon. „Die Menschen sind dir nahe und du fühlst alles. Wenn im Publikum bei einer kleinen Show etwa keine Energie ist, dann wird auch von uns keine kommen. Eine große Show braucht immer die Beteiligung beider Parteien. Die Leute wissen oft gar nicht, wie wichtig ihre Interaktion für eine Band auf der Bühne eigentlich ist.“

Inspirierend für andere
Nach mittlerweile 26 Jahren mit mehrfachen großen Erfolgen sind Archive längst eine Inspiration für andere Künstler. „Wenn dem so ist, ist das natürlich etwas Schönes, das ich als sehr positiv betrachte. Viele Leute stecken uns immer wieder ihre Demos zu und sagen, dass wir sie beeinflussen würden. Ich bin vor allem deshalb glücklich darüber, weil es uns zeigt, dass wir etwas richtig machen. Das ist das schönste Kompliment für deine Arbeit.“ Da Archive nimmermüde Arbeitstiere sind, wird es - vier Jahre nach „Axiom“ - wohl auch mal ein Studioalbum geben. „Wir freuen uns natürlich auf die nächste Veränderung und haben ausreichend Ideen. Wenn wir mit einem Projekt fertig sind, denken wir immer automatisch schon an das nächste.“ Bei Archive muss man ohnehin immer mit dem Unerwarteten rechnen. Erst recht nach einer so langen Schaffensphase.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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